Skassa: Zigtausende Hühner laufen unter Solarmodulen
Ein Bericht von Ulf Mallek
Großenhain. Im Großenhainer Ortsteil Skassa soll ein neuer Stall für 22.800 Legehennen entstehen. Dazu kommt auf den Auslaufflächen der Hühner eine Solaranlage mit einer Leistung von rund 20 Megawatt Peak. Den Entwurf des Bebauungsplans „Ersatzneubau Hühnerstall Skassa mit Agri-PV Anlage“ legt die Stadt seit Mittwoch, 7. Oktober, bis einschließlich Montag, 9. November, öffentlich aus. Parallel liegt der Entwurf der dafür nötigen Änderung des Flächennutzungsplans aus. Die vollständigen Planunterlagen stehen seit Mittwoch auch online.
Bauherr des Stalls ist die Großenhainer Geflügelhof GmbH, die am Standort südlich von Skassa bereits Legehennen hält. Die Solaranlage plant die Meißner UKA. Das Plangebiet ist rund 19,1 Hektar groß. Die Flächen bleiben im Eigentum der bisherigen Besitzer, die sie für die Laufzeit der Anlage verpachten. Die Kosten für Planung, Gutachten und Erschließung tragen die Investoren, nicht die Stadt.
Alter Stall wird Lager
Am Standort gibt es heute zwei Ställe mit zusammen 29.600 genehmigten Plätzen. Der nördliche Stall mit 12.600 Hennen, nur rund 130 Meter von der Ortslage entfernt, soll stillgelegt werden. Das Gebäude bleibt stehen und soll künftig als Lager dienen. Der südliche Stall mit 17.000 Plätzen, 2012 genehmigt, bleibt unverändert. Der Neubau soll rund 300 Meter südlich des Ortes stehen, mit Wintergarten und Auslauf. Insgesamt hätte der Betrieb danach 39.800 Plätze, gut 10.000 mehr als heute. Die Immissionsprognose geht von Bodenhaltung mit Volieren, Kotband und freiem Zugang zum Scharraum aus.
Der Bebauungsplan erlaubt für den Neubau höchstens 2.500 Quadratmeter Grundfläche und eine Firsthöhe von sieben Metern. Abluftschornsteine und Futtersilos dürfen bis zu fünf Meter höher sein. Geplant sind etwa sechs Schornsteine, zwei bis drei Futtersilos mit je 30 Kubikmetern, eine Lager- und Packstelle, ein Sozialbereich und eine Sammelgrube für Abwasser. Der Kot soll über Kotbänder aus dem Stall befördert und zweimal pro Woche ohne Zwischenlagerung abgeholt werden, bisher geschieht das einmal pro Woche. Für den Stall selbst ist danach noch eine eigene Genehmigung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz nötig.
Erschlossen wird das Gelände wie bisher von der Medessener Straße aus. Mehr Verkehr soll es laut Planung nicht geben. Weil die Löschwasserversorgung nicht gesichert ist, ist auf dem Grundstück ein Löschwasserbehälter vorgesehen.
Module bieten Schutz vor Greifvögel
Die Solarmodule sollen auf Rammpfählen über dem Hühnerauslauf stehen, höchstens vier Meter hoch und mit mindestens 80 Zentimetern Abstand zum Boden, die Reihen etwa 3,5 Meter auseinander. Die Module sollen den Hennen Schatten geben und sie vor Greifvögeln schützen. Der Betrieb verliere jedes Jahr Tiere durch Greifvogelangriffe, heißt es in der Begründung. Die Fläche unter den Modulen soll ein- bis zweimal im Jahr gemäht werden. Den Strom will man voraussichtlich in die 110-Kilovolt-Leitung nordwestlich des Gebiets einspeisen. Batteriespeicher und Trafostationen dürfen erst 200 Meter südlich der nördlichen Baugrenze stehen, also mit Abstand zum Ort. Ein bis zu 2,5 Meter hoher Zaun sichert das Gelände. Von den 19,1 Hektar werden rund 10,5 Hektar schon heute als Hühnerauslauf genutzt, etwa 5,2 Hektar sind bisher Acker.
