Vom Glasservice zum Haus der Trauer: Ein neuer Ort für Abschiede in der Neustadt
Dresden. Während der Umbauarbeiten klopften immer wieder Fremde ans Tor. Sie wollten Glas zugeschnitten haben. Der Glasservice Kunze war lange eine feste Adresse in der Dresdner Neustadt - viele haben noch nicht mitbekommen, dass er nicht mehr da ist. Was hinter dieser Tür jetzt entsteht, hat mit Glasschnitt nichts mehr zu tun.
Und doch bleibt etwas vom alten Ort auf der Fritz-Reuter-Straße 35: Die schwere Schleifmaschine aus Kunze-Zeiten wird zu einem Esstisch. Im großen Trauerraum hängt ein Buntglasfenster aus demselben Betrieb. An der Tür, an der die Fremden klopften, soll ein Trinkbrunnen entstehen.
Acht Jahre Idee, eineinhalb Jahre Bau - und noch eine Baustelle
Das Bestattungsinstitut Muschter eröffnet am Freitag, 29. Mai, auf dem Gelände des früheren Glasservice Kunze in der Fritz-Reuter-Straße 35 das „Haus der Trauer". An einigen Stellen fehlen noch Fliesen, Decken sind offen, im Außenbereich warten Graffiti auf frische Farbe. Die Rampe zum Haupteingang ist bislang erst angedeutet. Benjamin Wolf nimmt das gelassen. „Es wird bis zuletzt gebaut werden", sagt er, „aber zur Eröffnung ist das meiste fertig."
Als Kind von der Trauer ferngehalten - heute Bestatter
Der Weg zu diesem Haus beginnt weit früher als die Bauarbeiten. Benjamin Wolf wurde als Kind von Trauerfällen in seiner Familie ferngehalten. Die vermeintliche Fürsorge habe das Gegenteil bewirkt, sagt er: Er begann sich zu fragen, was passiert, wenn ein Mensch stirbt - und suchte sich mit 15 Jahren selbst einen Praktikumsplatz bei einem Bestatter.

Als er am 1. Februar 2018 das Bestattungsinstitut Muschter in Ottendorf-Okrilla übernahm, war die Idee eines eigenen Trauerhauses schnell da. Passende Räume in Ottendorf-OOttenkrilla und Umgebung fanden sich nicht. Auch die Kapellen umliegender Friedhöfe boten zu wenig Spielraum. Die Suche führte schließlich in die Dresdner Neustadt - zu einem Ort, der, wie Wolf es als Bedingung formuliert hatte, unbedingt Geschichte mitbringen sollte.
Trauern in Dresden ohne Zeitdruck - rund um die Uhr
Das Konzept ist einfach formuliert und selten umgesetzt: Trauernde sollen sich so viel Zeit nehmen können, wie sie brauchen. Bisher seien Abschiedsräume oft an feste Zeitfenster gebunden, erklärt Adriana Wolf, die wenige Monate nach der Übernahme ins Unternehmen einstieg - zunächst als Tagespflegeperson und Mediengestalterin tätig, nun Mitinhaberin. „Wir wollen die Trauer vom Faktor Zeit entkoppeln", sagt sie.

Der Abschiedsraum solle deshalb rund um die Uhr zugänglich sein. Inspiriert von der Hospizarbeit, wolle das Team dafür sorgen, dass - zumindest wenn jemand vom Institut anwesend ist - immer eine Kerze brennt.
Begegnungsort für Trauernde in der Dresdner Neustadt
Benjamin Wolf beschreibt das Haus als Begegnungsstätte, nicht als Bestattungseinrichtung. „Es soll hier keine großen Dinge geben, sondern viele kleine Sachen", sagt er. Von Traueryoga bis zu Trauertattoos sei vieles denkbar. Auf dem über 1.000 Quadratmeter großen Gelände ist ein Garten der Erinnerung geplant, in dem Besuchende im Gedenken an Verstorbene etwas pflanzen können. Für Gruppen steht ein Raum mit Platz für bis zu 40 Personen bereit.

Das Haus ist barrierefrei - ausschließlich über Rampen erschlossen, keine Stufen. Kommerzielle Nutzung ist kostenpflichtig, ehrenamtliche kostenlos. Das Haus steht auch Fachpersonal und anderen Bestattungsunternehmen offen.
1,3 Millionen Euro Investition - Sparkasse macht es möglich
In das Projekt wurden laut Betreiberangaben zwischen 1,2 und 1,3 Millionen Euro investiert. Über ihre Hausbank gelangten die Wolfs an die SIB Innovations- und Beteiligungsgesellschaft mbH, Tochter der Ostsächsischen Sparkasse Dresden. Deren Beteiligungsmanager Matthias Steinert hat das Vorhaben überzeugt: „Der uns vorgelegte Businessplan und die leidenschaftliche Idee ihres ‚Hauses der Trauer' machten es für uns rund - wir machten das!", sagt er. Die SIB beteiligt sich mit 250.000 Euro Eigenkapital. Der Firmensitz des Bestattungsinstitus Muschter in Ottendorf-Okrilla bleibt bestehen.
Eröffnungswochenende 29. bis 31. Mai - Eintritt frei
Das dreitägige Programm beginnt am Freitag, 29. Mai, um 18:00 Uhr mit Festakt, Sektempfang und Hausführung; ab 21:00 Uhr spielt Roman Shamov eine elektronische Musikpassage. Am Samstag, 30. Mai, folgen ab 11:00 Uhr Hausmesse und Führungen, um 15:00 Uhr eine Lesung mit Kaya Loewe, Ronni Rath und Vive am Klavier sowie um 19:00 Uhr der Kinofilm „Zweigstelle" - ab 21:00 Uhr läuft Musik auf dem Dancefloor. Am Sonntag, 31. Mai, wird das Programm ab 11:00 Uhr fortgesetzt, um 12:00 Uhr läuft der Film erneut, ab 16:00 Uhr klingt das Wochenende gemeinsam aus.
Der Eintritt ist an allen drei Tagen frei. Weitere Informationen unter hausdertrauerdresden.de oder unter 0351 25060191.