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Abendbrot mit Rothschild-Weinen: Anlass zur Freude und zum Sich-Wohlfühlen

Weinprobe
Sommelier Jörg Philipp präsentierte die Rothschild-Weine im Bistro von Matthias Gräfe (Bild: Ulrich van Stipriaan)
Von: Ulrich van Stipriaan
Radebeul-Ost: Ein Themenabend mit Rothschild-Weinen, moderiert von Jörg Philipp, verbindet Genuss, Gespräche und Atmosphäre wie in alten Viertelskneipen.

Natürlich geht man manchmal essen, um satt zu werden. Aber ausgehen ist was anderes. Da will man zwar auch was essen, gerne auch was trinken – aber das gewisse Extra ist das Drumherum. Je nach Ort und Anlass kann das was ganz Besonderes sein wie ein von Kochkünstlern (m/w/d) komponiertes Essen in mehreren Gängen. Das kann auch ein Abend mit besonderen Weinen sein, die man immer schon mal probieren wollte – aber sie in der Zusammenstellung beispielsweise noch nie ins Glas bekommen hatte. All das passiert in der Regel (und je nach Situation) allein, zu zweit oder mit ein, zwei Freunden – also: irgendwie zusammen. Es gibt aber noch die ganz andere Möglichkeit, wo man (allein, zu zweit oder mit ein, zwei Freunden) ausgeht, um einen Mix aus all diesen Dingen zu genießen, bei dem aber on top noch etwas kommt, was man mit Geld nicht bezahlen kann: Atmosphäre.

Solche Orte und Gelegenheiten gab es früher® mehr als heute. Die „Weetschaff op d’r Eck“, die Eckkneipe also, hat die Kölner Gruppe Bläck Föös in heimischem Dialekt mehrfach besungen. Die Viertelskneipen waren natürlich Treffpunkte zum Trinken (und Sattwerdenessen) – aber sie waren eben auch Orte, an denen bestenfalls Menschen zusammenkamen, die sich sonst nicht zwangsläufig trafen: junge und alte, reiche und arme, Chefs und Mitarbeitende (also, damals ehrlicherweise: Mitarbeiter, auch wenn’s Frauen waren). Die Kneipe als Ort sozialen Ausgleichs unter besonderer Berücksichtigung von Wasweißichdenn gibt’s sicher als Abschlussarbeiten an der ein oder anderen Uni.

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Jammern hilft nicht: die Zahl der echten guten Viertelskneipen ist gesunken, wofür es viele Gründe gibt. Aber das Bedürfnis nach Miteinander gibt es selbstredend immer noch – dauernd mit der KI zu reden ist auf Dauer auch nicht zielführend und schon gar nicht erheiternd. Wie schön, dass es punktuell immer wieder Orte gibt, an denen Gemeinsames machen und der plaudernde Austausch machbar sind. Das können Vereine sein oder ehrenamtliche Engagements, aber zusammen mit dem Faktor Genuss bieten sich auch heutzutage noch Gaststätten aller Couleur an. An einem dieser urlaubsreifen Sommerabende – nicht zu heiß, nicht zu früh kühl – fand jetzt auf der abends betulich ruhigen Hauptstraße in Radebeul-Ost ein Themenabend besonderer Art statt, der Anlass zur Freude und zum Sich-Wohlfühlen war – auf der inhaltlichen Seite sowieso, denn es gab Weine aus dem Hause Rothschild – mithin solche, die die meisten nicht alle Tage trinken können. Aber mehr noch trugen die Menschen zum Gelingen bei, und zwar nicht nur die, bei denen man es sich quasi qua Beruf eh denkt (oder zumindest wünscht), also die vom Team vor und hinter den Kulissen einer Gastwirtschaft. Vielmehr tragen auch die Gäste nicht unwesentlich bei zum Gelingen eines Abends. Und wenn dann sich einige kennen und andere erst kennenlernen und dennoch über die Tische und Plätze hinweg miteinander schwatzen, dann ist es ja schon fast wie früher in der Viertelskneipe.

Den passenden Rahmen muss natürlich der Gastgeber aufziehen. Matthias Gräfe und sein Team haben dafür an mehreren Strippen gezogen. So hat er einen hochwertigen Anlass (Weine aus dem Hause Baron Edmond de Rothschild) angeboten. Manch eine(r) könnte sich dazu nichts anderes als ein aufwändiges Menü vorstellen. Im Wein & fein aber gab’s: unser Abendbrot. So wie auch an den beiden vorherigen Terminen dieser lockeren Folge von Präsentationen von Spitzenweingütern (Vega Sicilia im Januar, Frescobaldi im April), die unter dem schlichten Rubrum Sonntagswein laufen – weil die Termine jeweils am Sonntagabend stattfinden. Da fragt dann aber keiner, ob er was im Polizeiruf 110 verpasst, und auch das Team kommt am sonst freien Tag frohgelaunt zum Tatort Hauptstraße 😉


Jörg Philipp (Bild: Ulrich van Stipriaan)

