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Skat an der Universität: Das Spiel der Stochastik

Skat an der Universität: Das Spiel der Stochastik
Theodor Liebing mag den Reiz des Zufalls beim Skat. / Foto: Marvin Zubrod/dpa
An der HTWK Leipzig feilen junge Leute an ihren Skatfähigkeiten. Mit dem rauen Kneipenspiel von früher hat der Hochschul-Treff nur noch wenig gemeinsam. Das liegt auch an zwei Weltmeistern.

Mit einer ordentlichen Portion Schmackes schmeißt Marten Fiedler seine Skatkarte auf den Tisch. Die Herz-Zehn liegt nun auf der Kreuz-Dame seines Mitspielers. Er hat sie also «geschmiert», in der Hoffnung, möglichst viele Punkte zu sammeln. Martens Bruder Lukas verzieht keine Miene. Er hat kein Kreuz, aber auch keinen Trumpf mehr; muss also eine Karte abschmeißen und gibt damit den nächsten Stich ab. 

Das sieht jetzt, etwa zur Mitte dieses Skatspiels, gar nicht gut aus für Lukas Fiedler. Und am Ende verliert er den Grand tatsächlich, also das Spiel, in dem nur die vier Buben als Trumpf eingesetzt werden dürfen. Für einen Sieg waren die Farben zu ungünstig verteilt. Doch Zeit zum Grübeln bleibt an diesem Donnerstagabend in Leipzig kaum. Denn bevor sich Lukas über die Niederlage ärgern oder sein älterer Bruder Marten über den Sieg freuen kann, greift Florian Pieper ein. 

Pieper, 39 Jahre, graues Haar, arbeitet eigentlich als Finanzberater. An diesem Abend im Oktober ist er aber als Skatlehrer unterwegs. Gemeinsam mit Theodor Liebing hat er sich in diesem Jahr zum Online-Weltmeister gekrönt, seit April laden die beiden zudem einmal in der Woche an der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur zum Kartenspiel ein. Das Angebot richtet sich nicht nur an Studierende von Leipzigs Hochschulen, sondern auch an externe Teilnehmer. Die einzige Voraussetzung sind Grundkenntnisse beim Skat. Zum ersten Termin des Semesters sind sieben junge Leute gekommen, fünf Männer und zwei Frauen. 

Ein akademischer Schliff für das rund 200 Jahre alte Kneipenspiel

Sie sitzen an zwei Tischen, einem für Anfänger und einem für Fortgeschrittene. Auf der anderen Seite des Seminarraums erstreckt sich eine große grüne Tafel, die von verwischten Kreide-Zeichnungen überzogen ist. Die schwarzen Stühle an den weißen Tischen sind akkurat aneinandergereiht. Nichts erweckt hier den Eindruck eines rauen Kneipenspiels, das von alten Männern dominiert wird. Stattdessen überwiegen Konzentration und gegenseitige Unterstützung. Pieper und Liebing verpassen damit dem mehr als 200 Jahre alten Kartenspiel einen akademischen Schliff. 

Eine der Teilnehmerinnen an diesem Abend ist Julia Andrae aus Weimar. Die 22-Jährige ist durch Klassenkameraden in der Oberstufe zum Skat gekommen und hat in den Pausen mit ihren Mitschülern oft Karten gespielt. Heute studiert Andrae im siebten Semester Grundschullehramt. Das letzte Mal hat sie vor etwa drei Jahren gespielt, weil sie in Leipzig bislang noch keine Mitspieler gefunden hat, wie sie erzählt. Und weil die Lernkurve beim Skat zu Beginn linear ist, wie Experte Pieper sagt, darf sich Andrae Hoffnung machen, ihre Fertigkeiten aus der Oberstufe schnell wieder abzurufen. 

Vom Hochschulsport zur Turnierteilnahme

Nicht alle aus der Gruppe an diesem Abend haben Skat ausschließlich in der Schule gelernt. Lukas und Marten Fiedler zum Beispiel wurde das Kartenspiel in der Familie beigebracht. Er sei über seinen älteren Bruder zum Skat gekommen, erzählt Lukas. Mittlerweile ist der 27-Jährige weiter als Marten. Schon vor einem halben Jahr war Lukas dabei, als Pieper und Liebing das erste Mal Skat über den Hochschulsport angeboten haben. Inzwischen hat er sogar am Junge-Leute-Pokal teilgenommen, einem Turnier für den Nachwuchs. 

Mit seinen 27 Jahren gehört Fiedler zu den jüngeren Leuten in der Szene. Online liege das Durchschnittsalter bei 45 Jahren, sagt Joachim Schreiner. Seit 20 Jahren ist er Vorsitzender des Deutschen Online-Skatverbands in Zweibrücken, den er kurz zuvor mit einem Team gegründet hat. Etwa 25.000 aktive Spieler gibt es auf dem Server des Verbands, wie Schreiner berichtet. Nur etwa 500 bis 600 Leute seien unter 30, schätzt er. Seit langem verliere Skat an Beliebtheit. Selbst online könne man die schrumpfende Bedeutung kaum kompensieren, weil Skat im Gegensatz zu Poker oder Schach die Digitalisierung verschlafen habe.

