„Täterinstitution“: Dresdner Museum stellt sich ungewöhnlich offen seiner NS-Schuld
Dresden. Vor dem Deutschen Hygiene-Museum sind an diesem Dienstag sieben Stolpersteine verlegt worden. Sie erinnern an Menschen, die für das Haus arbeiteten oder es mitgegründet hatten und die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, die meisten, weil sie als jüdisch stigmatisiert wurden, einer aus politischen Gründen. Ergänzt werden die Steine erstmals in Dresden durch einen sogenannten Kopfstein, der über dem Feld angeordnet ist und in wenigen Zeilen erklärt, welches Unrecht an diesem Ort geschah.
An wen die Steine erinnern
Unter den Geehrten sind mehrere, die das Museum in seiner frühen Zeit prägten. Die Medizinerin Marta Fraenkel etwa hatte ab 1929 leitende Funktionen inne, unter anderem als wissenschaftliche Geschäftsführerin der Internationalen Hygiene-Ausstellung 1930/31. Sie emigrierte 1938 in die USA. Der Jurist Felix Popper, Geschäftsführender Vorstand, wurde gesellschaftlich geächtet und starb 1937. Der Dermatologe Eugen Emanuel Galewsky, Vorstand und wissenschaftlicher Beirat, starb 1935, mutmaßlich durch Suizid. Der Augenarzt Otto Neustätter emigrierte 1937 in die USA.
Zwei Schicksale stehen für die äußersten Formen der Verfolgung. Der Mediziner Walter Weisbach, früherer wissenschaftlicher Direktor des Museums, floh 1933 in die Niederlande, wurde später in die Lager Westerbork und Theresienstadt deportiert und 1945 befreit. Julius Ferdinand Wollf, langjähriger Chefredakteur der Dresdner Neuesten Nachrichten sowie Förderer und Vorstand des Museums, nahm sich 1942 das Leben. Ein siebter Stein auf dem Vorplatz erinnert an den Bildhauer Richard Lommatzsch, der in den Werkstätten des Museums arbeitete, aus politischen Gründen verfolgt, 1943 von der Gestapo verhaftet wurde und 1944 an den Haftfolgen starb.
Ein Museum erinnert an seine eigene Schuld
Anders als sonst markieren die Steine nicht den Wohnort, sondern die Wirkungsstätte der Opfer. Das Museum stellt sich dabei ungewöhnlich offen der eigenen Rolle. Man dürfe das Haus nicht nur als verstrickt beschreiben oder als von den Nationalsozialisten missbraucht, sagte Direktorin Iris Edenheiser. Als Institution habe es Schuld auf sich geladen, das Hygiene-Museum sei eine „Täterinstitution". In der NS-Zeit wurde hier Rasseideologie erforscht und vermittelt, zugleich wurden Mitarbeiter und Gründungsmitglieder ausgegrenzt, entlassen und vertrieben.
Der Verein Stolpersteine für Dresden organisiert solche Verlegungen seit 2009. Im Mai wurde der 400. Stein in der Stadt verlegt. Für jeden Stein holt der Verein das Einverständnis der Angehörigen ein und recherchiert die Biografien, in diesem Fall gemeinsam mit dem Archiv des Museums. Bei der Verlegung wurden die Lebensgeschichten der sieben Menschen vorgetragen, Angehörige legten Blumen nieder.
Warum die Verlegung ein politisches Zeichen ist
Der Termin fällt in einen aufgeladenen Moment. Vergangene Woche hat der Stadtrat im benachbarten Heidenau auf Antrag von CDU und AfD mehrheitlich beschlossen, künftig keine neuen Stolpersteine mehr im öffentlichen Raum zuzulassen. Das Gedenken soll stattdessen auf den Nordfriedhof verlegt werden, so dass die Gedenkzeichen nicht mehr betreten werden können. In der Begründung des Antrags heißt es, viele Bürger und Angehörige empfänden diese Form der Erinnerung als nicht angemessen.
Der Beschluss löste bundesweit Kritik aus. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und Holocaust-Überlebende, nannte es den völlig falschen Weg, Orte der Erinnerung aus dem Stadtbild zu entfernen. Sie sei entsetzt, dass sich eine demokratische Partei für ein solches Manöver hergebe.
In Dresden zogen die Beteiligten die direkte Verbindung. Dass hier vor dem Museum Stolpersteine verlegt würden, lasse sich als Antwort auf Heidenau verstehen, sagte Edenheiser, als Zeichen, nicht zu schweigen, wenn Erinnern behindert werde. Klepsch mahnte, Dresden müsse andere Zeichen setzen und die Geschichte der Stolpersteine fortschreiben.
Wer zur Verlegung kam, machte die Fronten sichtbar. Vertreten waren Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke), die SPD-Stadträte Peter Lames und Stefan Engel, Stadträtin Jessica Roitzsch von der PVP-Kooperation sowie der Grünen-Bundestagsabgeordnete Kassem Taher Saleh. Von CDU und AfD, deren Parteikollegen den Stopp in Heidenau beantragt hatten, war augenscheinlich niemand dabei.
Ein Konzept, das Nähe schafft
Die Idee hinter den Steinen geht auf den Künstler Gunter Demnig zurück, der seit über drei Jahrzehnten daran arbeitet und an diesem Tag krankheitsbedingt vertreten wurde. Sein Leitsatz: Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Verlegt werden die Steine dort, wo die Opfer wohnten oder arbeiteten, mitten unter den heute Lebenden, und nicht anonym an einem zentralen Ort. Wer die Inschrift lesen will, muss sich bücken. Europaweit liegen bereits mehr als 120.000 dieser Steine, jeder wird von Hand gefertigt. In Dresden kümmern sich rund 200 Menschen ehrenamtlich darum, dass die Steine sichtbar bleiben.