Weniger Züge wegen teurer Schienenmaut: Kürzungen für Riesa ab Dezember
Bahnfahrer in der Region müssen sich auf weniger Züge einstellen. Der Zweckverband Verkehrsverbund Ostsachsen (ZVVO) bestellt im Auftrag der Region die Regionalzüge und S-Bahnen. Er will sein Angebot verkleinern, weil die Preise für die Nutzung der Schienen und Bahnhöfe deutlich gestiegen sind. Das hat der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) am Freitag mitgeteilt. Erste Kürzungen gelten ab dem Fahrplanwechsel im Dezember. Über weitere Einschnitte soll die Verbandsversammlung entscheiden.
Was ab Dezember gilt
Zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember 2026 fährt die Regionalbahn RB 45 (Chemnitz – Döbeln – Riesa – Elsterwerda) am Wochenende zwischen Döbeln und Elsterwerda nur noch alle zwei Stunden. Davon ist im Landkreis Meißen vor allem Riesa betroffen. Die Kürzung ist mit dem Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) abgestimmt, der für den Chemnitzer Teil der Linie zuständig ist.
Auf der S-Bahn S 3 fällt der Abschnitt zwischen Tharandt und Freiberg weg. Bisher fahren die S-Bahnen dort nur in den Hauptverkehrszeiten. Künftig fährt die S 3 nur noch zwischen Dresden und Tharandt.
Was noch geprüft wird
Der Verband arbeitet nach eigenen Angaben an einem umfassenden „Reduktionskonzept“. Darüber, was davon umgesetzt wird, entscheidet die Verbandsversammlung des ZVVO. Die nächste öffentliche Sitzung ist laut VVO für Donnerstag, 3. Dezember 2026, angesetzt. Ob das Konzept dann schon auf der Tagesordnung steht, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Der VVO nennt diese Möglichkeiten:
- S 1 (Meißen – Dresden – Schöna): Die ursprünglich geplanten zusätzlichen Züge über den ganzen Tag könnten gestrichen werden. Außerdem könnten die Zusatzzüge, die heute in der Hauptverkehrszeit fahren, in den Ferien ausfallen.
- S 2 (Dresden Flughafen – Pirna): Sie könnte sonntags komplett wegfallen, weil sie an diesem Tag weniger genutzt wird.
- RB 71 (Pirna – Neustadt – Sebnitz): Die Linie könnte ganz eingestellt werden.
- Förderung von Infrastruktur: Der Verband will dafür voraussichtlich drei Millionen Euro weniger ausgeben. Um welche Projekte es geht, sagt die Mitteilung nicht.
- Zittauer Schmalspurbahn: Der Verband prüft, seinen eigenen Zuschuss auslaufen zu lassen. Er zahlt ihn bisher zusätzlich zu den Mitteln des Landes.
- Verwaltung: Das Budget der Verbundverwaltung soll um zehn Prozent sinken.
- Außerdem spricht der ZVVO mit allen Bahnunternehmen, die in seinem Auftrag fahren, über weitere Einsparungen.
Was das für den Landkreis Meißen heißt
Für Pendler zwischen Meißen, Coswig, Radebeul und Dresden ist die S 1 die wichtigste Verbindung. Seit April 2017 fahren dort in der Hauptverkehrszeit vier S-Bahnen pro Stunde. Diese Zusatzzüge könnten nach den Plänen in den Ferien wegfallen. Über die Verdichtung zwischen Meißen und Pirna über den ganzen Tag wollte der VVO nach eigenen Angaben im Sommer 2026 entscheiden, abhängig vom Geld. Sie hängt mit dem neuen S-Bahn-Vertrag zusammen, der im Dezember 2027 beginnt. Diese Verbesserung steht nun auf der Streichliste.
In Riesa trifft die Kürzung der RB 45 am Wochenende Fahrgäste Richtung Döbeln und Chemnitz sowie Richtung Elsterwerda. Für die übrigen Bahnlinien im Kreis, etwa über Großenhain oder Priestewitz, nennt die Mitteilung keine Kürzungen. Ob das Reduktionskonzept weitere Linien im Landkreis betrifft, ist offen.
Millionen-Mehrkosten für den Verband
Auslöser ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom 19. März 2026. Danach ist die sogenannte Trassenpreisbremse für den Nahverkehr nicht mit EU-Recht vereinbar. Für 2026 heißt das laut VVO: Eine S-Bahn oder ein Regionalzug zahlt pro Kilometer rund neun Prozent mehr für die Nutzung der Gleise.
Für den ZVVO bedeutet das nach eigenen Angaben: Für 2025 droht rückwirkend eine Nachzahlung von 9,5 Millionen Euro. 2026 fallen 8,8 Millionen Euro zusätzlich für die Nutzung der Schienen an. Für 2027 ist eine weitere Erhöhung der Trassenpreise um 7,8 Prozent beantragt. Ab dann rechnet der Verband mit mehr als 14 Millionen Euro Mehrkosten pro Jahr. Dazu kommen höhere Gebühren für die Nutzung der Bahnhöfe, die sogenannten Stationsentgelte. Sie sind beantragt, aber noch nicht genehmigt. Diese Kosten könne der Verband mit seinem Geld nicht dauerhaft ausgleichen, heißt es. Deshalb bleibe nur, weniger Züge zu bestellen.
