Nicht das Wetter allein zählt: Was wirklich bestimmt, wann die Natur erwacht
Die Kirschblüte kommt früher. Der erste Schmetterling fliegt, bevor die Blumen sprießen. Vögel brüten, noch ehe die Insekten schlüpfen. Solche Verschiebungen kennt fast jeder aus eigener Beobachtung. Doch warum reagiert die Natur so unterschiedlich auf die Erwärmung? Antworten liefert jetzt eine Sonderausgabe der Fachzeitschrift „Functional Ecology", an der Forschende des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig sowie der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg maßgeblich beteiligt sind.
In 13 Einzelstudien zeigen sie: Der Zeitpunkt saisonaler Ereignisse, also Blüte, Fruchtbildung oder Fortpflanzung, wird nicht allein durch die Temperatur gesteuert. Entscheidend sind auch die biologischen Eigenschaften jeder Art selbst.
Jede Art tickt nach ihrer eigenen Uhr
Ob eine Pflanze im Winter ihre Blätter behält oder abwirft, wie viel Energie sie in den Wurzeln speichert oder wie Tiere auf Kälte reagieren – all das beeinflusst, wann und wie stark Arten auf veränderte Umweltbedingungen reagieren. Pflanzen, die ihr Laub über den Winter behalten, können im Frühjahr oft früher wachsen als andere. Manche Pflanzen starten sogar früher, weil ihre unterirdischen Knospen und Energiespeicher es erlauben, nicht nur wegen steigender Temperaturen.
"In der öffentlichen Wahrnehmung erscheinen saisonale Verschiebungen oft als einfache Reaktionen auf die Erwärmung. Doch Arten unterscheiden sich erheblich in ihrer Reaktion auf Umweltveränderungen", erklärt Christine Römermann, iDiv-Mitglied und Professorin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Selbst bei Tieren zeigt sich das Muster. Bei der Zauneidechse etwa bestimmen nicht nur wärmere Nächte, sondern auch das Nahrungsangebot gemeinsam, wann die Fortpflanzung beginnt. Mal früher, mal später, je nach Kombination der Umweltbedingungen.
Wenn die Uhren auseinanderlaufen
Die Forschenden zeigen auch, was passiert, wenn Pflanzen und Tiere nicht mehr im gleichen Takt laufen. Höhere Temperaturen verschieben zwar den Blühzeitpunkt, nicht aber bestimmte Eigenschaften der Blüten, wie etwa Duft oder Temperatur. Die Signale für Bestäuber wie Bienen oder Schmetterlinge bleiben also bestehen, kommen aber zu einem anderen Zeitpunkt. Das kann dazu führen, dass Blüten öffnen, wenn noch wenige Bestäuber unterwegs sind oder umgekehrt. Ähnliches gilt für Früchte. Nicht heimische Pflanzen in südamerikanischen Bergwäldern bieten ihre Früchte vor allem in der Trockenzeit an. Das beeinflusst, wann Tiere Nahrung finden und kann einheimische Pflanzen benachteiligen, die auf dieselben Tiere als Samenverbreiter angewiesen sind.
"Diese Studien zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der Vielfalt, die in der Sonderausgabe vorgestellt wird. Insgesamt entsteht ein umfassenderes Bild davon, wie Artmerkmale und Klima gemeinsam die saisonale Dynamik über Arten und Ökosysteme hinweg formen", ergänzt Robert Rauschkolb von iDiv und der Universität Jena, Mitherausgeber und Koordinator der Beobachtungsplattform PhenObs. Dieses Netzwerk sammelt langfristig Daten dazu, wann Pflanzen blühen, fruchten und austreiben. Das bildet die Grundlage für viele der neuen Erkenntnisse. Denn wer verstehen will, wie die Natur auf den Klimawandel reagiert, muss mehr kennen als nur steigende Temperaturen.