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Schmiedelandhaus Greifendorf: Wenn die Funken sprüh’n zwischen Landei und Herrenschokolade

Dorfschmiede
Kabeljau, Gerstenrisotto, Vanille & Senf im Schmiedelandhaus Greifendorf (Bild: Ulrich van Stipriaan)
Von: Ulrich van Stipriaan
Sonntagsessen im historischen Schmiedelandhaus Greifendorf: kreatives Menü mit durchdachten vegetarischen Alternativen, bemerkenswerter alkoholfreier Weinbegleitung und regionalem Slow‑Food‑Charme.
Funk’n spritz’n rüm un nüm, ward e Brandflack, iss nett schlimm.
Wenn d’r Mast’r winkt, Hammerschlog erklingt:
Poch, poch, bing, bing, poch, poch, bing, bing, dos sei de lust’gen Schmiedgesell’n.
aus: De lust’gen Schmiedgesell’n / aus Willy Kaufmanns Erzgebirgslieder-Quelle

Post aus Greifendorf. Der Schmied hat geschrieben, ich solle den Termin nicht vergessen. Wie niedlich: der Schmied! In Wirklichkeit war’s natürlich der Koch Norbert Hohmann (oder jemand aus dem Team) – und wie sollte ich es vergessen, hatten wir doch mit großer Vorfreude die Pläne für den Sonntagsausflug nach Mittelsachsen geschmiedet! In der ältesten noch erhaltenen und original eingerichteten Dorfschmiede in Sachsen, deren ältester Teil aus dem 17. Jahrhundert stammt, ging’s uns allerdings nicht um Hammer und Amboss oder darum, heiße Eisen im Feuer zu schmieden: wir waren gekommen, um zu genießen. Obwohl: zwischen pochiertem Landei und Herrenschokolade machte es nebenan im Hauptraum vor dem Feuer dann doch plötzlich Poch, poch und bing, bing: die Gesellschaft dort hatte zu ihrer Feier einen Hobbyschmied hinzugebucht…

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Also Ambiente können sie in Greifendorf! Und allein vom Lesen der Karte fürs Kochsternstunden-Menü ließ erahnen, dass (pardon, Greifendorfer) hier in the middle of nowhere kulinarisch weit über den Tellerrand hinausgeschaut wird – und das schon seit 2011. Was das Menü schon vor dem Genuss besonders macht, ist die kommunizierte Offenheit: jeder Gang (bis aufs Dessert – das gibt es nie mit Fisch oder Fleisch 😉 ) ist mit einer durchdachten vegetarischen Variante vorgesehen, bei der Weinbegleitung ist zu jedem Wein mit Alkohol einer ohne als Alternative im Angebot (auch hier eine Ausnahme: zum Aperitif bekommen alle den Prisecco 0/0 von Jörg Geiger in der Variante als Bio rot mit Apfel, Aronia und Mädesüß angeboten). So sollte das sein!

Aronia gehört nicht zu meinen favorisierten Geschmacksrichtungen, aber offensichtlich ist es da wie beim Pairing Kleinkind–Spinat: man sollte es immer mal wieder versuchen. Der Aronia-Anteil im komplexen Prisecco ist aber so geschickt mit anderen Früchten und Kräutern vermählt, dass mir die Cuvée außerordentlich gut schmeckt – und ähnlich erging es mir beim Brot, das der Service als erstes an den Tisch bringt: ein Aronia-Bauernbrot, leicht warm mit fluffiger Krume und dankbarer Aufnehmer für die Salzbutter und eine kräftige Kräuter-Pfeffer-Salz-Mischung dazu.

Für den ersten Gang war Estragonschaumsuppe plus Sauerrahm gesetzt – und je nach der Entscheidung „mit“ oder „ohne“ bestand die durchaus geschmackgebende Garnitur aus Forellen- oder Auberginenkaviar. Da eine Aubergine keine Eier hat, aber die Optik deutlich näher an den Forellenkaviar herankam als an den gerne orientalisch gewürzten Brotaufstrich, rätselten wir kurz herum: wie hat er das gemacht (alternativ: wo hat er das gekauft)? Aber wir gaben die Suche nach einer Antwort schnell auf, denn als dieser Auberginenkaviar dann auch noch leicht knackigen Biss hatte, fassten wir es einfach und unprofessionell zusammen: verrückt! Die Suppe, von der wir durch das Kaviararrangement auf dem Tellerrand (mehr davon gab’s am Schmand zur Suppe) abgelenkt waren, passte dann auch.

