Von der Zeit und der Pünktlichkeit: Warum zu spät sein und früher ankommen sich nicht ausschließen
Man kann in diesen Tagen wieder oft lesen, dass die Zeit umgestellt wird. Das ist, mit Verlaub, natürlich Humbug. Die Zeit macht nämlich dass, was sie immer tut: weiter. Sozusagen ihre Version von vorwärts immer, rückwärts nimmer. Was wir machen, sofern noch analoge Uhren im Haus sind, ist: an der Uhr drehen. Und zwar, um die Spannung da gleich rauszunehmen, in der Nacht von Samstag auf Sonntag um eine Stunde zurück. So gesehen stellt Paulchen Panther natürlich die falsche Frage: denn „Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?“, heißt im Herbst korrekt: „ist es wirklich noch so früh?“ Und das ist die Frage, die sich auch denen stellt, die sich via Smartphone, Smartwatch, Computer oder Funkwecker das Uhrenstellen von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig besorgen lassen, die ihrerseits eine Atomuhr beschäftigt für derlei Dinge.
Das mit der Zeit ist natürlich sowieso relativ. Ein schönes Beispiel dafür bietet nicht etwa die Lektüre der Theorien von Albert Einsteins Relativitätstheorie (eh zu schwer für uns Normalos), sondern die tägliche Teilnahme am öffentlichen Nahverkehr. Der besseren Lesbarkeit halber spreche ich hier jetzt nur von der Bus, meine das aber gendertechnik übergreifen, schließe also Bahnen, Fähren, Seilbahnen und andere fahrplanmäßig sich anbietende Verkehrsmittel mit ein. Beim Bus (B,F,S) ist es nämlich so: Wenn du zur Haltestelle gehst und dort pünktlich ankommst, der Bus aber dieses Mal zu früh war: dann kommst du zu spät. Ich nenne das die spezielle stipriaansche Relativitätstheorie (SSR). Solange das tagsüber und mit vernünftiger Taktung passiert, ist das kein Problem. Aber in den Abendstunden mit ihren spärlicheren Verkehrsverbindungen kann das sehr ärgerlich sein. Da hilft nur, deutlich früher da zu sein als der Bus!
Kommt der Bus, was tagsüber natürlich häufiger passiert, aber später, dann ist das oft erklärbar. Ein Bus ist auch nur ein Verkehrsteilnehmer und steht dann mit den anderen im Stau. Manchmal ist die Verspätung in Verbindung mit rechtzeitigem Erscheinen des/der Reisewilligen – sogar vorteilhaft. Denn aufgrund der SSR kommt der eigentlich verspätete Bus aus der Sicht des Reisenden bei unangemessen großer Verspätung im Rahmen des Zehn-Minuten-Taktes ja auch zu früh an – und so bekommst Du beim Umsteigen einen Anschluss, mit dem Du eigentlich nicht gerechnet hast. Im Endergebnis kommst Du also zu früh am Ziel an – wegen einer Verspätung. Verrückte Welt.
Wie relativ alles ist, durfte ich während meiner Tätigkeit als Buchmacher (nicht im Wettbüro, sondern als Vorstufe zum Drucken) bei Publikationen erleben. Da gibt es natürlich Zeitpläne, die in der Regel von hinten aufgedröselt werden – denn da steht meist ein unverrückbares Ereignis (Tagung, Messe, so was). Davor wird gedruckt, davor gestaltet, davor redaktionell bearbeitet. Ganz am Anfang stehen die Autoren, und die bekommen einen Abgabetermin. Was dann aber regelmäßig zu beobachten ist, läuft auf eine ganz eigene Interpretation allgemein bekannter Arbeitsabläufe hinaus. So passiert es regelmäßig, dass jemand zwei Monate nach seinem Abgabetermin fragt, wann der war. Angeblich haben ihn Erinnerungs-E-Mails natürlich nie erreicht, und – urlaubsbedingt! – käme er auch erst in drei Wochen dazu, weiterzumachen. Auch wenn da eigentlich (eigentlich!) schon alles in der Druckerei hätte sein sollen…
Ein ganz eigenes Kapitel – und da begibt man sich als Schreiber naturgemäß auf ganz dünnes Eis – sind mal wieder die Frauen. Eine nicht-wissenschaftliche Umfrage unter zehn Frauen ergab: sie stellen die Uhr gerne vor – um pünktlich zu sein. Alle Versuche, das zu verstehen, scheiterten bei mir. Die befragten Frauen zogen meist schulterzuckend ab und murmelten sowas wie „typisch Mann!“