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„Wir wussten zu wenig“: Stadt Dresden gesteht Verkehrs-Problem ein

„Wir wussten zu wenig“: Stadt Dresden gesteht Verkehrs-Problem ein
MOBIbike-Leihräder, E-Scooter und eine DVB-Straßenbahn mit der Aufschrift „Einsteigen" – Dresdens multimodales Mobilitätsangebot an einem Knotenpunkt der Stadt. Genau solche Alternativen zum eigenen Auto stehen im Mittelpunkt des Mobilitätsplans 2035+. Foto: CdH
Von: Cornelius de Haas
Die Stadt hat fünf Monate lang 20 Haushalte intensiv begleitet. Das Ergebnis ist weniger überraschend als aufschlussreich – und landet jetzt im Mobilitätsplan 2035+.

„Es wurde hier im Stadtforum auch mit dem Bobbycar gefahren." Frank Fiedler, Abteilungsleiter Verkehrsentwicklungsplanung im Dresdner Stadtplanungsamt, muss selbst ein bisschen schmunzeln, als er das am Donnerstag während der Pressekonferenz zum Reallabor AUTOmobil erzählt. Aber genau das war der Punkt: Das Reallabor AUTOmobil sollte nah dran sein an der Alltagsmobilität echter Dresdner Haushalte – nicht an Statistiken.

Fast 350 wollten mitmachen

Zwischen Mai und November 2025 begleitete die Stadtverwaltung gemeinsam mit dem Dresdner Büro Mobilitätswerk GmbH 20 Haushalte, die ihr Auto mindestens dreimal pro Woche nutzen. 52 Menschen waren dabei vertreten – vom Kleinkind bis zum Rentner. Diese Gruppe soll repräsentativ für jene Dresdner stehen, die ausschließlich das Auto für ihre Mobilität nutzen. Für einen Platz hatten sich knapp 350 Haushalte beworben. „Angesichts des Aufwandes, der zu betreiben war, ist das sehr gut", sagt Fiedler.

Der Aufwand war tatsächlich beträchtlich: Jeder Haushalt führte ein halbes Jahr lang ein Mobilitätstagebuch, nahm an Tiefeninterviews und Gruppendiskussionen teil. Dafür gab es 50 Euro pro Person und Monat, gedeckelt auf 150 Euro pro Haushalt – insgesamt 13.000 Euro. Für Radiowerbung gab die Stadt zudem 8.000 Euro aus. "Im Radio finden sie am ehesten Zugang zu Autofahrern", erklärte Fiedler, warum vor allem dieses Medium bei der Kandidatengewinnung half.

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Wie hoch die Kosten insgesamt waren, ist noch nicht abschließend erhoben. Verkehrsbürgermeister Stephan Kühn sieht es aber schon jetzt als gutes Geschäft: Bei einem externen Meinungsforschungsinstitut wären für eine vergleichbar intensive Erhebung deutlich höhere Kosten angefallen.

Geplant wurde das Projekt übrigens noch vor dem Einsturz der Carolabrücke – zu einer Zeit, als Dresdens Verkehrswende noch nicht so unmittelbar unter Druck stand wie heute.

„Wir wussten zu wenig"

Der Anstoß kam aus einer nüchternen Selbstkritik. „Wir haben in den Gremien festgestellt: Wir wissen zu wenig über den Grund der Wahl des Verkehrsmittels", sagt Kühn. Klassische Beteiligungsformate halfen da kaum weiter: „Bei den Mobidialogen mit 70 Teilnehmern und drei Stunden Dauer waren keine tieferen Nachfragen möglich." Und Fiedler ergänzte: "WIr wissen zwar, wie groß die Verkehrsströme sind und wie sie fließen. Wir wussten aber nichts über die Motivation."

Also wurde ein anderer Weg gewählt: kein Verzichtsappell, keine Gutscheine, einfach zuhören. Und was dabei herauskam, ist im Kern nicht neu – aber jetzt schwarz auf weiß: Autofahren ist selten eine Überzeugung, meistens eine Gewohnheit. Wohnort, Arbeitswege, Kita auf dem Berg, Arzt am anderen Ende der Stadt – wer solche Strukturen erstmal hat, denkt das Auto kaum noch weg. Alternativen kommen erst ins Spiel, wenn das eigene Auto in der Werkstatt ist, das Parken zur Qual wird oder Bus und Bahn tatsächlich schneller sind.

Stellten am Donnerstag die Ergebnisse des Reallabors AUTOmobil vor (v.l.): Frank Fiedler, Abteilungsleiter Verkehrsentwicklungsplanung im Stadtplanungsamt, Verkehrsbürgermeister Stephan Kühn und Stadtsprecher Daniel Heine. Foto: CdH

Überraschend: Auch Vielfahrer wollen keine asphaltierte Stadt. Grün, Lebensqualität, Umwelt – das sind auch in dieser Gruppe echte Anliegen. Viele kombinieren ohnehin schon verschiedene Verkehrsmittel, je nach Situation.

Noch mehr überrascht hat Fiedler etwas anderes: „Mich hat die Vehemenz überrascht, mit der eingefordert wurde, über Neuerungen im Dresdner Verkehr informiert zu werden. Wir wurden quasi aufgefordert, jedes neue Verkehrsschild und jede Baustelle öffentlichkeitswirksam zu kommunizieren." Letzteres ist zumindest für interessierte Bürger im Themenstadtplan auf der Webseite Dresdens mit wenigestens 14 Tagen Vorlauf zu finden.

18 Maßnahmen, 24.000 Klicks

Die Erkenntnisse sind in 18 der insgesamt 70 geplanten Maßnahmen des Mobilitätsplans 2035+ eingeflossen: bessere Park-&-Ride-Angebote mit direkter ÖPNV-Ticketbuchung, günstigere Einstiegstarife, stadtweites Carsharing, mehr Sicherheit im Nahverkehr, Echtzeit-Infos auch bei Baustellen.

Das Reallabor war dabei nur ein Baustein. „Die Mischung macht es aus", sagt Kühn, „und die Möglichkeit des Vergleichs der quantitativen und qualitativen Ergebnisse." Dass das Interesse groß ist, zeigen auch die ersten Zahlen zur laufenden Bürgerbeteiligung mobiVOTE: Bis Donnerstagvormittag hatte die Seite bereits 24.000 Aufrufe. Noch bis Juni 2026 können alle Dresdnerinnen und Dresdner dort über mehr als 70 Maßnahmen abstimmen – unter dresden.de/mobiVOTE.

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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