Beim Zwischengang hieß es dann Kabeljau oder pochiertes Landei? Wie gut, dass wir zu zweit waren und vergleichen konnten, wie doof, dass auch nach dem Vergleich keine Variante zum Sieger gekürt werden konnte, weil beide gut waren. Also: der Fisch saftig und als dem Ei in der Form nahe kommender Batzen serviert. Obenauf kleine farbige Blüten und – wenn ich mich nicht ganz verschmeckt habe – der Pfeffer-Salz-Mix vom Brotangebot. Nun ja, macht man ja eigentlich nicht, solche Wiederholungen, passte aber vom Geschmack her. Das Ei erwies sich als ebenfalls perfekt auf den Punkt gegart, das Eigelb floss nach dem Öffnen heraus und reicherte die Sauce an. Gerstenrisotto als Beilage war uns nicht neu, ist aber immer wieder überraschend gut (wenn so korrekt gegart wie wir es bekommen hatten).

Unser bislang bester alkoholfeie Wein

Die Weinbegleitung zu den beiden Gängen (auf Wunsch mit Nachschenken…) bescherte uns nicht nur „den Gentleman des Sortiments“ des steirischen Weinguts Muster.Gamlitz, wie es Markus Zurk bei unserem Podcast „Auf ein Glas“ für den Weißburgunder mit seiner subtilen Balance formuliert hatte, sondern auch den besten in diesem Jahr probierten alkoholfreien Wein: die Komma nix Cuvée weiß der fränkischen Winzerfreunde von „Frank&Frei“ (hier erklärt). Müller Thurgau, Bacchus, Gewürztraminer, Muskateller und Riesling stecken drin – und endlich, endlich schmeckt ein entalkoholisierter Wein mal nicht nach Marmelade, sondern nach Wein! Vielleicht liegt es am typisch fränkischen Restzucker: der ist nämlich immer möglichst niedrig – und liegt hier bei 28 g/l (wo andere gut und gern mal das Doppelte bieten – natürlich auf dem Etikett immer gesetzlich korrekt in der Angabe pro 100 g, wo die Zahl hier nun fränkisch trocken unter drei liegt: 2,8 g).

Der Hauptgang wartete mit geschmorten Wurzeln, karamellisierter Perlzwiebel und Marsalasauce auf, dazu je nach Gefühl und Geschmack gefülltes Täubchen oder ein gefülltes Kohlköpfchen. Optisch ähnelten sich beide Gerichte wieder – aber (nun schon: leider) auch zum bisherigen Muster gab es viele Ähnlichkeiten. Die große blaue Blüte obendrauf kannten wir von der Suppe, die vielen bunten kleinen Blüten vom Zwischengang – wie auch die Cocktailtomate und die Hippe aus dem Zubereitungsarsenal vertraut waren. Kinkerlitzchen? Vielleicht. Aber schon wieder Gerstenrisotto (als Füllung für den Kohl) war dann doch etwas fantasielos, da gibt’s ja für einen so erfahrenen Koch mehr Möglichkeiten. Die Enttäuschung ließ zwar etwas nach beim Probieren, denn vor allem die Sauce war ganz toll und das Täubchen – so man sowas mag – vielfältig in den Geschmacksnuancen, weil eben nicht nur die Brust serviert wurde. Dieses Mal fiel die Entscheidung bei den Weinen eindeutig für den „mit“ aus: Pia Strehn aus Deutschkreutz im Burgenland (nicht Steiermark, wie im Menü ausgedruckt…) ist zwar eigentlich die Rosé-Queen Österreichs, aber sie kann auch rot: ihr Blaufränkisch ist ein einfacher Wein, aber dennoch einer mit schöner Fülle und Textur, der das Essen samtig weich begleitet. Gerade richtig für einen Sonntag(nach)mittag. Der Sangre de Toro von Torres entsteht zwar auf einer der besten (und teuersten) Entalkoholisierungsanlagen Europas – aber insgesamt ist man, was Mundgefühl und Tiefe anbelangt, bei den Rotweinen noch weniger nahe am Weingenuss als bei den weißen. Meistens sind also in solchen Fällen Proxy-Lösungen mit echten nullkommanull (weil das nie Wein gewesen ist) die attraktiveren…

Herrenschokolade am Frauentag?

