Dresden hat abgestimmt: Diese Carolabrücke wollen die Bürger
Dresden. Welche Brücke soll künftig über die Elbe führen? Bei der Frage, die halb Dresden bewegt, gibt es nun ein deutliches Stimmungsbild. Die Stadt hat die Ergebnisse der Sommer-Bürgerbeteiligung zum Neubau der Carolabrücke vorgestellt - und die fallen erstaunlich eindeutig aus. Der Entwurf des Teams FHECOR und TSSB ist der klare Favorit der Dresdnerinnen und Dresdner. Der Vorschlag von Schüßler-Plan und DKFS dagegen fällt bei den Teilnehmenden durch.
Zur Erinnerung: In der Nacht zum 11. September 2024 war gegen 2.58 Uhr ein rund 100 Meter langes Teilstück des Brückenzugs C - mit Straßenbahngleisen und Geh- und Radweg - in die Elbe gestürzt, verletzt wurde niemand. Der Abriss dauerte rund ein Jahr und war im September 2025 abgeschlossen. Für den Ersatzneubau haben vier Planungsbüros im Mai 2026 ihre Entwürfe eingereicht - über sie durfte die Stadt nun mitreden.
Ein klares Ranking - und ein klarer Verlierer
Über die Online-Plattform carolaVOTE brachten die Teilnehmenden die vier Entwürfe in eine persönliche Reihenfolge. Das Gesamtergebnis ist eindeutig: FHECOR und TSSB holen mit 38 Prozent die meisten Erstplatzierungen, knapp dahinter folgen LAP und Knight Architects (32 Prozent). GRASSL und gmp Architekten landen auf Rang drei. Weit abgeschlagen ist Schüßler-Plan und DKFS - dieser Entwurf wurde von 57 Prozent auf den letzten Platz gesetzt.

Wichtig für die Einordnung: An der Auswertung nahmen 25.887 Menschen teil, 87 Prozent von ihnen bewerteten alle Kriterien. 84 Prozent kamen aus Dresden selbst. Betrachtet man nur die Dresdner Stimmen, verschiebt sich am Ranking praktisch nichts - FHECOR bleibt vorn, Schüßler-Plan hinten.
Quer durch alle Altersgruppen dasselbe Bild
Bemerkenswert ist, wie stabil das - nicht repräsentative - Votum über die Generationen hinweg ausfällt. FHECOR und TSSB liegen in jeder Altersgruppe vorn, besonders deutlich bei den unter 24-Jährigen. LAP und Knight Architects gewinnen mit steigendem Alter hinzu und kommen bei den Älteren fast auf Augenhöhe. GRASSL und gmp bleiben konstant auf Rang drei, während Schüßler-Plan und DKFS durchgängig überwiegend auf Platz vier gesehen werden.
Auch bei den einzelnen Bewertungskriterien - von Gestaltung über Materialität und Aufenthaltsqualität bis zu Rad- und Gehwegen - teilen sich meist FHECOR und LAP die Spitze, während Schüßler-Plan fast überall die schwächsten Noten erhält.
Streitthema Spurigkeit: Mehrheit für zwei Autospuren
Neben den Entwürfen selbst nutzten viele Teilnehmende die Möglichkeit, eigene Anliegen loszuwerden - und hier zeigt sich, was die Stadt wirklich umtreibt. Die mit Abstand meisten Freitext-Beiträge entfielen auf Technik, Tragwerk und Hochwassersicherheit (rund 1.260 Nennungen), gefolgt von Bauzeit, Bauablauf und Baukosten.
Am hitzigsten diskutiert wird aber die Zahl der Fahrspuren. Unter den Rückmeldungen mit klarer Haltung überwog der Wunsch nach nur zwei Autospuren deutlich den nach vier - bei den freien Beiträgen standen sich 314 Stimmen für zwei und 141 für vier Spuren gegenüber. Die größte Gruppe legte sich allerdings gar nicht fest oder wünschte sich ausdrücklich flexible Lösungen. Ein einheitliches Bürgervotum zur Spurigkeit gibt es also nicht - wohl aber eine spürbare Tendenz.