„Diese Entscheidung fällt uns außerordentlich schwer, da wir das Angebot lieber ausbauen als reduzieren wollen“, sagt ZVVO-Geschäftsführer Burkhard Ehlen. „Ohne finanzielle Unterstützung des Landes oder rascher Entscheidungen für neue Trassenpreise auf Bundesebene bleibt uns jedoch keine andere Wahl. Die geplanten Einschnitte treffen dabei sowohl ländliche Regionen als auch den Ballungsraum Dresden.“ Ehlen kritisiert den Bund: „Damit werden wir das gemeinsam mit vielen Partnern geschaffene hohe Niveau des Nahverkehrs aufgrund der fehlenden Entscheidungen im Bundesverkehrsministerium aufgeben müssen“, sagt er. „Was wir hier erleben, ist die Verkehrswende im Rückwärtsgang.“
Auch Mittelsachsen kürzt
Der ZVVO ist nicht allein. Der Zweckverband Verkehrsverbund Mittelsachsen (ZVMS) kündigte am Freitag ebenfalls Kürzungen zum 13. Dezember an. Ihm fehlen allein für 2026 nach eigenen Angaben 5,3 Millionen Euro. Betroffen sind vor allem Fahrten in den Weihnachts- und Sommerferien, am Wochenende und am späten Abend. Auch bei der RB 45 sollen nach der Liste des ZVMS am Wochenende einzelne Fahrten entfallen. In den Ferien soll dort montags bis freitags der Wochenendfahrplan gelten. Ob das zusätzlich zur Kürzung des ZVVO auch den Abschnitt durch den Landkreis Meißen betrifft, geht aus den Mitteilungen nicht eindeutig hervor. Laut ZVMS bereitet auch der Zweckverband Vogtland ähnliche Schritte vor.
Hintergrund: Trassenpreise und das EuGH-Urteil
Wer mit Zügen das Netz der Deutschen Bahn nutzt, zahlt eine Art Maut, die Trassenpreise. Für die Bahnhöfe werden Stationsentgelte fällig. Die Netze betreiben die Bahn-Töchter DB InfraGO und DB RegioNetz Infrastruktur, die Bundesnetzagentur genehmigt die Preise.
Bisher waren die Preise für den Nahverkehr per Gesetz gedeckelt. Laut Eisenbahnregulierungsgesetz durften sie zuletzt nur um 1,8 Prozent pro Jahr steigen, ab 2026 um 3 Prozent. Die Kostensteigerungen der vergangenen Jahre mussten deshalb vor allem Fern- und Güterzüge tragen. Dagegen klagten die DB InfraGO und andere Bahnunternehmen vor dem Verwaltungsgericht Köln. Das Gericht legte den Fall dem EuGH vor. Die Luxemburger Richter entschieden (Rechtssache C-770/24), dass die starre Berechnungsformel den Betreibern zu wenig unternehmerischen Spielraum lässt. Das verstoße gegen die EU-Richtlinie über einen einheitlichen europäischen Eisenbahnraum.
Die Bundesnetzagentur hob daraufhin am 22. Juli die Trassenpreise für 2026 auf, die sie im Dezember 2025 genehmigt hatte, und legte neue fest. Bei der DB InfraGO steigen die Preise für den Nahverkehr dadurch um 9 Prozent. Für Fernzüge sinken sie um 17 Prozent, für Güterzüge um 12 Prozent. Bundesweit kostet das den Nahverkehr nach Angaben der Behörde rund 400 Millionen Euro zusätzlich. Über die Preise für 2025 will die Bundesnetzagentur später entscheiden. Deshalb spricht der Verband bei der Nachzahlung für 2025 noch von einer drohenden Summe.
Das Bundesverkehrsministerium hatte nach dem Urteil eine Reform der Trassenpreise angekündigt. Sie steht auch im Koalitionsvertrag. Umgesetzt ist sie bislang nicht. Mehrere Bahnverbände, darunter die Allianz pro Schiene und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, halten den geplanten Start zum 1. Januar 2027 nicht mehr für erreichbar. Die Ministerpräsidenten der Länder forderten im Juni, dass der Bund die Mehrkosten aus dem Urteil noch 2026 vollständig ausgleicht. Der Bundesrat schloss sich dem am 10. Juli an. Auch der Sächsische Landtag hatte vor der Sommerpause einen entsprechenden Antrag beschlossen. Eine Zusage des Bundes gibt es bislang nicht.
Der Nahverkehr auf der Schiene wird vor allem aus Regionalisierungsmitteln bezahlt, die der Bund den Ländern überweist. In Sachsen gibt der Freistaat den Großteil davon an die vier Zweckverbände weiter. Der ZVVO ist für die Stadt Dresden und die Landkreise Bautzen, Görlitz, Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge zuständig. Der Landkreis Meißen schickt Vertreter aus seinem Kreistag in die Verbandsversammlung.