Mythos Erzgebirge: Eine Ausstellung sprengt Heimatklischees
Ein Bericht von Ulf Mallek
Zwickau. Die letzten Besucher müssen stehen. Dicht gedrängt füllt sich der Empfangsraum der ehemaligen Baumwollspinnerei in Zwickau zur Eröffnung der Ausstellung „Mythos Erzgebirge am Freitagabend. Kunst und Eigensinn einer Region“. Die Feuerwehrkapelle Mülsen St. Micheln spielt Lieder von Anton Günther, viele der rund 250 Gäste singen mit. Es ist ein Auftakt, der tief in der erzgebirgischen Tradition verwurzelt scheint. Doch genau mit solchen Erwartungen spielt diese Schau - und hinterfragt sie zugleich.
„Zwickau ist zwar noch nicht Erzgebirge, aber das Tor zum Erzgebirge“, sagt Oberbürgermeisterin Constance Arndt bei der Vernissage zu Meißen News. Die Stadt verstehe sich als wichtiger Kulturstandort. Es gibt Einrichtungen wie das August-Horch-Museum. Zugleich erinnerte sie daran, dass die städtischen Kunstsammlungen derzeit saniert werden und voraussichtlich Ende 2028 beziehungsweise Anfang 2029 wiedereröffnen sollen.
Dass die Ausstellung ausgerechnet in Zwickau gezeigt wird, ist daher mehr als ein geografischer Zufall. Hier beginnt fas Erzgebirge, auch wenn es nicht so aussieht. Man sagt auch noch nicht überall "Glück auf!" Das hat etwas mit Wismut Aue zu tun, weiß die Oberbürgermeisterin.

Blick in einen der vielen Ausstellungsräume.
Auf 1.600 Quadratmetern vereint die Schau mehr als 350 Werke von über 120 Künstlerinnen und Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts und ist die erste umfassende Gesamtschau zur Kunst des Erzgebirges seit rund 80 Jahren. Gezeigt werden Malerei, Grafik, Skulptur, Fotografie und filmische Arbeiten. Die Ausstellung läuft bis zum 23. Mai 2027 in der historischen Baumwollspinnerei im metaWERK.
Mehr als Engel, Bergbau und Schwibbögen
Was ist eigentlich „erzgebirgische Kunst“? Schnitzfiguren, Engel, Schwibbögen, Bergmannsdarstellungen? Wer mit dieser Erwartung nach Zwickau kommt, erlebt eine Überraschung.
Kurator Paul Kaiser stellte in seiner Eröffnungsrede eine der Grundfragen des Projekts: Kommt tatsächlich „alles vom Berg her“, wie ein oft zitierter erzgebirgischer Leitspruch behauptet? Nach jahrelangen Recherchen seien die Kuratoren zu einem differenzierteren Ergebnis gelangt. Vieles komme eben auch „vom Wald her“, vom Werkstoff Holz, von Landschaft, Biografien und kulturellen Verflechtungen.
Holz wird in der Ausstellung deshalb zu einem Leitmotiv. Von den Holzschnitten eines Heinz Tetzner über die ungewöhnlichen Assemblagen Kurt Teubners bis zu den monumentalen Skulpturen Hans Brockhages spannt sich ein Bogen, der das Erzgebirge als eigenständige Kunstlandschaft zeigt. Dabei geht es weniger um Folklore als um Material, Herkunft und Identität.
Ein weiter Begriff vom Erzgebirge
Bemerkenswert ist der weite regionale Ansatz. Für Kaiser und seinen Mitkurator Dieter Hoefer, ein gebürtiger Meißner, zählt nicht allein der Geburtsort. Entscheidend seien Herkunft, biografische Prägung und die künstlerische Auseinandersetzung mit der Region. So finden sich neben genuinen Erzgebirgs-Künstlern auch Namen wie Wolfgang Mattheuer oder Max Uhlig in der Ausstellung. Beide stammen nicht aus dem Erzgebirge, haben sich jedoch intensiv mit der Landschaft und ihren Menschen auseinandergesetzt. Gerade diese Offenheit macht den Reiz der Schau aus.