Zum Dessert grüßte dann nochmal das Murmeltier in Form von kleinen Blüten auf dem Tellerrand und großer Blüte on top of Tausendblätterkuchen und Herrenschokolade nebst der ein oder anderen Aroniareere. Weil wir uns über die Blüten nicht mehr echauffieren wollten (können Blüten Peanuts sein? genau!), bot uns an diesem internationalen Frauentag der schöne Begriff Herrenschokolade Gesprächsanlass. Denn die Antwort auf die Frage, wie sexistisch Schokolade sein kann, ist viel zu wenig bekannt. Weil ihre zum Buch gewordene Dissertation nahezu 70 € kostet, wollte ich die Antwort auch nicht bei Monika Setzwein suchen („Ernährung – Körper – Geschlecht: Zur sozialen Konstruktion von Geschlecht im kulinarischen Kontext“), sondern beschloss die eigene Erfahrung zu Rate zu ziehen. Denn ist es nicht so, dass nur Marketinghirne glauben, Männer (oder gerne auch „Herren“) würden lieber Bitterschokolade essen als Frauen? In Wirklichkeit erleben wir doch alle im Alltag, dass die Frauen die Vernünftigeren sind und diese Vollmilch-Nuss eher als ungesund empfinden, weswegen sie zur Tafel mit dem hohen Kakaoanteil greifen.

Versöhnung – auch mit den für Februar/März nicht naheliegenden Dessert-Details Erdbeere und Feige – und Rückkehr zur Region brachte der Kräuterlikör zum Abschluss. Striegi heißt er, was doch sehr niedlich für das Striegistal ist, in dem die 18 verschiedenen Kräuter, Wurzeln und Gewürze des Likörs kommen – „zum großen Teil aus dem eigenen Kräutergarten“, wie ich beim Hersteller las. So wie die Aroniabeeren, dachte ich mir: das hatte uns nämlich der Service verraten, und wir dachten: joh, so geht slow-food: möglichst nah dran!

Menü

  • Aronia-Bauernbrot | Salzbutter
  • Estragonschaumsuppe | Sauerrahm | Forellenkaviar
    ODER
    Estragonschaumsuppe | Sauerrahm | Auberginenkaviar
  • Kabeljau | Gerstenrisotto | Vanille & Senf
    ODER
    Pochiertes Landei | Gerstenrisotto | Vanille & Senf
  • Gefülltes Täubchen | geschmorte Wurzeln | karamellisierte Perlzwiebel | Marsalasauce
    ODER
    Gefülltes Kohlköpfchen | geschmorte Wurzeln | karamellisierte Perlzwiebel | Marsalasauce
  • Tausendblätterkuchen | Herrenschokolade | Aroniabeeren

Weinbegleitung

  • Aperitif Jörg Geiger Prisecco 0/0 Bio rot: Apfel – Aronia – Mädesüß
  • 2022 Weißburgunder, Weingut Reinhard Muster, Illyr, Südsteiermark (Österreich)
    ODER
    Komma nix Cuvée weiß „Frank&Frei“, Baldauf, Franken
  • 2021 Blaufränkisch, Pia Strehn, Burgenland, Österreich
    ODER
    Sangre de Toro Red 0/0, Miguel Torres, Katalonien, Spanien
  • Spirituose von Rose Valley (2cl) oder ein Espresso Greifenberry
    ODER
    Espresso Greifenberry oder eine Kaffeespezialität nach Wahl

Info

  • Menü 75 € | inkl. Getränkebegleitung 101 €

Schmiedelandhaus Greifendorf
Doebelner Str. 19
09661 Rossau / OT Greifendorf

Tel. +49 37207 99288
schmiedelandhaus.de

[Besucht am 8. März 2026]

Ulrich van Stipriaan
Artikel von

Ulrich van Stipriaan

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