Warum Sachsens schönste Weinberge ohne Hilfe sterben würden
Radebeul. Über dem Elbtal staffeln sich die Weinberge Terrasse um Terrasse in die Höhe - gehalten von Trockenmauern, in denen Generationen von Handarbeit stecken. Genau diese unverwechselbare Landschaft stand jetzt im Mittelpunkt einer Auftaktveranstaltung im Staatsweingut Schloss Wackerbarth: Die Sächsische Staatsministerin für Infrastruktur und Landesentwicklung, Regina Kraushaar, übergab das Anerkennungsschreiben für das Integrierte Ländliche Entwicklungskonzept (ILEK) „Weinland Sachsen" an die Steillagenallianz. Der Freistaat stellt sich damit offiziell hinter eine gemeinsame Strategie, die eine der einzigartigsten Kulturlandschaften Sachsens für die kommenden Generationen sichern soll.
Anerkennung für das ILEK „Weinland Sachsen"
Hinter dem sperrigen Kürzel verbirgt sich ein sehr konkreter Plan. Das ILEK bündelt die Interessen von Weinbau, Kommunen, Kultur, Wirtschaft, Gastronomie und Tourismus zu einer abgestimmten Entwicklungsstrategie für die Weinbaukulturlandschaft im sächsischen Elbtal. „Ein Konzept braucht Macherinnen und Macher", betonte Kraushaar - und genau das sei hier geschehen. Das ILEK bündelt vorhandene Studien und konzeptionelle Ansätze, die im Auftrag des Freistaates Sachsen und des Landkreises Meißen erarbeitet wurden, und schreibt sie umsetzungsorientiert fort.
Getragen wird das Bekenntnis zum Kulturlandschaftserhalt von gleich drei Ressorts - den Sächsischen Staatsministerien für Infrastruktur und Landesentwicklung, für Umwelt und Landwirtschaft sowie für Wissenschaft, Kultur und Tourismus. Die Anerkennung sei ein „Meilenstein mit Auftrag", ausdrücklich kein Schlusspunkt: Sie soll die beteiligten Akteure zusammenhalten und der weiteren Umsetzung Rückenwind geben. Projektleiterin Dr. Annette Fiss vom Weinbauverband Sachsen e. V. hob hervor, dass das Vorhaben von Beginn an auf Kooperation angelegt sei - der Erhalt der steilen, terrassierten Lagen sei „ein Gemeinschaftswerk".
Zahlen und Fakten: Sachsens Weinbaukulturlandschaft
Das sächsische Anbaugebiet ist eines der 13 deutschen Weinbaugebiete und zugleich eines der kleinsten und nordöstlichsten. Die Rebfläche umfasst insgesamt rund 520 Hektar, von denen etwa 490 Hektar im Freistaat Sachsen liegen. Rund 55 Prozent davon sind Steillagen - der weitaus größte Teil im Landkreis Meißen, der sich damit zu Recht als Hotspot der sächsischen Weinkultur versteht.
Prägend sind die charakteristischen Terrassen mit ihren Trockenmauern. Sie sind weit mehr als reine Produktionsflächen: Kulturgut, Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, touristischer Anziehungspunkt und identitätsstiftendes Symbol der Region zugleich.
Steillagen und Trockenmauern: schön, aber teuer
So imposant die Kulisse, so aufwendig ist ihr Erhalt. Die Arbeit in den Hängen ist beschwerlich, das meiste muss von Hand erledigt werden, und der Nachwuchs fehlt vielerorts - unabhängig davon, ob Weinbau als Hobby oder beruflich betrieben wird. Landrat Ralf Hänsel machte deutlich, dass Sanierung und Modernisierung fachlich wie finanziell anspruchsvoll und für Einzelne kaum ohne Fördermittel zu stemmen sind.
Wie teuer der Erhalt werden kann, verdeutlichte Kraushaar an einem laufenden Flurbereinigungsverfahren: Allein 190 Meter Trockenmauer müssen dort saniert werden - ein Betrag, der schnell in den sechsstelligen Bereich reicht und sich über Jahre erstreckt. Aus einer Familie mit Steinmetzen und einem Steinbildhauer stammend, warb die Ministerin für das seltene Handwerk: Ohne die Trockenmauern gehe es nicht, „man kann ja nicht einfach Spritzbeton anbringen".
