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Ein Stein aus der Tiefsee verrät Geheimnisse des Universums

Sternexplosionen hinterlassen kosmische Fingerabdrücke auf der Erde. Dresdner Forschende vom HZDR haben sie in der Tiefsee des Pazifiks aufgespürt.
Eine Supernova schleudert radioaktive Atome durchs All. Manche davon erreichen die Erde und lagern sich auf dem Meeresgrund ab. © B. Schröder/HZDR/ NASA, ESA, J. Hester, A. Loll (ASU)
Von: Wissensland
Ein schwarzer Stein vom Grund des Pazifiks steckt voller kosmischer Geheimnisse. Dresdner Forschende vom HZDR haben darin radioaktive Atome aus dem Weltall gefunden – und damit das Alter eines uralten Ereignisses bestimmt: Das letzte seltene kosmische Schauspiel in unserer galaktischen Nachbarschaft liegt mindestens 100 Millionen Jahre zurück.

Am Grund des Pazifiks, unter Kilometern von Wasser, wächst seit Millionen von Jahren ein unscheinbarer schwarzer Stein. Er wächst nur wenige Millimeter in einer Million Jahren und er zeichnet dabei kosmische Geschichte auf. Forschende vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) haben diese Geschichte jetzt gelesen.

Gemeinsam mit Kollegen aus Sydney und Canberra haben sie eine sogenannte Ferromangankruste aus der Tiefsee untersucht. Diese mineralischen Ablagerungen entstehen in mehreren Hundert bis mehreren Tausend Metern Wassertiefe. Sie wachsen millimeterweise über Millionen von Jahren, nehmen dabei Stoffe aus ihrer Umgebung auf und speichern sie. Dazu gehören auch winzige Mengen radioaktiver Isotope.

Isotope sind Varianten eines chemischen Elements, die sich in ihrer Masse unterscheiden. Für die Wissenschaft sind diese Atome wie ein Tagebuch kosmischer Ereignisse.

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Plutonium aus dem Weltall

Besonders interessiert hat das Team ein seltenes radioaktives Atom namens Plutonium-244. Es entsteht nur bei außergewöhnlich heftigen Ereignissen im All, etwa wenn zwei Neutronensterne miteinander verschmelzen oder besonders energiereiche Sterne explodieren. Solche Ereignisse sind tausend- bis zehntausendmal seltener als gewöhnliche Sternexplosionen.

Die Forschenden verglichen das Plutonium mit Eisen-60. Dieses radioaktive Element entsteht bei normalen Supernova-Explosionen und gilt deshalb als Hinweis auf solche Ereignisse. "Eisen-60 ist ein klarer Fingerabdruck von regulären Supernovae. Daher haben wir sowohl nach Eisen-60 als auch nach Plutonium-244 gesucht und deren Spuren verglichen", erklärt Dr. Dominik Koll vom Institut für Ionenstrahlphysik und Materialforschung am HZDR.

Das Plutonium erzählt demnach eine andere Geschichte als das Eisen. Während Eisen-60 vor allem Spuren einzelner Sternexplosionen hinterlässt, wurde Plutonium-244 über lange Zeiträume hinweg in der Tiefseekruste nachgewiesen. Das deutet darauf hin, dass es schon sehr lange durch den Weltraum unterwegs war, bevor es auf die Erde gelangte.

Die Quelle muss daher deutlich älter und wesentlich seltener gewesen sein als die Sternexplosionen der vergangenen Millionen Jahre.

100 Millionen Jahre zurück

Den entscheidenden Hinweis lieferte ein dritter radioaktiver Stoff: Curium-247. Er entsteht bei denselben seltenen kosmischen Ereignissen wie Plutonium-244, verschwindet aber deutlich schneller wieder. Für Forschende ist das ein wichtiges Datierungswerkzeug.

Wäre das gesuchte Ereignis vor weniger als 100 Millionen Jahren passiert, müssten heute noch Spuren von Curium-247 in der Tiefseekruste nachweisbar sein. Doch trotz höchster Messempfindlichkeit fanden die Forschenden keine einzige Spur davon. Daraus ziehen sie einen klaren Schluss: Das letzte solche Ereignis in der Nähe unseres Sonnensystems muss mehr als 100 Millionen Jahre zurückliegen.

Möglich wurde diese Erkenntnis nur durch eine technische Meisterleistung. Ein einzelnes Plutonium-Atom versteckt sich in rund zehn Trilliarden anderer Atome. "Wir brauchen nur 100 Plutonium-Atome in der Endprobe, um eines davon im Detektor einzufangen. Diese Sensitivität ist weltweit einzigartig", sagt Michael Hotchkis, leitender Wissenschaftler der VEGA-Anlage in Sydney – der derzeit einzigen Maschine, die solche Messungen ermöglicht.

In Dresden soll künftig die neue Forschungsanlage HAMSTER ähnliche Messungen ermöglichen. "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Plutonium aus sehr seltenen kosmischen Explosionen stammt, wie sie etwa beim Verschmelzen zweier Neutronensterne auftreten würden. Seitdem hat es sich im Weltraum verteilt", sagt Prof. Anton Wallner, Leiter der Abteilung Beschleuniger-Massenspektrometrie und Isotopenforschung am HZDR.

Die Forschenden blicken bereits auf die nächsten Untersuchungen. Mithilfe von Mondproben der NASA wollen sie die Geschichte dieser seltenen kosmischen Ereignisse künftig noch genauer rekonstruieren. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature Astronomy veröffentlicht.


Originalpublikation:
D. Koll, S. Fichter, M. A. C. Hotchkis, S. T. Battisson, S. Beutner, L. K. Fifield, M. B. Froehlich, J. Lachner, S. Pavetich, G. Rugel, Z. Slavkovska, S. G. Tims, A. Wallner: The timing of the last r-process event near Earth from interstellar 60Fe, 244Pu and 247Cm deposition on Earth, Nature Astronomy, 2026.

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