Eine weitere wichtige Voraussetzung sind gute Moderationen. Da hilft ein gutes Netzwerk, das so ganz nebenbei auch zeigt, was sich an Weinwissen aus Dresden heraus in die Welt getraut hat: am ersten Abend präsentierte Thomas Sommer, einer der Spitzensommeliers im deutschsprachigen Raum, die Weine. Er ist gebürtiger Dresdner und hat in der Bülow-Residenz gelernt. Dieses Mal war Jörg Philipp der Weinerklärer – er war 1996 der erste Sommelier im Restaurant des Kempinski Taschenbergpalais (nach ihm kam, by the way, Frédéric Fourré). Jörg Philipp schafft es, Expertenwissen auf eine sehr charmante Art weiterzugeben, er hat ein wunderbar distanziertes Verhältnis zu den kapitalen Ausschlägen im Weinbusiness – und auch wenn die an diesem Abend gezeigten Weine alles andere als Schnäppchen waren, so sind sie dennoch nicht für Sammler gemacht (die sie wie Gemälde zu manchmal nicht mehr wirklich nachvollziehbaren Konditionen kaufen, um sie irgendwo kühl und dunkel zu lagern), sondern für Genießer.

Die Auswahl für so eine Probe allein ist ja schon eine Aufgabe, denn wie schon der großartige Sommelier Gerhard Retter stets betont: „Trinken bildet, saufen macht dumm!“ Also gab es zur Einstimmung ein wenig Hintergrundwissen, denn wer hat schon die wahre Größe (in ha) des Bordeaux parat? Mit über 100.000 ha (in den vergangenen Jahren stark dezimiert, vorher knapp 120.000 ha) hat diese eine Region so viel Weinanbaufläche wie ganz Deutschland (2025: 101.965 ha). Es gibt verschiedene Gebiete – solche links und solche rechts der beiden Flüsse Garonne und Dordogne – und auch eines dazwischen: Entre-Deux-Mers, zwischen den Meeren. Dort wächst Weißwein, und den gab’s zur Begrüßung. Ein Wein, den man dort an der Küste am liebsten zu Austern trinkt – das bedingungslose allseitige Schlürfen sozusagen.


Weine des Rothschild-Abends (Bild: Ulrich van Stipriaan)

Nun gibt es zwar auch gute (sowie einige sehr gute) Weißweine aus Bordeaux, aber eigentlich sind ja die Roten die Großen! Von denen gab es gemäß der Retter-Maxime eine Auswahl zum Lernen und Genießen. Um Gunst und Gaumen wetteiferten Weine dreier Weingüter, und mit den Appellationen Listrac-Médoc (Château Clarke), Moulis-en-Médoc (Château Malmaison) und Puisseguin-Saint-Émilion (Château des Laurets) waren das linke wie das rechte Ufer vertreten. Beim Rebsortenspiegel machen es sich die Franzosen leichter als, sagen wir mal: die Sachsen. Alle sechs Rotweine waren entweder reine Merlots oder Cuvées aus Merlot und Cabernet Sauvignon bzw. Cabernet Franc (zum Vergleich: in Sachsen sind 83 Rebsorten registriert, die meisten Weine sind sortenrein). Was fehlt? Die Jahrgänge: 2016, 2018, 2019, 2022 – und in zwei Größen, denn zum Vergleich wurden zwei Weine nicht nur aus der normalen Flasche ausgeschenkt, sondern auch aus der Magnum. Und zum Geschmack? Hier allerspätestens kamen die Gespräche in Fahrt: die einen mögen prinzipiell lieber die Weine mit dem sanfteren Merlot und fühlen sich natürlich bestätigt. Die anderen mögen prinzipiell lieber die kräftigen Tannine des Cabernet Sauvignon und fühlen sich natürlich auch bestätigt. Eine prinzipiell hervorragende Ausgangslage zum Zoffen – aber doch nicht hier an so einem Ort: dem Prinzip stand da nämlich etwas entgegen – denn eigentlich schmeckten die jeweils anderen doch auch gar nicht mal so schlecht…


Einfach und gut: Abendbrot (Bild: Ulrich van Stipriaan)

Teil des Ausgleichs war vielleicht das Abendbrot, bei dem das Einfache durch zwei Tricks auf ein anderes Level gehoben wurde: gute Qualität bei den Produkten einerseits – und Liebe beim Zubereiten andererseits. Zum frischen Sauerteigbrot in grob geschnittenen Würfeln gibt’s was in die Mitte des Tisches – zuerst aus der Abteilung Salat was mit viel Pfifferlingen und weißen Bohnen, was mit Melone, Gurke und Feta und was mit Antipasti-Gemüse. Eine Trilogie, die den Sommer huldigt und trotzdem zum Rotwein passt (der übrigens leicht gekühlt serviert wurde – Rothschilds selbst empfehlen 16 Grad, woran man sieht, wie kalt die Zimmer früher im Château waren… Runde zwei mit Schinken und Käse klang schon eher wie Abendbrot, aber natürlich galt auch hier: es waren besondere Käse, solche mit Eigengeschmack und Charakter. Und somit Partner auf Augenhöhe zu den gereifteren Weinen, die am Ende des Abends ins Glas kamen…

Gräfe‘s Wein & fein
Hauptstraße 19
01445 Radebeul

Tel. +49 351 / 8365540
graefes-weinundfein.de

Ulrich van Stipriaan
Artikel von

Ulrich van Stipriaan

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