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Carolabrücke Dresden: Der Bürgerfavorit holt zum Gegenschlag aus

Ein Mann mit Brille und grünem Hemd steht vor einer Plakatwand mit Entwürfen zur neuen Carolabrücke in Dresden. Mit geöffneter Hand deutet er auf eine Architektur-Visualisierung der Brücke.
Jan Tröber vom Büro TSSB präsentiert den Entwurf „Carolabrücke 3.0“, der das Bürgervotum gewann. Vor der Stadtratsentscheidung am 3. September wirbt er für das schmalste Konzept aller vier Bewerber mit vier Fahrspuren. Foto: CdH
Von: Cornelius de Haas
Wenige Tage vor der Abstimmung im Stadtrat meldet sich der Sieger des Bürgervotums zurück. Statt über Rügen und Gutachten zu reden, will TSSB-Planer Jan Tröber lieber über die Brücke selbst sprechen. Und über die Schwachstellen der Konkurrenz.

Dresden. Am 3. September entscheidet der Stadtrat, welcher von vier Entwürfen für die neue Carolabrücke weitergebaut wird. Kurz vorher setzt Jan Tröber vom Büro TSSB ein Gegensignal. In den vergangenen Wochen ging es fast nur noch um Rechtsgutachten und Ausschluss-Forderungen. Tröber will die Debatte zurückholen zu der Frage, die aus seiner Sicht zählt: Welche Brücke soll hier für die nächsten 100 Jahre stehen?

Sein Entwurf hat das Bürgervotum CarolaVOTE gewonnen. Bei Expertenkommission und Begleitgremium liegt er hinter dem Entwurf von Leonhardt, Andrä und Partner (LAP). Fachempfehlung und Bürgervotum zeigen also in verschiedene Richtungen.

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Vier Spuren und trotzdem die schmalste Brücke

Tröbers wichtigstes Argument ist die Breite. Seine Brücke biete vier Fahrspuren und sei mit 32,50 Metern trotzdem die schmalste der vier Entwürfe, bis zu 4,25 Meter schmaler als die Konkurrenz. Das klinge nach wenig, mache aber viel aus: bis zu rund 1.600 Quadratmeter weniger Brückenfläche. Weniger Fläche heißt für ihn weniger Baukosten und dauerhaft weniger Wartung, bei den angespannten Haushalten der Stadt ein Punkt, der ihm wichtig ist.

Die schmale Brücke sei zugleich flexibel: Wer sie heute mit vier Spuren baue, könne sie später mit zwei nutzen, ohne das Tragwerk umzubauen. Beim Radverkehr verweist Tröber auf den ADFC, der seinem Entwurf die meisten Fahrbeziehungen bescheinige. Und er nennt einen Vorteil, der aus seiner Sicht zu kurz komme: Seine Brücke sei die einzige, über die man auf beiden Elbseiten bequem zu den Elbwiesen komme. An der Albertbrücke gehe das nur auf einer Seite, an der Augustusbrücke trage man das Rad die Treppe hinunter.

Bürgervotum gegen Expertenempfehlung

Beim CarolaVOTE holte der Entwurf von FHECOR/TSSB 38 Prozent, mehr als jeder andere Vorschlag. Die Empfehlung von Expertenkommission und Begleitgremium für LAP stützt sich vor allem auf das geringste Genehmigungsrisiko.

Tröber betont, sein Entwurf sei auch fachlich weit vorn gewesen, knapp hinter LAP. Die Entscheidung in Expertenkommission und Begleitgremium sei eher knapp ausgefallen. Ein Kritikpunkt sei gewesen, seine Brücke wirke „vielleicht zu dominant". Er sieht das anders: Dresden brauche im Herzen der Stadt eine Brücke mit Charakter, keine, die sich wegducke.

Der Streit ums Umplanen

Am heftigsten wird um eine Frage gestritten: Was passiert, wenn der ausgewählte Entwurf nach der Abstimmung noch angepasst werden muss, etwa bei einem Pfeiler oder der Höhe, um ein langwieriges Planfeststellungsverfahren zu vermeiden?

Für Tröber ist das ein normaler Schritt. Die Entwürfe seien Vorplanungen, keine fertigen Baupläne. Dass im weiteren Verfahren noch optimiert werde, treffe auf alle vier zu, sonst wären sie längst fertig. Für ihn bleibt der Ende Mai eingereichte Entwurf die maßgebliche Grundlage der Entscheidung. Was danach komme, sei eine Fortschreibung dieser Planung, keine Umplanung. Er wehrt sich gegen den Eindruck, jede Änderung mache aus seiner Brücke „eine ganz andere Brücke". Beim viel diskutierten Risiko gehe es zudem nicht um Gefahr für Menschen, sondern nur darum, wie lange die Genehmigung dauere. Sein Büro habe für den Ernstfall eine Variante mit einem Pfeilerpaar weniger geprüft. Die bleibe im Kern dieselbe Brücke, weil dank eines programmierten Planungsmodells Anpassungen schnell möglich seien.

