Logo Die Sachsen News
Nachrichten / Wirtschaft

Nun naht der Abriss: Windrad-Lärm lässt Anwohner verzweifeln

Nun naht der Abriss: Windrad-Lärm lässt Anwohner verzweifeln
Nach massiven Beschwerden sind die Tage dieses Windrades in Oberwiera (Landkreis Zwickau) nach nur zweieinhalb Jahren gezählt: Es wird wieder abgerissen. (Archivbild) / Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Von: DieSachsen News
Zweieinhalb Jahre lang macht ein Windrad Ärger und bringt Anwohner nicht nur um ihren Schlaf. Auch andernorts gibt es Beschwerden. Was das mit der Akzeptanz solcher Anlagen macht.

«Holger, ich halte es nicht mehr aus.» Mit solchen Worten hätten ihn Einwohner verzweifelt beiseitegenommen und ihr Leid geklagt, erzählt Holger Quellmalz, ehrenamtlicher Bürgermeister von Oberwiera im Landkreis Zwickau. Der Quell des Übels: ein Windrad, das seit Ende 2023 die Gemüter erhitzt und manchen Einwohnern den Schlaf raubt. Lange haben sie gegen die 10 Millionen Euro teure Anlage gekämpft, nun scheinen sie am Ziel: Es soll abgerissen werden. Ein so wohl einmaliger Vorgang bundesweit. 

«Wir haben keine Industrie. Unser größter Gewerbesteuerzahler ist die Agrargenossenschaft», erklärt der CDU-Politiker. Daher keimte die Hoffnung auf eine neue Einnahmequelle, als das Windrad gebaut wurde. Zumal der Betreiber hier wohnt. Mit einer Nabenhöhe von 169 Metern galt es seinerzeit als höchstes Windrad Sachsens, sollte rechnerisch bis zu 5.000 Privathaushalte mit Strom versorgen. Ein Zweites baugleichen Typs sollte später hinzukommen. Doch der Wind hat sich in dem Dorf mit gut 1.000 Einwohnern spürbar gedreht. Solche Vorhaben seien hier nicht mehr mehrheitsfähig, konstatiert Quellmalz. 

Mehr aus dieser Kategorie

Brummton nervt Anwohner selbst bei geschlossenen Fenstern 

Denn mit der Inbetriebnahme kamen die Beschwerden. Um sich selbst ein Bild zu machen, sei er nachts, wenn andere Geräuschquellen verstummt sind, im Dorf spazieren gegangen, erzählt der Ortschef. «Da habe ich diese Geräusche deutlich wahrgenommen.» Er spricht von einem dauerhaften Brummen. «Es klingt, wie wenn man aus einem Flugzeug steigt und die Turbine läuft noch.»

Eine der Betroffenen ist Sarah Hahn. Die 34-Jährige ist 2021 mit ihrem Mann zugezogen, gemeinsam haben sie ein Haus gebaut. Das Windrad wurde später in Sichtweite gut 1.000 Meter entfernt errichtet. «Ich bin keine Windrad-Gegnerin», stellt sie klar. «Doch die Geräusche haben einen wahnsinnig gemacht.» Selbst bei geschlossenen Fenstern sei dem tieffrequenten Brummton im Obergeschoss ihres Hauses nicht zu entkommen. «Man muss sich das vorstellen, wie wenn die ganze Zeit ein Flugzeug über einem kreist.»

Getriebetausch ohne Erfolg - ähnliche Probleme auch andernorts 

Um Abhilfe zu schaffen, wurden verschiedene Optionen probiert: von der Abschaltung nachts bis zum aufwendigen Wechsel des Getriebes per Kran. Doch wirkliche Abhilfe hat all das nicht gebracht. Der Betreiber habe vieles versucht, betont Hahn anerkennend. Dagegen fühlten sich Bürger von der zuständigen Behörde im Landratsamt im Stich gelassen. Sie habe trotz der fortdauernden Beschwerden nach dem Getriebetausch eine vollumfängliche Betriebsfreigabe erteilt, erklärt Hahn und macht aus ihrem Unverständnis darüber keinen Hehl. 

Windrad-Hersteller Vestas führt die Probleme auf Anfrage auf «eine einmalige Kombination standortspezifischer Rahmenbedingungen und anlagenspezifischer Charakteristika» zurück. 

Auch in der Stadt Uhingen in Baden-Württemberg beklagen sich Bürger über störende Brummtöne, die von zwei Windrädern ausgehen, wie der SWR berichtet. Ein Gutachten im Auftrag der Stadt hat die Probleme bestätigt. Dort waren den Angaben nach ebenfalls Versuche unternommen worden, um Abhilfe zu schaffen. «Unter anderem wurden die Anlagen zeitweise durch den Betreiber abgeschaltet, Schwingungsdämpfer eingebaut, Getriebe wurden ausgetauscht und die Anlagenleistung bei Windgeschwindigkeiten von über 9 Metern pro Sekunde gedrosselt», heißt es in einer Mitteilung. «Leider ohne den erhofften Lärm mindernden Erfolg.»