Weinbau unter Druck: Klimawandel, Kosten, Konsum
Der Zeitpunkt der Anerkennung ist kein Zufall. Andreas Stuhl, Geschäftsführer des Staatsweinguts Schloss Wackerbarth, spannte den Bogen bis nach Deutschland und Europa: Der Markt verändere sich dramatisch. Steigende Kosten, der Klimawandel und ein sinkender Weinkonsum nähmen die Betriebe „von zwei Seiten in die Zange". Kaum ein Betrieb könne mit Weinbau noch Geld verdienen - „schon gar nicht in der Steillage". Das Staatsweingut bewirtschaftet 22 Hektar Steillagenflächen und versteht deren Pflege als staatlichen Auftrag.
Hänsel warnte, der Rückzug des Weinbaus aus den Steillagen habe bereits begonnen und werde sich ohne öffentliches Gegensteuern fortsetzen, weil das öffentliche Interesse am Erhalt deutlich größer sei als der betriebswirtschaftliche Nutzen. Zugleich sieht Stuhl Sachsen derzeit auf einer „Insel der Glückseligen": hohe Qualität, die enge Verbindung von Wein, Region und Kultur, das Erlebnis vor Ort und ein gutes Preisniveau für ein knappes, rares Gut.
Flurneuordnung als Schlüssel
Als zentrales Instrument gilt die Flurneuordnung. Historisch führte die Realteilung im Elbtal zu einer extremen Zersplitterung der Flurstücke, die technischen Einsatz und bauliche Maßnahmen erschwert. Behutsame, zielgerichtete Verfahren können Eigentums- und Bewirtschaftungsstrukturen verbessern, Wegebeziehungen neu ordnen und die Erschließung sichern. Federführend sind dabei die Ämter für Ländliche Neuordnung in den Landkreisen - und vor allem die Eigentümerinnen und Eigentümer selbst, die die Neuordnung gemeinsam tragen.
Ein Gemeinschaftswerk vieler Akteure
Getragen wird die Initiative von der Steillagenallianz, die aus einer Kooperation des Weinbauverbands Sachsen e. V. mit dem Freistaat Sachsen entstanden ist, von den weinbautreibenden Kommunen im Elbtal unterstützt und vom Freistaat gefördert wird. Das zunächst auf vier Jahre angelegte Projekt leitet seit Anfang Juli 2025 die promovierte Literaturwissenschaftlerin und ausgebildete Weinbau- und Oenologie-Fachfrau Dr. Annette Fiss. Als „Keimzelle" würdigte sie die Kommunen, die sich früh zusammengeschlossen hatten; besonderer Dank galt den Winzerinnen und Winzern, die die Landschaft pflegen, die Hänge sichern und dem Verfall entgegenstellen.
Für dieses Miteinander standen beim Festakt unter anderem Landrat Ralf Hänsel, Andreas Herr (Vorstand des Weinbauverbands Sachsen e. V.), Ministerin Regina Kraushaar, Projektleiterin Dr. Annette Fiss und Anja Portsch, Leiterin des Kreisvermessungsamts im Landkreis Meißen. Von den Städten und Gemeinden mit Steillagenweinbau waren alle vertreten, überwiegend durch ihre Oberbürgermeister oder Bürgermeisterinnen und Bürgermeister - für die Beteiligten ein starkes, Mut machendes Signal. Kraushaar dankte namentlich Landrat Ralf Hänsel und seiner Kreisverwaltung für jahrelange Beharrlichkeit. „Evolution ist immer besser als Revolution", sagte sie mit Blick auf die Umsetzung - und fand für die Bedeutung des Vorhabens ein klares Bild: „Kulturlandschaft ist gelebte Heimat."
Der Festakt war zugleich der Auftakt für die weitere Umsetzung des ILEK „Weinland Sachsen". Der Allianz und allen Beteiligten wünschte die Ministerin Mut, Ausdauer und Erfolg - und sicherte zu, das Vorhaben an ihrer Seite zu begleiten.