Schöner Wein: Das pralle Leben im 18. Jahrhundert
Wäre Roman Kempf nicht der Autor, sondern ein Mitwirkender in seinen Kriminalromanen, läge die Antwort auf alles und vor allem die nach dem Mörder ganz klar auf der Hand: Kempf ist gelernter Gärtner und somit prädestiniert für die führende Schurkenrolle. Aber er hat sich anders entschieden: in seinen Criminalfällen um den Klosterbruder Peter Abel meucheln die anderen, der junge Cellerar der Benediktinerabtei von Amorbach ermittelt lieber. Im bereits 2007 erschienenen Buch „Schöner Wein“ nimmt alles seinen Lauf – den zehnten und bislang letzten Band gibt es seit 2025. Ein langer Zeitraum – aber spannenderweise entspricht der in etwa der Zeitspanne, die uns Peter Abel begleitet: von 1781 bis 1800.
Auf den Roman aufmerksam gemacht hatten mich mehrfach (und unabhängig voneinander) Winzerinnen und Winzer bei meinen Besuchen in Churfranken. Die Handlung spielt (es gab damals weder zu spät kommende Züge noch zu teure Sprit schluckende Autos) auf kleinem Raum: in Amorbach mit seinem Benediktinerkloster, Großheubach (nicht nur mit dem Kloster Engelberg, sondern auch mit der Prachtlage Bischofsberg) – und in Miltenberg, der Stadt des (Wein-)Handels und der Pilger, in der Abel „gute Gespräche, guten Wein“ und Marie kennenlernt. Er liebt das alles.
Es geht – bei dem Titel des Romans kein Wunder – um Wein, aber es geht auch um neue Ideen, es geht um Rivalitäten. es geht um Hexerei und um einen Toten. Ein bisschen Liebe kommt auch dazu, das gewisse Kribbeln macht ja auch vor Klostermauern nicht halt, und der Wirtschaftschef des Klosters kommt viel raus aus dem Kloster und ist ja auch erst 30 Jahre alt… Da klopft beim Anblick Maries das Herz, da glühen die Wangen – aber die Gedanken sind frei, und nur der Roman (der Autor) kann sie erraten. Als Leser ahne ich: da entwickelt sich was – aber wer mehr wissen will, muss weitere Bände kaufen.
Anders ist’s bei der Leich‘. Die ist gefunden, und den Mörder zu finden ist des Cellerarius liebstes Pläsir. Auf der Suche nach dem Mörder erleben wir das pralle Leben im ausgehenden 18. Jahrhundert. Neid, Missgunst, Vorteilsnahme – all sowas. Und natürlich gab es auch damals schon „die da oben“ und „die da unten“ sowie die großen und die kleinen Machenschaften. Roman Kempf hat genau recherchiert, was er da als Fiktion spannend und wunderbar leicht lesbar zusammengetragen hat, da steckt nicht nur zwischen den Zeilen mehr Wirklichkeit drin als man sich vorstellen kann. Von wegen: früher war alles besser…
Fiktion mit historischem Hintergrund
Roman Kempf hat viel recherchiert, seine Fiktion macht den Roman spannend und lesbar, aber die Recherchen sind ein solides Fundament für einen Einblick in die damalige Zeit. Und so sind natürlich die Zitate der Häcker (wie die Winzer in der Gegend heißen) und anderer handelnder Personen frei erfunden – aber nicht ohne ein Fünkchen Wahrheit. Das Jammern der Häcker beispielsweise („Spätfröste und fehlende Niederschläge im vergangenen Jahr“) war ja durchaus begründet – und anders als in unserer heutigen, vernetzten Welt waren Missernten bei Winzern und anderen Landwirten lebensbedrohlich, allemal, wenn ein schlechtes Jahr dem nächsten folgte. Um Qualität ging es auch schon vor über 200 Jahren: „Schlechtes Wetter ist Gottes Wille, doch schlechter Wein ist unsere Schuld!“, sagt (auf S. 12) Albert Hofmeister aus „Großheubach, dem Ort unterhalb des Klosters Engelberg“ (S. 11).
Die Handlung entwickelt sich flott. Es bleibt nicht bei einem Mord, es gibt offenbar Schummeleien zur Qualitätsverbesserung, es gibt immer wieder mal Marie-Momente – und natürlich löst sich alles zum Ende hin ganz schlüssig auf. Mehr zu verraten wäre gemein, es ist ja schließlich ein Criminalfall. Aber dass man die Orte von damals sich auch heute ansehen kann und dass die Winzer immer noch vom Wetter abhängig sind, aber selbst frostige Jahre wie im Jahr 2024 wegstecken und selbstbewusst dann eben die Keller von gereifteren Jahrgängen befreien oder sich schmackhafte Cuvées einfallen lassen: das darf man verraten.
Roman Kempf: Schöner Wein
LOGO VERLAG Eric Erfurth
Erscheinungstermin: 24. September 2007
7. Auflage, 208 Seiten
12,80 €
ISBN 978-3939462040
Webseite des Autors, auf der er nicht mit historischen Hintergrundinfos zum jeweiligen Buch geizt