Bundesweit mehr als 29.000 Windräder an Land

Laut Bundesverband Windenergie (BWE) wurden voriges Jahr in Deutschland 958 Windenergieanlagen an Land neu in Betrieb genommen und 456 stillgelegt. Damit liefern inzwischen mehr als 29.200 Windräder Strom. Beschwerden über störende Geräusche seien dabei sehr selten, heißt es. Die weit überwiegende Zahl der Windenergieanlagen laufe über viele Jahre hinweg ohne Auffälligkeiten. Die Akzeptanz in der Bevölkerung hat laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Fachagentur Wind und Solar zwar zuletzt etwas abgenommen. 69 Prozent der Bevölkerung stehen dem Ausbau der Windkraft aber positiv gegenüber.

«Hörbare, tieffrequente Brummgeräusche von Windrädern gibt es, aber sie sind selten», erläutert Professorin Gundula Hübner von der Universität Halle-Wittenberg. Die Umweltpsychologin forscht zur Akzeptanz von Windenergie und der Wirkung von Geräuschen auf Anwohnerinnen und Anwohner. Dazu gebe es Studien an unterschiedlichen Orten. Doch habe es stets nur wenige Menschen gegeben, die unter Stressreaktionen wie Einschlaf- und Konzentrationsproblemen oder auch schlechter Laune litten.

Bei einer Untersuchung in Wilstedt bei Bremen seien Anwohner mit Aufnahmegeräten ausgestattet worden, um Störgeräusche von Windrädern aufzunehmen. Im Ergebnis seien etwa sechs Prozent betroffen gewesen. «Wir haben das dann in Bezug zu Lärm durch die Landwirtschaft als eine andere Stressquelle im ländlichen Raum gesetzt. Dadurch fühlten sich 16 Prozent der Anwohnenden stark belästigt.» Insgesamt nehmen laut Hübner permanente Geräuschquellen, die als störend empfunden werden können, zu - neben dem Verkehr etwa Wärmepumpen und Klimaanlagen. 

Wissenschaftler hätten zudem in mehreren Ländern anhand medizinischer Daten untersucht, ob es in der Nähe von Windrädern gehäuft zu Krankheiten komme. «Das ist definitiv nicht der Fall», sagt Hübner. Wenn Betreiber auf Beschwerden von Anwohnern reagieren und - wie im Ausnahmefall Oberwiera - sogar Anlagen wieder abbauen, sei das ein positives Signal.

Abriss ab Mitte Juli geplant - Stimmung im Dorf gekippt

Die Betroffenen in Oberwiera in Sachsen sind kurz vor dem Ziel. Mitte Juli soll der Rückbau beginnen, bestätigt Unternehmer Andreas Berger. Man habe sich einvernehmlich mit dem Anlagenbetreiber geeinigt, heißt es auch bei Vestas. Die Frage nach den Kosten bleibt unbeantwortet. Berger stellt klar, dass dafür keine Steuergelder fließen. Rechtlich möglich wäre es, an dem Standort ein neues Windrad zu bauen, sagt er. Derzeit sei das aber nicht geplant. 

Der Abriss ist offensichtlich einmalig in Deutschland. Dem Branchenverband BWE sind keine vergleichbaren Fälle bekannt, in denen ein Windrad aus diesem Grund komplett zurückgebaut wurde, wie ein Sprecher auf Anfrage erklärt.

Doch der lange Kampf der Anwohner wirkt nach. «Ich möchte kein Windrad mehr in Oberwiera», sagt Bürgermeister Quellmalz. Dabei habe man noch Glück, dass der Betreiber im Ort wohne und kein ferner Finanzinvestor sei. Die Gemeinde wehrt sich nun nicht nur gegen das ursprünglich geplante zweite Windrad. Der Ortschef kramt eine Karte hervor. Er zeigt auf zwei farbige Flecken. Dort sehe der neue Regionalplan weitere Standorte für Windräder vor. Dagegen kündigt er Widerstand an - notfalls auch mit juristischen Mitteln. 

Bürgermeister: «Schutzgut Mensch» mehr berücksichtigen

Sie sei absolut erleichtert, dass das Problem-Windrad bald Geschichte sei, sagt Sarah Hahn, die sich inzwischen im Gemeinderat engagiert. «Es ist unglaublich, dass der Betreiber das erreicht hat.» Das Hauptproblem sehe sie darin, dass solche Anlagen immer größer und leistungsstärker werden. Aus ihrer Sicht brauche es mehr Augenmaß bei solchen Projekten. So hatte im Ort ein anderer Investor einen XXL-Solarpark auf mehr als 40 Hektar Fläche bauen wollen. Der Gemeinderat hat das trotz Aussicht auf zusätzliche Einnahmen abgelehnt. Hahn: «Das ist standortseitig in Kombination mit der Größe nicht mehr verhältnismäßig.»

Für Christdemokrat Quellmalz muss bei der Planung von Windrädern «das Schutzgut Mensch» stärker in den Blick genommen werden. Es sei inakzeptabel, wenn Menschen durch solche Anlagen massiv beeinträchtigt werden. Das sei eine wichtige Lehre aus dem Fall in seinem Ort.

Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Sachsen News
Artikel von

Sachsen News

Sachsen News ist für die Inhalte selbst verantwortlich. Es gilt der Kodex der Plattform. Die Plattform prüft und behandelt Inhalte gemäß den gesetzlichen Vorgaben, insbesondere nach dem NetzDG.

Social Media