LAP sieht das grundlegend anders. Änderungen an Pfeilern und Höhe verschöben Statik und Erscheinungsbild, warnt die Planergemeinschaft. Werde ein bereits bewerteter Entwurf nachträglich stark verändert, passten weder das Urteil von Expertenkommission und Begleitgremium noch das Bürgervotum noch zu dem Bauwerk, das am Ende entstehe. In ihrer Stellungnahme fordert LAP deshalb, der Stadtrat solle nur über die eingereichten Entwürfe abstimmen, nicht über spätere Umplanungen.

Tröber dreht den Spieß um

Auffällig ist, wie Tröber die Risikofrage an die Konkurrenz zurückgibt. Auch LAP verändere die frühere Situation deutlich. Deren Brücke werde gedreht und ein Stück stromaufwärts verschoben und ende auf der Altstädter Seite früher als die alte Carolabrücke. Dort entstünden Busgarage, Rampen und, so seine Darstellung, eine rund 50 Meter lange Wand im hochwasserrelevanten Elbvorland, quer zur Strömung. Beim Grassl-Entwurf verweist er auf durchgehende Pfeilerscheiben von fast 50 Metern Länge, die die Sicht unter der Brücke verstellten.

Sein Punkt: Über seinen einen Zusatzpfeiler werde ständig geredet, über die Eingriffe der anderen kaum. Am Ende müsse für alle Entwürfe derselbe Maßstab gelten, und geklärt werde das ohnehin erst im weiteren Planungsprozess, unter anderem mit einem Strömungsmodell. Diese Vorwürfe sind Tröbers Sicht. LAP und Grassl bewerten ihre eigenen Entwürfe erwartungsgemäß anders.

Grassls Rüge im Hintergrund

Der Vorstoß fällt in eine ohnehin angespannte Lage. Das drittplatzierte Büro Grassl hat laut Sächsischer Zeitung über Anwälte eine vergaberechtliche Rüge eingereicht und will die Entwürfe von LAP und FHECOR/TSSB aus der Wertung nehmen lassen. Tröber hält diese Forderung für unbegründet. FHECOR und TSSB erklären, die von Grassl genannten Punkte seien längst geprüft worden. LAP hat seinerseits eine Rüge gegen den Ablauf des Verfahrens eingereicht. Die Stadt rechnet nach SZ-Angaben nicht mit einem Ausschluss vor der Abstimmung. Baubürgermeister Stephan Kühn (Grüne) verwies darauf, dass erst der Beschluss des Stadtrats beanstandet werden könne.

Ein Gegenvorschlag: Brücke ganz ohne Autospuren

Während sich die Büros um Varianten und Genehmigungsrisiken streiten, stellt eine Fraktion die ganze Anlage infrage. Die PVP-Kooperation aus Piraten, Volt und Die PARTEI, vier Sitze, hat diese Woche einen Ersetzungsantrag eingebracht. Er verlangt, die Carolabrücke nur für Straßenbahn, Rad und Fußverkehr zu bauen, ohne Autospuren. Vorgesehen ist allein der westliche Brückenzug mit den Gleisen, ergänzt um einen Radschnellweg. Die Gleise sollen Rettungsfahrzeuge, Busse und Taxis mitnutzen können, Autos nur bei Umleitungen.

Aus Sicht der Fraktion umgeht die Debatte die eigentliche Frage. Stadtrat Martin Schulte-Wissermann (55, Piraten) sagt, statt über Varianten und Spurenzahl zu reden, müsse Dresden klären, ob es überhaupt Millionen ausgeben wolle, um Autoverkehr in die und durch die Innenstadt zu führen. Eine reine Bahn-, Rad- und Fußbrücke sei billiger, schneller fertig und bringe einen höheren Bundeszuschuss, je größer der Anteil für den Nahverkehr sei. Schulte-Wissermann beziffert die Ersparnis auf rund 70 Millionen Euro und will das Geld in andere Vorhaben lenken, etwa die Nossener Brücke, das Blaue Wunder oder den Ausbau der Straßenbahnlinie 8. Eine Mehrheit ist für den Antrag nicht in Sicht; die Fraktion räumt selbst ein, dass sie damit gegen die Mehrheitsverhältnisse im Rat anschreibt.

Am 3. September entscheidet der Stadtrat

Vor der Sitzung liegen alle Positionen auf dem Tisch. Auf der einen Seite die Empfehlung von Expertenkommission und Begleitgremium für LAP, auf der anderen der Sieg von FHECOR/TSSB im Bürgervotum, den unter anderem die CDU-Fraktion aufgreift. Dazu der Gegenvorschlag der PVP-Kooperation. Am 1. September geben zunächst die Stadtbezirksbeiräte Altstadt und Neustadt eine Empfehlung ab, zwei Tage später stimmt der Stadtrat ab. Er entscheidet, welcher Entwurf in die Genehmigungsplanung geht und welchen Zeitrahmen der Neubau bekommt. Die Stadt strebt einen Baubeginn 2028 an.

Für Tröber steht dabei mehr als ein Auftrag auf dem Spiel. Finanziell sei die Sache für sein Büro nicht entscheidend, sagt er, emotional dagegen sehr. Er wünscht sich, dass mehr Menschen die Brücke unabhängig von den Lagern betrachten. Ob der Stadtrat ihm folgt, zeigt sich am 3. September.

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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