Kommentar: Gebt dem Zuse-Museum in Hoyerswerda eine letzte Chance
Ein Kommentar von Ulf Mallek
Es sieht nicht gut aus für das Zuse-Computer-Museum in Hoyerswerda. Eigentlich sieht es sogar ziemlich schlecht aus. Das ZCOM ist seit September geschlossen. Nun soll auch noch die Stiftung aufgelöst werden. Stiftungsratschef Steffen Markgraf begründet diesen Schritt mit der Gefahr einer drohenden Zahlungsunfähigkeit. Und für Teile der Sammlung gibt es bereits Interesse eines anderen Museums.
Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, wohin das führen kann: Am Ende besitzt die „Konrad-Zuse-Stadt“ vielleicht noch Straßenschilder und Erinnerungen an den berühmten Computerpionier, während ein bedeutender Teil seines musealen Erbes anderswo zu sehen ist.
Das wäre eine Katastrophe für Hoyerswerda
Natürlich kann man jetzt lange fragen, wie es so weit kommen konnte. Fehler sind genügend gemacht worden. Das Museum blieb zu sehr ein Haus für Menschen, die ohnehin wissen, was ein Robotron K 1520 oder eine Zuse-Z1-Maschine bedeutet. Die Besucherzahlen blieben deutlich hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück. 2025 kamen 10.314 Besucher, davon aber die meisten Schüler, die weniger Eintritt zahlen. Mehr als doppelt soviel wären nötig.
Ein Computermuseum darf heute nicht wirken wie ein Museum über Computer. Es muss Geschichten über Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Gaming, Robotik und die technische Zukunft erzählen. Es muss Kinder hereinholen, Jugendliche neugierig machen und Eltern einen Grund geben, mitzukommen. Vor allem muss es weit über Hoyerswerda hinaus bekannt werden.
Das ZCOM muss also moderner, lebendiger und weniger nerdig werden. Darüber darf man streiten. Man kann auch dem Konrad Zuse Forum Hoyerswerda vorwerfen, in diesem Konflikt nicht immer besonders glücklich agiert zu haben. Der inzwischen öffentlich ausgetragene Streit darüber, wer bei welcher Sitzung was wusste, hilft dem Museum jedenfalls keinen Millimeter weiter.
Schuldzuweisungen retten jetzt keinen einzigen Computer. Entscheidend ist etwas anderes: Es gibt noch eine Chance. Man muss sie nur nutzen wollen. Im Kern liegen drei Wege auf dem Tisch. Der Verein will mit einer gemeinnützigen GmbH einen Neustart versuchen und die Stiftung erhalten. Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh favorisiert den Übergang von Museumsgut in die Energiefabrik Knappenrode. Und der Chef der Stiftung bereitet deren Auflösung vor, um nach eigener Darstellung eine Insolvenz zu verhindern.
Die schlechteste Lösung wäre die vierte, die sich daraus irgendwann ergeben könnte: Ein wesentlicher Teil der Sammlung verschwindet aus der Region. Das wäre eine Katastrophe.
Deshalb sollte man der gGmbH eine Chance geben. Nicht blind. Nicht mit einem Blankoscheck. Und auch nicht mit der naiven Hoffnung, dass plötzlich doppelt so viele Besucher durch die Türen kommen. Der Plan des Vereins hat Schwächen. Er kalkuliert mit zuviel Besuchern. Trotzdem bleibt der Rechnung eine erhebliche Finanzierungslücke. Aber dieser Plan hat einen entscheidenden Vorzug: Er versucht, das Zuse-Museum als Zuse-Museum in Hoyerswerda zu erhalten.
Hinzu kommt die Aussicht auf 250.000 Euro eines privaten Unterstützers. Das löst die dauerhafte Finanzierung nicht. Aber es verschafft einem möglichen Neustart immerhin eine Ausgangsbasis. Warum also nicht eine Bewährungschance geben? Einen klar definierten Zeitraum, in dem eine gGmbH beweisen muss, dass sie professioneller vermarkten, neue Zielgruppen gewinnen, das Museum modernisieren, zusätzliche Sponsoren finden und aus dem ZCOM einen Ort machen kann, der nicht nur Computergeschichte verwaltet, sondern Zukunft vermittelt.
Knappenrode sollte Plan B bleiben
Der Vorschlag des Oberbürgermeisters ist keineswegs absurd. Eine Integration in eine etablierte Museumsstruktur könnte eine Möglichkeit sein, die Sammlung zumindest in der Region zu halten. Ruban-Zeh bezeichnet diesen Weg als die aus seiner Sicht vermutlich beste Rettungsmöglichkeit. Aber Knappenrode sollte Plan B sein, nicht Plan A.
Denn dieser Umzug hätte seinen Preis. Selbst Ruban-Zeh räumt ein, dass dort weniger Platz für das ZCOM zur Verfügung stünde, hält die vorhandenen Flächen allerdings für ausreichend. Das heutige ZCOM verfügt über rund 1000 Quadratmeter Ausstellung und noch einmal etwa 1000 Quadratmeter Depot, in dem ungefähr 18.000 Geräte lagern.
Welche Teile dieses Bestands an einem kleineren Standort gezeigt oder gelagert werden könnten, müsste deshalb geklärt werden. Eine Integration in eine bestehende Museumsstruktur mag wirtschaftlich vernünftig sein. Aber Rettung sollte nicht vorschnell Verkleinerung bedeuten, solange noch eine realistische Chance besteht, das ZCOM als eigenständiges Museum in Hoyerswerda zu erhalten. Deshalb sollte die gGmbH Plan A auf Bewährung sein und Knappenrode Plan B.
Gelingt der Neustart nicht, kann man anschließend immer noch über Knappenrode reden. Wird dagegen jetzt die Stiftung aufgelöst und werden Standort und bisherige Struktur aufgegeben, könnten Tatsachen geschaffen werden, die sich nur schwer zurückdrehen lassen.
Denn Konrad Zuse gehört zu Hoyerswerda. Dort verbrachte der Computerpionier einen Teil seiner Jugend, dort wurde er Ehrenbürger und dort hat man jahrzehntelang mit seinem Namen geworben. Eine Stadt kann sich schwerlich stolz „Konrad-Zuse-Stadt“ nennen und gleichzeitig zusehen, wie das Museum des Computerpioniers verschwindet. Jetzt ist deshalb nicht die Zeit, darüber zu streiten, wer bei welcher Sitzung auf welches Handy geschaut hat. Jetzt ist die Zeit, Zuses Erbe zu retten.
Und wenn dafür noch eine realistische Chance besteht, sollte Hoyerswerda sie ergreifen, bevor aus dem Computer-Museum tatsächlich nur noch eine gespeicherte Erinnerung wird.