Kaiser sprach von einem „Kontinuum des Eigensinns“, das die Kunst des Erzgebirges kennzeichne. Besonders im westlichen Erzgebirge habe sich fern der großen Akademien und Kunstzentren eine eigenständige, oft autodidaktisch geprägte Kunstszene entwickelt. Daneben stehe die stärker akademisch geprägte Tradition des Osterzgebirges. Die Spannung zwischen diesen Polen ziehe sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung.
Erinnerung an einen Neubeginn 1946
Ein weiterer Schwerpunkt der Schau ist ihr historischer Bezug. Die Kuratoren knüpfen bewusst an die erste große Ausstellung erzgebirgischer Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg an, die 1946 in Freiberg stattfand.
Dieter Hoefer erinnerte in seinem Beitrag an diese weitgehend vergessene Schau. Damals seien trotz schwieriger Nachkriegsbedingungen rund 1.500 Arbeiten eingereicht worden. Mehr als 7.000 Besucher hätten die Ausstellung gesehen. Bemerkenswert sei gewesen, dass ausdrücklich auch Flüchtlinge, Umsiedler und außerhalb der Region arbeitende Erzgebirger eingeladen wurden. „Entscheidend ist die künstlerische Leistung“, lautete damals das Credo.
Mit der aktuellen Ausstellung wollen die Veranstalter an diesen offenen Kunstbegriff anknüpfen.
Kulturministerin lobt „unverwechselbaren Charakter“
Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch würdigte die Ausstellung als ein Projekt von außergewöhnlicher Dimension. „Die Ausstellung ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus Heimat, geschichtlicher Tiefe und dem unverwechselbaren regionalen Charakter“, erklärte sie. Die Künstlerinnen und Künstler des Erzgebirges schärften den Blick auf die Heimat und eröffneten ungewohnte Perspektiven. Besonders hob die Ministerin das ehrenamtliche Engagement, die Arbeit der Kuratoren sowie die Unterstützung von Förderern und Partnern hervor.
Expedition in den „Miriquidi“
Am Ende wirkt die Ausstellung wie eine Expedition in den sagenumwobenen „Miriquidi“, jenen mittelalterlichen Dunkelwald, aus dem das Erzgebirge hervorgegangen sein soll. Sie zeigt eine Region, die weit mehr ist als Weihnachtsromantik und Bergbaufolklore.
Wer die Hallen der ehemaligen Spinnerei verlässt, nimmt vor allem eine Erkenntnis mit: Das Erzgebirge ist nicht nur eine Landschaft. Es ist ein kultureller Resonanzraum. Und seine Kunst erzählt davon auf überraschend vielfältige Weise.
Und dann doch: das Glück auf! Die Gäste erhoben sich von ihren Plätzen und sagen gemeinsam mit der Feuerwehrkapelle begeistert das Steigerlied, die Hymne der Region. Zumindest drei Strophen.
Mythos Erzgebirge. Kunst und Eigensinn einer Region
- Ort: Historische Baumwollspinnerei 1896, metaWERK Zwickau, Pölbitzer Straße 9, 08058 Zwickau
- Ausstellungsdauer: 31. Oktober 2026 bis 23. Mai 2027
- Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 18 Uhr. Auch an allen Feiertagen während der Laufzeit geöffnet, einschließlich Oster- und Pfingstmontag.
- Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, Familienkarte 15 Euro
- Barrierefreiheit: Fahrstuhl vorhanden, für Rollstuhl und Rollator geeignet, barrierefreies WC.
- Umfang: 1.600 Quadratmeter Ausstellungsfläche; die offizielle Ausstellungsseite nennt mehr als 350 Werke von über 122 Künstlerinnen und Künstlern.
- Kuratoren: Paul Kaiser und Dieter Hoefer