Dazu passt das Nutzungsverhalten: Am häufigsten waren die Teilnehmenden mit Bus und Bahn auf der alten Brücke unterwegs (32 Prozent), dicht gefolgt vom Auto (29 Prozent). Knapp 40 Prozent überquerten die Elbe hier zu Fuß oder mit dem Rad.
Auch die Jüngsten haben abgestimmt
Eigene Formate gab es für Kinder und Jugendliche: 74 Workshops an 17 weiterführenden Schulen sowie Angebote in 15 Horten. Das Ergebnis deckt sich mit dem der Erwachsenen - auch hier ist FHECOR der klare Liebling. Bei den Schülerbewertungen kam der Entwurf auf 55 Prozent Erstplatzierungen, bei den jüngeren Kindern lag er mit 89 zu 43 Stimmen vor LAP.
Den Jugendlichen war vor allem eines wichtig: viele Sitzmöglichkeiten, breite Fuß- und Radwege, ein Radweg, der nicht zwischen Auto und Straßenbahn eingeklemmt ist, Begrünung - und Sandstein statt Beton. Am Beteiligungstool selbst gab es neben viel Zuspruch auch Kritik: Manchen fehlte die Übersicht, die Zuordnung der Bewertungen zu den einzelnen Brücken sei nicht immer klar gewesen.
Wie es jetzt weitergeht
So deutlich das Ergebnis ausfällt - entschieden ist damit nichts. carolaVOTE war ausdrücklich ein konsultatives Verfahren, also ein Stimmungsbild und keine bindende Abstimmung. Neben den Bürgern hat auch ein Fachgremium aus Architekten und Bauingenieuren unter Leitung von Professor Steffen Marx von der TU Dresden die Entwürfe geprüft und einen Favoriten gekürt. Beide Rückmeldungen fließen in eine Empfehlung des Begleitgremiums ein, die bis zum 18. August erarbeitet wird. Die endgültige Entscheidung, welcher Entwurf gebaut wird, trifft der Stadtrat im September 2026.
Bis dahin bleibt es spannend, ob die Politik dem klaren Bürgervotum folgt - oder am Ende doch eine andere Brücke über die Elbe führt.
Warum das Votum bewusst nicht repräsentativ war
Auf der Pressekonferenz am Freitag musste sich die Stadt die Frage gefallen lassen, warum die Abstimmung nicht repräsentativ angelegt war. Baubürgermeister Stephan Kühn erklärte die Entscheidung mit dem Ziel des Formats: Gewollt war ein niedrigschwelliges, offenes Stimmungsbild - kein statistisch gezogenes Abbild der Bevölkerung. Eine repräsentative Umfrage arbeitet mit einer festen Stichprobe und Quoten nach Alter und Geschlecht, ähnlich der Sonntagsfrage vor Wahlen; offen mitmachen kann dort niemand. Genau das aber wollte die Stadt ermöglichen - auch für Menschen aus dem Umland, für Pendler und Besucher.
Hätte man etwa per Ausweis-Scan sichergestellt, dass niemand doppelt abstimmt, wäre nach Kühns Worten die Breite der Stadtgesellschaft nie erreicht worden. Stattdessen setzte man auf einen einfachen Zugang - und nahm dafür in Kauf, dass das Ergebnis kein repräsentativer Querschnitt ist. Auf Manipulation wurde dennoch geprüft: Auffälligkeiten wie massenhafte Stimmen von einzelnen Anschlüssen, aus dem Stadtforum oder von den Firmensitzen der Planungsbüros fand die Auswertung keine. Das Fazit der Stadt: ein belastbares Meinungsbild, das als ein Baustein - neben dem Urteil des Fachgremiums - in die Entscheidung einfließt. Der niedrige Zugang habe zugleich für die hohe Beteiligung gesorgt.