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Der biologische Schalter, den Neandertaler nicht hatten

Schwangere sollten auf ausreichend Folat achten. Eine Studie aus Leipzig erklärt, was ein uraltes Erbe der Neandertaler damit zu tun hat.
Folat schützt das ungeborene Kind vor Fehlbildungen. Forschende des Max-Planck-Instituts Leipzig haben jetzt entdeckt, wie der Körper dieses Vitamin gezielt bewahren könnte. © pixabay/Pexels
Von: Wissensland
Forschende aus Leipzig haben einen biologischen Kontrollmechanismus entdeckt, der bei den meisten heutigen Menschen vorkommt, bei Neandertalern jedoch fehlte. Er könnte dabei geholfen haben, ein wichtiges Vitamin im Körper zu erhalten.

Ein Vitamin, das für Schwangere besonders wichtig ist. Ein Enzym, das dem Körper hilft, Schadstoffe zu entgiften. Und ein kleiner biologischer Schalter, den Neandertaler offenbar noch nicht besaßen. Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben jetzt herausgefunden, wie weit die Spuren unserer ausgestorbenen Verwandten reichen und was sie im Körper noch heute bewirken könnten.

Konkret geht es um ein Enzym namens NAT1. Enzyme sind Stoffe im Körper, die wichtige Prozesse steuern und ermöglichen. NAT1 hat dabei zwei Aufgaben. Es hilft, Folat, auch als Vitamin B9 bekannt, abzubauen. Das Vitamin ist wichtig für die Zellteilung und die Entwicklung ungeborener Kinder. Gleichzeitig unterstützt NAT1 den Körper dabei, schädliche Substanzen aus der Umwelt zu entgiften, zum Beispiel krebserregende Stoffe aus Zigarettenrauch.

Besonders in der Schwangerschaft ist Folat wichtig: Zu wenig davon erhöht das Risiko für Fehlbildungen beim ungeborenen Kind. Der Körper muss dabei beides leisten: ausreichend Folat bereitstellen und gleichzeitig Schadstoffe abbauen.

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Der Schalter, der Neandertalern fehlte

Bei genauem Blick auf das Enzym stießen die Leipziger Forschenden auf eine Besonderheit. Die moderne Version von NAT1, die fast alle heutigen Menschen tragen, besitzt eine Art molekularen Kontrollschalter. An einer bestimmten Stelle kann das Enzym mit einem kleinen chemischen Signal versehen werden. Dieses wirkt wie ein Schalter, der die Aktivität des Enzyms verringert. Die Neandertaler-Version dagegen lässt sich auf diese Weise nicht steuern.

"Wir haben beide Versionen des Enzyms getestet und festgestellt, dass sie sich gleich verhalten, solange diese Kontrollstelle nicht genutzt wird", erklärt Luise Fast, Erstautorin der Studie. "Wenn wir die chemische Markierung jedoch an der modernen menschlichen Version anbrachten, sank ihre Aktivität deutlich. Die ältere Version lässt sich auf diese Weise nicht regulieren."

Ohne dieses chemische Signal arbeiteten beide Varianten des Enzyms in den Experimenten nahezu identisch. Erst wenn der Schalter genutzt wurde, zeigte sich der Unterschied.

Was das für Schwangerschaft und Ernährung bedeuten könnte

Die Forschenden vermuten, dass der Schalter dem modernen Menschen geholfen haben könnte, Folat besser zu sparen, wenn über die Nahrung weniger davon aufgenommen wurde. Dieser Mechanismus könnte eine wichtige Rolle gespielt haben, als Menschen anfingen, immer mehr gekochte Nahrung zu sich zu nehmen.

Kochen zerstört Folat. Wenn das Enzym NAT1 in bestimmten Situationen gedrosselt werden kann, bleibt mehr Folat im Körper erhalten. "Bei modernen Menschen könnte dieser Kontrollmechanismus daher eine Ernährung mit weniger Folat ermöglicht haben", sagt Hugo Zeberg, Seniorautor der Studie. Er betont jedoch, dass dies bislang nur eine wissenschaftliche Hypothese ist. Weitere Studien sollen nun untersuchen, ob sich diese Vermutung bestätigen lässt.

Rund zwei Prozent aller heute lebenden Menschen tragen übrigens noch die ältere Neandertaler-Version von NAT1. Diese Variante wurde damals vererbt, als sich Homo sapiens und Neandertaler vor etwa 50.000 Jahren begegneten und miteinander Kinder bekamen. Damit liefert die Studie ein weiteres Beispiel dafür, wie Eigenschaften unserer ausgestorbenen Verwandten bis heute in unserem Erbgut nachwirken können.

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