Fenster "halten nur aus Gewohnheit": Millionen-Sanierung für Dresdens größtes Museum
Dresden. An diesem Wochenende öffnen die Technischen Sammlungen ein letztes Mal, dann ist für Jahre Schluss. Ab Montag, 2. November, schließt das größte Museum der Stadt für Besucher. Der denkmalgeschützte Ernemann-Bau in Striesen wird saniert, erst im Herbst 2029 soll er wieder öffnen. Einen Teil der Ausstellungen zeigt das Haus ab Frühjahr 2027 übergangsweise im Landhaus am Pirnaischen Platz.
Vier Jahre habe die Stadt um das Geld gekämpft, sagt Baubürgermeister Stephan Kühn, jetzt stehen 20,4 Millionen Euro bereit. Nötig hat es das Haus. Es ist das größte und besucherstärkste Museum Dresdens und zugleich das mit der schlechtesten Energiebilanz im städtischen Bestand.
Fenster, die nur noch aus Gewohnheit halten
Manche Fenster "halten nur noch aus Gewohnheit”, sagt Kühn. An einigen Stellen passt der Finger durch die Fugen, beheizt werde so weniger das Gebäude als die Straße. Außen hängen Netze vor der Fassade, sie fangen herausbrechende Fensterteile ab. Dass Teile herausfallen, ist laut Direktor Roland Schwarz schon vorgekommen.
Auch der Beton macht Probleme. An den Fassaden ist der Stahlbeton durch die Witterung so angegriffen, dass sich ganze Stücke lösen und herabfallen. Rund 1.400 Quadratmeter Fassade müssen instandgesetzt werden, dazu etwa 2.300 Quadratmeter Dach, die Türen und rund 600 Fenster, alles denkmalgerecht. Aufs Dach kommt eine Photovoltaikanlage. Geplant hat die Sanierung die Dresdner Architektengemeinschaft KKS Architekten und Peter Zirkel Architekten.
Ein zweiter Fluchtweg für den 48-Meter-Turm
Der 48 Meter hohe Ernemann-Turm, das Wahrzeichen des Hauses, braucht einen zweiten Fluchtweg. Der vorhandene ist im Grunde eine außen angebrachte Leiter, nicht mehr zeitgemäß und zu schmal. Deshalb soll das bestehende Treppenhaus zwischen den Flügeln E und F nach oben verlängert und zu einem Überdrucktreppenhaus ausgebaut werden, sodass sich der Turm im Ernstfall sicher räumen lässt.

Das Café im Turm bleibt dadurch erhalten. Mancher kommt nur in der Mittagspause hier hoch, wegen des Blicks über die Stadt. Barrierefrei wird es dort oben trotzdem nicht, einen Aufzug bis in die Turmspitze lässt der Denkmalschutz nicht zu. Erneuert werden außerdem Brandmeldeanlage und Sicherheitsbeleuchtung.
Ein Industriedenkmal, bei dem das Haus selbst das Exponat ist
Für den Denkmalschutz ist der Ernemann-Bau ein besonderer Fall. Hier nahm die Firma Ernemann um 1900 ihre Produktion auf, mit Fotoapparaten, Kameras und Kinoprojektoren, die weltweit führend waren. Frank Heiduschka vom Amt für Hochbau und Immobilienverwaltung, der die Baumaßnahme fachlich begleitet, sagt, bei diesem Gebäude sei das Haus selbst das „Hauptexponat”. Besonders die Fenster erzählen die Baugeschichte: Die drei Flügel stammen aus verschiedenen Zeiten, entsprechend unterschiedlich sind die Scheiben. Im historischen Treppenhaus schimmern einzelne Gläser farbig, so etwas werde heute nicht mehr hergestellt. Erhalten werden sollen sie trotzdem, möglicherweise durch eine zweite, innen oder außen vorgeblendete Ebene. Die Varianten werden laut Stadt noch geprüft.
20,4 Millionen Euro, sechs davon vom Bund
Von den 20,4 Millionen Euro entfallen 13,8 Millionen auf die energetische Sanierung. Sechs Millionen davon kommen vom Bund, aus einem Förderprogramm für kommunale Kultur-, Jugend- und Sportbauten. Nach Kühns Worten war das ein jahrelanges Ringen, bei dem sich der damalige FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst eingesetzt habe. Die restlichen 7,8 Millionen trägt die Stadt.