Eine neue Kategorie gegen den Abwärtstrend

Timo Strömel vom Deutschen Skat-Verband, sozusagen der alteingesessenen Organisation des Skatsports, berichtet ebenfalls von einer abnehmenden Popularität. Im Verband mit Sitz im thüringischen Altenburg ist Strömel für junge Leute zuständig. 2024 hat der Verband für Meisterschaften eine neue Altersklasse von 22 bis 35 Jahren eingeführt, um dem Nachwuchs im Wettbewerb gegen die Skat-Haudegen den Einstieg zu erleichtern. Zumindest mit Angeboten an Hochschulen wie dem von Pieper und Liebing lassen sich die Fähigkeiten schnell verbessern. Etwa 15 bis 20 Hochschulorte hätten ein Skatangebot, schätzt Verbandsvertreter Strömel. 

Einen «gesunden Ehrgeiz» solle man mitbringen, wenn man gut werden wolle, sagt Weltmeister Pieper. Zudem brauche es Geduld, logisches Denken sowie ein «Gefühl für Wahrscheinlichkeiten». Auch das «Zwischenmenschliche» sei wichtig, ähnlich wie beim Poker, ergänzt Liebing. Muss man also ein Schlitzohr sein und beim Skat bluffen, um Erfolg zu haben? 

Das zwar nicht, denn wer ein schlechtes Blatt hat, kommt nicht weit. Aber, so erläutert es Weltmeister Liebing, wer bei den beiden anderen Spielern an der Körpersprache sieht, dass sie wohl nichts auf der Hand haben, sagt vielleicht «18»; nennt also den niedrigsten Reizwert. Und findet dann womöglich etwas Hilfreiches im Skat. So heißen die beiden verdeckten Karten, die der spielende Akteur aufnehmen darf. 

Blitzrechnen im Kopf

Und letztlich geht es auch um Geschwindigkeit, wie das fast zwei Stunden lange Training am Donnerstag zeigt. Pieper reicht ein kurzer Blick auf das Blatt, um zu analysieren, dass sich die zehn Karten auf der Hand für einen Null ouvert mit «91-prozentiger Gewinnwahrscheinlichkeit» eignen. 

Das heißt: Legt der Spieler seine Karten offen auf den Tisch, so wie es beim «ouvert» der Fall ist, hat er immer noch ziemlich gute Chancen, keinen Stich zu machen. Denn das ist das Ziel beim Nullspiel. So lassen sich die sonst wertlosen Siebener, Achter und Neuner, also die ganzen Luschen eines Blattes, doch noch in Punkte umwandeln. 46 gibt es für einen Null ouvert und damit fast so viele wie für ein einfaches Grand-Spiel, das von Assen lebt. 

Auch der Zufall spielt eine Rolle

Überhaupt geht es viel um Zahlen, wenn Pieper am Tisch ist. An diesem Abend ist er bei den Fortgeschrittenen und huscht regelmäßig von der einen auf die andere Seite, um jedem mit mathematischer Präzision zu erklären, wie sich das Bestmögliche aus den Karten herausholen lässt. Weltmeister-Kollege Liebing schlendert unterdessen lässig um den Anfänger-Tisch, auch er hat sämtliche Wahrscheinlichkeiten im Kopf. Studiert hat der 25-Jährige Wirtschaftsmathematik an der Universität Leipzig, zum Skat ist er aber nicht nur wegen der mathematischen Komponente gekommen. «Ich mag es, wenn der Zufall eine kleine Rolle spielt», sagt Liebing. 

Wie viel Glück gehört also zum Skat dazu? Wenn man fünf Minuten gegen einen Weltmeister spiele, habe man vielleicht eine Chance. Wenn man zwei Stunden spiele, dann hingegen kaum, erläutert Pieper. Skat ist also ein Spiel der Stochastik. Je länger man spielt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man in jeder Runde gute Karten bekommt, die die fehlende Kompetenz ausgleichen. 

In Leipzig haben Pieper und Liebing an diesem Abend schon das Skatwissen unter den Teilnehmern gesteigert. Zwar sind nicht alle der angemeldeten Personen erschienen, doch mindestens eine Teilnehmerin hat das Duo für seinen Sport begeistert. Lehramtsstudentin Julia Andrae hat am Ende ihres ersten Skatabends nach dreijähriger Pause sogar schon ein neues Ziel vor Augen: «Ich habe übelst Lust, mal an einem Turnier teilzunehmen.»

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