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Wolfram Siebeck: Der Mann, der Deutschland Geschmack beibrachte

Buchlesung
Autor Christoph Wirtz, Prof. Andreas Rutz und Siebeck als Buchtitel (Bild: Ulrich van Stipriaan)
Von: Ulrich van Stipriaan
Christoph Wirtz legt die erste Biografie über Wolfram Siebeck vor und zeichnet den berühmten Gastrokritiker als brillanten, streitbaren Genießer mit Ecken und Kanten.

„Schlecht kochen kann jeder. Aber stolz darauf sein: das kann nur die deutsche Hausfrau!“ Das ist ein (leider unbelegtes, weil nur aus der Erinnerung gekramtes) Zitat von Wolfram Siebeck. Gelesen habe ich das vor geschätzten 40 Jahren, wahrscheinlich in der ZEIT oder im Feinschmecker. Denn dort schrieb Siebeck mit einer fröhlichen Unverblümtheit und gerne mit viel Sarkasmus über die schönen Dinge des Lebens: übers Essen in seinen beiden Urformen selber machen (vulgo: kochen) oder ausgehen. Und während die Rezepte von ihm immer gierig nachgekocht wurden, ersetzten die Restaurantkritiken (vor allem: die Verrisse) die Besuche in Restaurants, die wir uns als Student oder Journalisten in den Anfangsjahren nicht leisten konnten. Der Siebeck hat sich also eingenistet in unseren Ganglien – und manchmal denkt man dran zurück, so im üblichen Altersmodus: ja daaaahmaaaaahls…

Es gibt einen aktuellen Grund, die Erinnerungen hervorzukramen: eine Biographie über den am 7. Juli 2016 im Alter von 87 Jahren gestorbenen Siebeck ist jetzt erschienen. Erstaunlicherweise ist es die erste über den Gastrokritiker, der wie kein anderer den Deutschen die Feinheiten des Genießens beigebracht hat. Das Buch ist seit Juni auf dem Markt – und auf den Tag genau zum zehnten Todestag des grandiosen Gastrokritikers war der Autor Christoph Wirtz nach Dresden gereist, um in der SLUB (das ist kurz für Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek) aus seinem Buch zu lesen und mit Prof. Andreas Rutz über das Buch und über Siebeck zu reden.

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Das war natürlich kein Zufall, dass die Lesung in dieser Bibliothek und das Gespräch mit einem Professor für Sächsische Landesgeschichte stattfanden: eine Handschrift mit Notizen des Hilfskochs Ernst Max Pötzsch in der Küche des Prinzen Friedrich August von Sachsen wurde der SLUB geschenkt, Prof. Dr. Josef Matzerath machte sie zum Forschungsprojekt mit zahlreichen Publikationen. Für die Hofmenüs für heute (meine Besprechung) konnte man Siebeck als Mitherausgeber gewinnen. Und nicht nur das: Im Jahr 2018 konnte die SLUB Dresden mit finanzieller Unterstützung der TU Dresden den Nachlass des Publizisten und Gastronomiekritikers Wolfram Siebeck (1928–2016) erwerben (die meisten anderen Nachlässe wurden der SLUB übrigens geschenkt).

Die SLUB ist Hüterin des Siebeck-Nachlasses

Der Nachlass ist Teil des im Oktober 2022 gegründeten Deutschen Archivs der Kulinarik (mein Bericht im falstaff) und ist damit öffentlich zugänglich. Natürlich hat Wirtz – der Siebeck selbst kannte und als langjähriger Chefredakteur des Gault&Millau ja dort für einen erfrischenden Kritik-Ton sorgte – die „Gnade des Archivs“ genutzt, wie er im Gespräch mit Prof. Rutz es formulierte: „Ich habe da Einblick genommen in sehr persönliche Dokumente“, was bei der Einordnung und beim Schreiben geholfen habe. „Ich glaube, das ist ein sehr ehrliches Buch. Also jedenfalls ist es kein geschöntes,“ sagte Wirtz über Wirtz. Das stimmt insofern, als auch die, sagen wir mal: eigenwilligen Seiten von Siebeck gezeigt werden, der ja nicht nur ein brillanter Schreiber, sondern auch ein ziemlicher Egomane war. Im Gespräch brachte Wirtz das sehr schön auf den Punkt, als er nach der Rolle von Siebecks Ehefrau Barbara gefragt wurde: „Also zu sagen, Barbara Siebeck sei das Zentrum seiner Welt, stimmt nicht, weil das Zentrum seiner Welt war Wolfram Siebeck.“