Hinzu kommen rund 1,6 Millionen Euro für die Sicherung des Gebäudes und den Rückbau der Hofkellerdecke. Weitere fünf Millionen sind ab 2029/2030 für den Innenhof vorgesehen. Mit der energetischen Sanierung ist das Haus aber nicht fertig. Fußböden, durchgehende Barrierefreiheit, Sanitäranlagen und Teile der Elektrik bleiben für die Zeit nach 2030 offen, samt der Frage, woher das Geld dafür kommt.
Von 7.000 auf 800 Quadratmeter: der Umzug ins Landhaus
Im Ernemann-Bau verteilt sich das Museum auf rund 7.000 Quadratmeter. Im Landhaus stehen künftig 750 bis 800 Quadratmeter zur Verfügung, gut ein Zehntel. Das zwingt zur Auswahl. Mitziehen ins zweite Obergeschoss des Stadtmuseums dürfen das Mathe-Erlebnisland, die beliebteste Ausstellung des Hauses, dazu das DLR-SchoolLab und das MachWerk. Eröffnet wird der Interimsstandort im Frühjahr 2027.
Vieles bleibt zurück. Ein früher Röhrenrechner etwa ist zu empfindlich für einen Transport und wird vor Ort eingehaust, kleinere Stücke wie die Schreibmaschinen wandern ins Außendepot. Dass das Museum schon jetzt schließt und nicht erst zum Baubeginn im August 2027, liegt am Lastenaufzug. Über ihn kommt die Sammlung aus dem Haus, und er steht in wenigen Wochen nicht mehr zur Verfügung.
Ein Angebot bleibt ganz auf der Strecke. Der Physik-Escape-Room „Katze Q”, eines der gefragtesten Mitmach-Angebote des Hauses, zieht nicht ins Landhaus, sondern wandert für Jahre ins Depot. Für Abbau, Transport und Wiederaufbau fehlt das Geld. Die Blasewitzer Bündnisgrünen halten das für falsch. Dresden spare als High-Tech-Standort an der falschen Stelle, kritisiert Stadtbezirksbeirätin Anne-Katrin Haubold, man dürfe nicht zeitgleich zu schlechten Naturwissenschaftsleistungen in der PISA-Studie ein herausragendes Physik-Angebot über Jahre schließen.
Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch nennt die Verlagerung ins eigene Haus auch eine Sparentscheidung, sie bringe der Stadt mindestens 350.000 Euro im Jahr gegenüber einer externen Anmietung. Den Umzug sieht sie zugleich als Chance: „Die Technischen Sammlungen verbinden Technik- und Kulturgeschichte mit Wissenschaftskommunikation auf einzigartige Weise”, sagt sie. Sie begeisterten Menschen aller Generationen und machten Dresden als Wissenschafts- und Kulturstandort weit über die Stadtgrenzen hinaus sichtbar.
Garten der Wissenschaften auf einer der heißesten Flächen der Stadt
Der Innenhof wird als Erstes angefasst. Zwischen März und Juli 2027 bricht die Stadt die marode Hofkellerdecke ab, die Baustellenzufahrt entsteht an der Junghansstraße. Danach soll hier ein altes Sehnsuchtsprojekt des Museums wachsen, der „Garten der Wissenschaften”. Laut Schwarz liegt der Hof auf einer der heißesten Flächen Dresdens, im Mikroklima-Atlas des Themenstadtplans einer der wärmsten Punkte überhaupt.
Bäume und Büsche sollen den Hof und die angrenzenden Ausstellungsräume kühlen. Dazu plant das Museum ein Science-Center unter freiem Himmel, für Experimente mit Wasser, Wind und Sonnenlicht, die drinnen keinen Platz haben, außerdem Gastronomie und Veranstaltungen im Sommer. Einen Architekturwettbewerb will die Stadt ab 2028 ausloben, fertig sein soll der Garten ab 2030. Bezahlt ist bisher nur die Planung. Für die neuen Ausstellungen, mit denen das Haus 2030 wieder starten will, fehlt das Geld noch, dafür will Schwarz Fördermittel einwerben und Spenden sammeln.
Abschiedsfest am Wochenende
Bevor die Türen schließen, lädt das Museum am Samstag, 31. Oktober, und Sonntag, 1. November, jeweils von 10 bis 18 Uhr zum Abschiedsfest. Besucher können Leuchtkreisel löten, Beutel siebdrucken und Schleim herstellen, dazu gibt es Science-Shows und Führungen hinter die Kulissen. Das Programm steht auf tsd.de.