Weniger Geruch im Ort
Laut der Immissionsprognose des Instituts IFU aus Frankenberg vom 16. Februar 2026 wird es in Skassa seltener nach Stall riechen, weil der dorfnahe Stall wegfällt. An den drei untersuchten Wohnhäusern an der Riesaer Landstraße und der Wasserturmstraße wäre künftig an 10 bis 11 Prozent der Jahresstunden Geruch wahrnehmbar, heute sind es 12 bis 16 Prozent. Eingerechnet ist auch die Schweinemastanlage mit 6.400 Plätzen rund 230 Meter südlich. Der Gutachter setzt für die Ortslage einen Immissionswert von 15 Prozent an und sieht ihn sicher eingehalten. Auch Ammoniak, Stickstoff und Staub bleiben laut Gutachten unter den maßgeblichen Schwellen, ebenso am nahen FFH-Schutzgebiet „Röderaue und Teiche unterhalb Großenhain“.
Als Ausgleich sind eine fünf Meter breite Hecke als Sichtschutz am Nordrand, Baumpflanzungen und Grünland vorgesehen. Ein leerstehendes Gebäude und ein kleines Bürogebäude im Norden werden abgerissen und die Flächen entsiegelt. Dazu kommen drei Fledermaus- und fünf Nistkästen. Laut Eingriffs-Ausgleichs-Bilanz wird der Eingriff vollständig innerhalb des Plangebiets ausgeglichen.
Kritik am Begriff Agri-PV und an der Hecke
In der frühzeitigen Beteiligung 2025 lehnte der NABU Sachsen das Vorhaben ab, weil die damaligen Unterlagen keine naturschutzfachliche Bewertung zuließen. Der Artenschutz-Fachbeitrag fehlte noch. Er liegt inzwischen vor, der NABU wird erneut beteiligt. Die Landesdirektion, der Regionale Planungsverband und das Landratsamt Meißen bemängelten, dass die Planung die Vorgaben für Agri-PV-Anlagen nicht erfülle. Der Planungsverband regte eine andere Bezeichnung an. Die Stadt hält dagegen, „Agri-PV“ sei kein geschützter Begriff. Die untere Landwirtschaftsbehörde nannte Agri-PV grundsätzlich eine „gute Kompromisslösung“.
Das Landratsamt wies außerdem auf eine 10.110 Quadratmeter große Heckenpflanzung im Plangebiet hin, die der Freistaat mit Fördergeld bezahlt hat. Für sie gilt eine Zweckbindung von zehn Jahren ab 2022 und damit ein Beseitigungsverbot. Laut Begründung sollen Absprachen dazu außerhalb des Bebauungsplanverfahrens laufen, die Planung geht davon aus, dass die Flächen rechtmäßig umgenutzt werden können. Das Gesundheitsamt verlangte Vorkehrungen gegen Infektionen wie Salmonellen und Influenza sowie ein Immissionsgutachten. Der Landesjagdverband stimmte zu. Der Ortschaftsrat Skassa und das Veterinäramt gaben keine Stellungnahme ab.
Lange Vorgeschichte
Den Aufstellungsbeschluss hatte der Stadtrat am 19. März 2025 gefasst. Die frühzeitige Beteiligung lief vom 3. September bis 6. Oktober 2025. Am 2. September 2026 billigte der Stadtrat den überarbeiteten Entwurf. In der Nachbarschaft hat der Windpark Skassa im Dezember 2025 die Genehmigung für sechs Windräder mit je 6,8 Megawatt erhalten. Zudem könnte ein Korridor der geplanten 380-Kilovolt-Leitung Elbe-Oberlausitz das Plangebiet queren.
Die Unterlagen sind im Rathaus Großenhain, Hauptmarkt 1, Geschäftsbereich Bau im 2. Obergeschoss einsehbar: montags bis freitags 9 bis 12 Uhr, dienstags zusätzlich 13.30 bis 18 Uhr und donnerstags 13.30 bis 16 Uhr. Online stehen sie auf https://www.grossenhain.de/ unter den Amtlichen Bekanntmachungen. Fragen beantwortet die Bauverwaltung unter Telefon 03522 304-247.