So bringt Christoph Wirtz uns also den Siebeck in 25 Kapiteln als einen Menschen nahe, dem es ums Verfeinern der Kochkunst geht – der das keineswegs immer mit dem Florett macht, sondern durchaus auch mal mit dem Schwert oder gar der Axt beherzt zuhaut. Man lernt dabei viel über Siebeck und auch über die gar nicht immer so guten alten Zeiten – da lohnt sich das Schmökern schon. Und Christoph Wirtz ist ja nicht nur ein Weggefährte Siebecks, er ist ja auch ein Held der Fabulierkunst. Meistens liest sich das dann auch ganz flüssig, manchmal sogar süffisant – manchmal aber auch hatte Wirtz schlechte Schreibmomente: Sätze mit 40 bis 50 Wörtern hätte er im Gault&Millau sicher nicht durchgehen lassen.


Autor Christoph Wirtz: "Wasser hätte er nicht geliebt!" Die Position im Schoße des Biographen sicher auch nicht… (Bild: Ulrich van Stipriaan)

Wie Wirtz sein Wissen (das sich ja aus Selbsterlebtem und Angelesenem) bewertet und sortiert, ist natürlich seine Sache. Mir ist er aber trotz seiner Eigenwahrnehmung in einigen Dingen dennoch zu nahe dran am Wegbegleiter und Kollegen. Denn der späte Siebeck zeigte aus meiner Sicht ja wenig Altersweisheit, ich musste vielmehr Altersgreisheit konstatieren. Ob der Genussmensch im Alter noch mehr trank als in jungen Jahren, vermag ich nicht zu beurteilen – ich war ja nicht dabei, nur andere munkelten. Wirtz thematisiert das nicht, lediglich bei der Eröffnung des Gesprächs in der SLUB entfuhr ihm ein „Wasser hätte ihm nicht gefallen…“. Das stimmt, dachte ich und sinnierte, ob es Siebeck wohl gefallen hätte, im Schoße seines Biografen liegend am Gespräch teilzunehmen?

Aber wenn man für die eigenen scharfen Worte die Wahrheit schleift und schon 2013 alternative Fakten (er)findet, ist das schon eine besondere Form der Sturheit. In seinem Blog „Wo isst Siebeck“ polterte er 2013 in gewohnter Manier über die knospenden Landschaften: „Berlin und die angeschlossenen Ostgebiete verweigern die notwendigen Spitzenleistungen.“ Siebeck kommt dann auch auf Dresden zu sprechen und schreibt: „Das wird deutlich an der einzigen Adresse der populären Stadt an der Elbe, die einen Michelinstern vorweisen kann, „Bean&Beluga“. Wir waren an einem Donnerstag Abend dort und die einzigen Gäste.“ Ich wusste es besser, das mit der Zahl der Sterne-Restaurants (es gab ja seinerzeit schon das länger ausgezeichnete Caroussel im Hotel Bülow Palais) sowieso, aber auch das mit dem nur einen Tisch: Stefan Hermann hatte mir versichert, außer dem Siebeck-Tisch seien es noch vier weitere gewesen. Mein Kommentar wurde übrigens nie freigeschaltet, ich hole das mal hier nach: „Lieber Herr Siebeck, ein wenig Recherche tut sicher jedem Beitrag gut, auch wenn man *der Siebeck* ist: Dresden hat zwei Sterne-Restaurants. Und ein wenig Befangenheit (Bescheidenheit verlangt ja keiner von Siebeck) täte auch not zu erklären. Wenn man beispielsweise gen Ende des Beitrags lobt, wofür man selbst Geld bekommen hat – weil beteiligt -, sollte das da schon stehen!“ Das Lob am Ende der knospenden Landschaften bezog sich übrigens – und da schließen sich die Kreise – auf das „Thema Die Hofküche um 1900“, wo er nur einen Monat später selbst als Mitherausgeber fungierte

Christoph Wirtz: „Siebeck“. Ein sattes Leben
ZS Verlag, München 2026.
ISBN 978-3965845589
304 S., Abb., geb., 29,90 €.

Ulrich van Stipriaan
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Ulrich van Stipriaan

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