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Finnland: Russische Garnisonen an der Grenze teilweise leer

Vier Männer am Podiumstisch des Presseclub Dresden
Von links: Moderator Mark Aretz, Finnlands Botschafter Kai Sauer, Oberst Marco Tkotz und Dr. Kai Kranich (DRK-Landesverband Sachsen) beim Presseclub Dresden. Foto: Ulf Mallek
Beim Presseclub Dresden berichtet Botschafter Kai Sauer von russischen Garnisonen, die wegen des Ukraine-Kriegs an der finnischen Grenze fehlen. Was Finnland für Wehrpflicht, Reservisten und Versorgungssicherheit macht.

Ein Bericht von Ulf Mallek

Dresden. Finnlands Botschafter Kai Sauer hat am Montagabend beim Presseclub Dresden erklärt, dass russische Garnisonen an der gemeinsamen Grenze wegen des Kriegs in der Ukraine teilweise leer stünden. Zugleich seien rund 16 Prozent der russischen Ölraffinerien am Finnischen Meerbusen angesiedelt. Was Finnland daraus für seine Landesverteidigung ableitet und was Deutschland daraus lernen könne, diskutierten Sauer, Oberst Marco Tkotz und Dr. Kai Kranich am Montagabend im Restaurant Dresden1900.

Sauer zufolge geht es für Finnland wegen der 1.342 Kilometer langen Grenze zu Russland vor allem ums Überleben. Das Land sei seit April 2023 Nato-Mitglied. Eine Karte in seinem Vortrag zeigte die konventionellen russischen Kräfte in Finnlands Nachbarschaft, vom Kola-Gebiet bis zum Leningrader Militärbezirk. Zugleich wies Sauer darauf hin, dass auch Finnlands Export über die Ostsee laufe und kritische Unternehmen im Krisenfall binnen sechs Stunden einsatzbereit sein sollten. Jeder Finne habe zudem einen Platz in Schutzräumen.

Ein Vergleich mit Deutschland sei dennoch nur bedingt möglich, sagte Sauer. Finnland sei ein homogenes, kleines Land, Deutschland ein großes föderales. Russland heute tot zurüsten sei nicht mehr möglich, weil Unterstützung von China komme und die USA nicht voll mitzögen. Europa habe zwar die zehnfache Wirtschaftskraft Russlands, sei aber bequem geworden und könne seine Kraft nicht richtig nutzen.

Wehrpflicht, die nie abgeschafft wurde

Auf einer Folie des Botschafters standen die Eckdaten der finnischen Streitkräfte: Die Wehrpflicht sei nie abgeschafft worden. In Friedenszeiten zähle Finnland 12.000 aktive Soldaten zuzüglich rund 3.000 Grenzschützer. Im Kriegsfall seien 280.000 Soldaten kurzfristig mobilisierbar, insgesamt gebe es 900.000 Reservisten bei 5,6 Millionen Einwohnern. Das sind zusammen rund 20 Prozent. Auf Deutschland übertragen hieße das, über 16 Millionen einsatzbereite Sodaten. Utopisch. Zur Ausstattung nannte die Folie 64 moderne Kampfflugzeuge vom Typ F-35 Stand 2026 sowie eine starke Artillerie und Marine. Den Verteidigungswillen des Volkes bezifferte sie auf 80 Prozent.

Seit 1961 organisiert das finnische Verteidigungsministerium den Nationalen Verteidigungslehrgang. Vier Wochen und 15 Kurstage, vier Kurse im Jahr, Teilnehmer aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Sicherheitsbehörden. Ziel sei ein gemeinsames Verständnis umfassender Sicherheit.

Versorgungssicherheit als Staatsaufgabe

Zur Versorgungssicherheit verwies Sauer auf die Nationale Versorgungssicherheitsagentur Huoltovarmuuskeskus. Sie organisiere die öffentlich-private Zusammenarbeit in sieben Sektoren, darunter digitale Gesellschaft, Lebensmittel, Energie, Transport und Logistik, Soziales und Gesundheit, Finanzen und Versicherung sowie Industrie. Beteiligt seien laut Folie 40 öffentliche Organisationen und 1.500 Unternehmen. Sauer verknüpfte Sicherheit mit gesellschaftlichem Zusammenhalt: Finnland stehe 2026 zum neunten Mal in Folge als glücklichstes Land der Welt an der Spitze.

Bundeswehr: Tempo, Reserve und Sachsen

Oberst Marco Tkotz, Chef des Landeskommandos Sachsen der Bundeswehr, zeichnete ein anderes Bild für Deutschland. Die Beschaffung laufe inzwischen mit hoher Geschwindigkeit. Die Bundeswehr sei nicht mehr ganz nackt, hole schnell auf,  etwa durch das Innovationszentrum in Erding. Der Wehretat liege derzeit bei 95 Milliarden Euro, im nächsten Jahr bei über 120 bis 125 Milliarden. Es passiere jetzt etwas, die Anerkennung in der Bevölkerung entwickle sich aber langsam. 

Problematisch bleibe die Erfassung der Reservisten, weil die Kreiswehrersatzämter aufgelöst worden seien. 1,1 Millionen Reservisten seien derzeit nicht zu finden. Als Ziel nannte Tkotz 460.000 Soldaten, davon 260.000 aktiv und 200.000 Reserve. Zwei neue Musterungszentren in Dresden und Leipzig würden eingerichtet. Deutschland sei eine wichtige Drehscheibe für die Nato.

Die Lage sei schon bedrohlich, sagte Tkotz. Die Ansiedlung von Rüstung in Leipzig werde nicht von allen gern gesehen, der Oberbürgermeister der Stadt sieht das aber schon positiv. Die Verteidigung der Freiheit gehöre zu einer Stadt der Freiheit. Glaubhafte Abschreckung bleibe das Gebot. Nach dem Ausrufen von Artikel 5 der Nato gebe es den Zustimmungsfall. Maßnahmen könnten ohne Bundestag eingeleitet werden, am Ende sei aber eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag nötig. Die sehe er derzeit nicht, unter anderem wegen AfD und Linke.

DRK bleibt neutral

Dr. Kai Kranich, Pressesprecher und stellvertretendes Vorstandsmitglied des DRK-Landesverbandes Sachsen, betonte die Rolle des Roten Kreuzes als neutrale Organisation. Es sei kein Staatsbetrieb. Es sei auch keine Feuerwehr. In Sachsen zähle das DRK über 100.000 Ehrenamtliche und 14.000 Hauptamtliche. In der Ukraine spreche das DRK bewusst von einem bewaffneten Konflikt, nicht von Krieg, weil Russland von einer Spezialoperation spreche.

Deutschland sei weiter von der russischen Grenze entfernt als Finnland und habe mit der Aufgabe der Wehrpflicht einiges verloren, so die Linie des Abends. Zudem haben das Militär im Land - auch aus historischen Gründen - nicht das Ansehen, was es eigentlich benötigt. Sauer hatte zuvor deutlich gemacht, dass das in Finnland anders sei. Was davon auf ein großes föderales Land übertragbar ist, blieb die offene Frage an die Politik.