100-Millionen-Ansage: Wie Supermarkt-König Simmel die Dresden-Brache rettet
Dresden. Für Baubürgermeister Stephan Kühn ist der schmale Streifen an der Westseite des Wiener Platzes auch eine Familiensache. In den 2000er Jahren plante seine Mutter, wie sich genau dieses „Handtuchgrundstück" erschließen ließe, damals noch für einen Omnibusbahnhof. Danach geschah lange nichts. Jetzt, ein guters Vierteljahrhundert Jahre später, wird tatsächlich gebaut, und seine Mutter freue sich sehr, dass aus ihren Plänen etwas wird, wie Kühn erzählte.
Denn am Montag stellte Peter Simmel das Vorhaben bei einem Pressegespräch nun als „Simmel Terminal" vor, einen Bürokomplex mit Fernbusbahnhof und Fahrradparkhaus. Rund 100 Millionen Euro soll es kosten. Gebaut wird ab Frühjahr 2027, fertig will Simmel im Juni 2030 sein.

Simmel betreibt gleich nebenan seinen Lebensmittelmarkt und hatte ein eigenes Interesse daran, dass sich auf der Brache endlich etwas tut. „Von unserem Markt aus konnten wir über Jahre beobachten, dass auf dem Grundstück nichts passierte", sagt er. Schon die Standortanalyse für den Markt von 2017 hatte mit dem Terminal gerechnet, das eigentlich bis 2024 stehen sollte. Als der bisherige Investor, die S&G Development aus Leipzig, das Projekt wegen der Finanzierung nicht mehr stemmen konnte, griff Simmel zu. Anfang 2026 übernahm er, im April machte die Stadt den Wechsel öffentlich. Den Kaufpreis für das 7.142 Quadratmeter große Grundstück hat er inzwischen bezahlt.
Vier Baukörper und ein Büroturm
Das Gebäude wird knapp 200 Meter lang und besteht aus vier verbundenen Teilen zwischen 20 und 30 Metern Höhe. Direkt am Platz schließt ein knapp 46 Meter hohes Hochhaus mit zehn Etagen ab. Im Erdgeschoss entsteht ein überdachtes Fernbusterminal mit zehn Steigen, ausgelegt auf mehr als 440 Busbewegungen pro Tag. Es löst das Provisorium südlich des Hauptbahnhofs ab. Dazu kommen ein Flixbus-Shop, Gastronomie und Läden für Reisebedarf.
Ins Fahrradparkhaus passen 800 Räder, darunter 25 Lastenräder. Der Zugang läuft über eine Rampe und einen zweispurigen Radweg direkt am Gebäude, dazu soll am Terminal eine neue Straßenbahnhaltestelle entstehen. Weil sich so ein Parkhaus allein nicht trägt, schießt die Stadt 2,5 Millionen Euro zu. Im Gegenzug muss es mindestens 20 Jahre privat betrieben werden, die Stadtratsvorlage dafür ist auf dem Weg. Betreiben soll das Terminal laut Simmel die GOLDBECK Parking Services GmbH, die schon die Fernbusbahnhöfe in Leipzig und Chemnitz führt.
Verkehr wird zur Knobelei
Knifflig bleibt die Verkehrsführung. Die Busse fahren im Nordwesten ein und queren zum Ausfahren die Straßenbahngleise am Wiener Platz, dazu kommen bis zu 800 Radfahrer und Reisende mit Rollkoffern. Der Radweg kreuzt die Schienen gleich zweimal, hinter und vor dem Gebäude. Dafür sind laut Kühn Lichtsignalanlagen geplant. Im Zugang zum Terminal vom Wiener Platz aus soll dagegen keine klassische Ampel den Platz verstellen, dort setzt die Stadt auf Markierungen am Boden.
Vom ersten Entwurf ist einiges angepasst worden. Die auskragende Form des Hochhauses fällt weg, ebenso die begrünte Fassade zum Wiener Platz. „Der jetzige Entwurf ist einfacher realisierbar und weniger kompliziert", erklärte Architekt Thomas Knerer. Statt bewachsener Wände gibt es nun grüne Kanten und Dächer an den Nachbargebäuden, die Pflege wäre bei vielen Büromietern sonst kaum zu stemmen gewesen. Die Fassade selbst soll aus recyceltem Aluminium in einem nicht spiegelnden Grünton bestehen. Auch die Büroflächen sind nicht mehr auf Co-Working zugeschnitten, weil der Bedarf zurückgeht, der Grundriss lässt sich je Mieter frei einteilen.
Büros, Boardinghaus, halb vermietet
Im Hochhaus stehen vom 2. bis 9. Obergeschoss je rund 1.023 Quadratmeter zur Verfügung, Platz für etwa 48 Einzelbüros oder 64 offene Arbeitsplätze pro Etage. In den drei angrenzenden Bauteilen sind weitere Büros geplant, dazu ein Boardinghaus mit 150 möblierten Appartements und ein Fitnesscenter. Rund 50 Prozent der Flächen sind laut Simmel vermietet, die andere Hälfte ist noch frei. Interessenten lädt er ein, sich bei ihm zu melden und am Grundriss mitzuplanen.
Den überarbeiteten Entwurf liefert wie zuvor das Dresdner Büro Knerer und Lang, das auch Simmels bestehenden Komplex am Wiener Platz und das Fahrradparkhaus in der Neustadt, das Ende 2027 in Betreib gehen soll, geplant hat. Aus der Gestaltungskommission gab es neben viel Lob den Rat, zum Hauptbahnhof hin mehr Grün zu pflanzen. Wegen der vielen Leitungen im Boden ist das laut Kühn schwierig.
Wenn der Zeitplan hält, steht 2030 an der Stelle ein Gebäude, für das Kühns Mutter vor über zwanzig Jahren die ersten Linien zog.