Logo Die Sachsen News
Nachrichten / Wissensland

Wie Menschen vor 3.000 Jahren Krisen meisterten

Hirse galt in der Bronzezeit als Krisengetreide – und verschwand genauso schnell wieder vom Speiseplan, wie sie gekommen war.
Flexibel statt stur: Bronzezeit-Menschen setzten vorübergehend auf Hirse, wenn Weizen und Gerste knapp wurden. Forscher des Max-Planck-Instituts haben das in Knochendaten nachgewiesen. © pixabay/Irina Semibratova
Von: Wissensland
Wie haben Menschen in der Bronzezeit auf schwierige Zeiten reagiert? Was aßen sie, wie begruben sie ihre Toten und woher kamen sie? Eine neue Studie unter Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie Leipzig gibt erstmals Antworten. Grundlage sind alte DNA und chemische Spuren aus Knochen.

Schon vor 3.000 Jahren standen die Menschen vor Herausforderungen, die uns heute vertraut klingen: Hunger, neue Nachbarn oder der Tod eines geliebten Menschen. Eine neue Studie unter Leitung von Leipziger Forschenden zeigt jetzt, wie flexibel und vernetzt die Gesellschaften der späten Bronzezeit wirklich waren.

Wer wissen will, wie Menschen früher lebten, muss in die Erde schauen. Knochen, Asche und alte DNA erzählen Geschichten, die kein Buch überliefert hat. Ein Forschungsteam unter Leitung des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie hat jetzt genau das getan. Es untersuchte Skelette und Überreste von Bestattungsplätzen in Deutschland, Tschechien und Polen. Auch Ausgrabungsstätten in Mitteldeutschland – Kuckenburg und Esperstedt in Sachsen-Anhalt – lieferten wichtige Daten. Durchgeführt wurden diese Grabungen vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.

Die Epoche, um die es geht, heißt Urnenfelderzeit. Sie dauerte von etwa 1300 bis 800 vor Christus. Ihren Namen hat sie von einer damals weit verbreiteten Praxis. Menschen wurden verbrannt, ihre Asche in Urnen gesammelt und begraben. Genau diese Sitte stellte die Forschung lange vor ein Problem. Denn beim Verbrennen wird biologisches Material zerstört und damit auch die DNA, der genetische Bauplan eines Menschen. Für die Wissenschaft war diese Zeit deshalb lange ein blinder Fleck.

Mehr aus dieser Kategorie

Alte Knochen, neue Antworten

Die Forschenden konzentrierten sich deshalb auf die seltenen Fälle, in denen Menschen dieser Zeit nicht verbrannt, sondern als Körper bestattet wurden. Aus diesen Skeletten gewannen sie alte DNA. Außerdem analysierten sie sogenannte Isotope, das sind winzige chemische Spuren in Knochen und Zähnen. Sie verraten, wo jemand aufgewachsen ist und was er gegessen hat. Diese Ergebnisse wurden zudem mit Isotopendaten aus Brandbestattungen derselben Fundorte verglichen. So entstand ein detailliertes Bild einer längst vergangenen Gesellschaft.

"Mithilfe dieser Studie können wir nachvollziehen, wie Menschen den Wandel erlebt haben", sagt Eleftheria Orfanou, Doktorandin am Max-Planck-Institut und Erstautorin der Studie. Die späte Bronzezeit sei nicht als ein einziger Moment des Wandels erlebt worden, sondern als eine Reihe von Entscheidungen über Ernährung, Bestattungen und soziale Beziehungen. "Diese Gemeinschaften waren eng mit ihrer Landschaft verbunden, aber auch überregional vernetzt."

Ein besonders überraschendes Ergebnis betrifft das Essen. In der frühen Phase der Urnenfelderzeit begannen die Menschen plötzlich, Hirse zu essen, ein Getreide, das kurz zuvor aus Nordostchina nach Europa gelangt war. Offenbar war das eine Reaktion auf schlechte Ernten oder wirtschaftlichen Druck. Später verschwand die Hirse wieder vom Speiseplan, Weizen und Gerste kamen zurück. Die Forschenden deuten das als Zeichen von Anpassungsfähigkeit und nicht als Zeichen von Not.

Bestattung war keine Einheitssache

Auch der Umgang mit dem Tod überrascht. In ein und derselben Gemeinschaft gab es Brandbestattungen, normale Erdgräber, aber auch die alleinige Beisetzung einzelner Schädel oder mehrstufige Rituale. "Diese Praktiken scheinen keine Randerscheinungen gewesen zu sein", erklärt Orfanou, "sondern Teil eines breiteren Repertoires, aus dem die Menschen während der Urnenfelderzeit wählen konnten."

Die Wissenschaftler analysierten auch die genetischen Daten. Demnach gab es allmähliche, regional unterschiedliche Veränderungen der Abstammung, mit zunehmenden Verbindungen ins mittlere Donaugebiet, ohne dass lokale Traditionen verdrängt wurden. Neue Ideen verbreiteten sich damals vor allem durch Kontakt und Austausch und nicht dadurch, dass ganze Bevölkerungsgruppen umzogen. Die meisten Menschen lebten und starben dort, wo sie geboren wurden.

Hinweise auf weit verbreitete Epidemien fanden sich nicht. Das Leben war körperlich hart, doch insgesamt scheinen die meisten Menschen gesundheitlich vergleichsweise stabil gewesen zu sein. "Veränderung und Innovation wurden in bestehende Traditionen integriert", fasst Wolfgang Haak, Projektleiter am Max-Planck-Institut, zusammen. "Diese Gemeinschaften gestalteten ihre Lebensweisen aktiv."


Originalpublikation:
Eleftheria Orfanou et al. Reconstruction of the lifeways of Central European Late Bronze Age communities using ancient DNA, isotope and osteoarchaeological analyses
Nature Communications, 24 February 2026.

Wissensland
Artikel von

Wissensland

Wissensland ist für die Inhalte selbst verantwortlich. Es gilt der Kodex der Plattform. Die Plattform prüft und behandelt Inhalte gemäß den gesetzlichen Vorgaben, insbesondere nach dem NetzDG.

METIS