Baustart für den Windpark Großenhain Nord im nächsten Jahr: Doch es gibt Widerstand
Ein Bericht von Ulf Mallek
Großenhain. Windpark Stroga und Windpark Großenhain Nord sind eine Seite der Medaille. Das bestätigt die Stadt Großenhain auf Anfrage von Meißen News. „Das Gesamtvorhaben Windpark Großenhain Nord besteht aus zwei Teilprojekten (Stroga Teil A und Stroga Teil B)“, antwortet der Geschäftsbereich Bau der Stadt. Teil A umfasst sechs Anlagen vom Typ Vestas V172 mit je 7,2 Megawatt und einer Gesamthöhe von 261 Metern. Das Landratsamt Meißen hat sie am 6. Juli genehmigt. Teil B umfasst fünf weitere Anlagen desselben Typs in den Gemarkungen Treugeböhla und Nasseböhla.
Für diese fünf Anlagen hat das Landratsamt am 30. September festgestellt, dass keine Umweltverträglichkeitsprüfung nötig ist. Die Stadt rechnet mit einer baldigen Genehmigung. „Es ist davon auszugehen, dass in den nächsten Wochen eine Genehmigung für das Teilprojekt Windpark Stroga Teil B durch das Landratsamt Meißen (Kreisumweltamt) erteilt wird“, so der Geschäftsbereich Bau. Wie beim Teil A werde sich dann auch der Stadtrat „mit der Festlegung des weiteren Vorgehens befassen“. Das heißt sicherlich: Widerstand.
Der Widerspruch geht wohl nach Dresden
Beim Teil A hatte der Kreis das von der Stadt verweigerte Einvernehmen ersetzt. Der Stadtrat beschloss im August einen Widerspruch, einen Eilantrag vor Gericht lehnte die Mehrheit aber ab, wie Meißen News berichtete. Weil Widersprüche gegen große Windräder keine aufschiebende Wirkung haben, darf trotzdem gebaut werden. Der Widerspruch sei samt Begründung bei der unteren Immissionsschutzbehörde des Landratsamts eingelegt worden und werde „voraussichtlich zur weiteren Abhilfeprüfung an die Landesdirektion Sachsen überwiesen“. Hilft der Kreis dem Widerspruch nicht selbst ab, entscheidet also die Landesdirektion in Dresden. Ob die Stadt danach eine Klage erwägt, ließ sie offen. SachsenEnergie äußert sich zum Widerspruch nicht.
Zweites großes Projekt auf Großenhainer Flur - also die andere Seite der Medaille - ist der Windpark Skassa. Dort hat das Unternehmen UKA aus Meißen sechs Anlagen mit zusammen 40,8 Megawatt beantragt. Das Landratsamt genehmigte sie im Dezember 2025, auch hier gegen das Nein des Stadtrats. Damit sind rund um Großenhain zwölf Windräder genehmigt, sechs im Teil A von Großenhain Nord und sechs in Skassa. Weitere Vorhaben gibt es nach Angaben der Stadt vorerst nicht. „Der Stadtverwaltung Großenhain sind derzeit keine weiteren aktiven Planungen bekannt“, heißt es aus dem Geschäftsbereich Bau.
Das Landratsamt Meißen hat sich vom Nein des Stadtrats bisher nicht aufhalten lassen. Beim ersten Teil von Großenhain Nord ersetzte es das verweigerte Einvernehmen der Stadt, auch Skassa genehmigte es gegen deren Willen. Als Genehmigungsbehörde muss der Kreis prüfen, ob ein Vorhaben die Vorgaben des Bundes-Immissionsschutzgesetzes erfüllt. Ist das der Fall, hat der Antragsteller einen Anspruch auf die Genehmigung.
Warum Großenhain sich wehrt
Den Widerstand im Stadtrat gibt es schon länger. Bereits im Februar 2024 lehnte der Rat ein „Strategiepapier Windenergie“ mehrheitlich ab, mit dem die Verwaltung einen offensiven Ausbau empfohlen hatte. Im Mai 2025 unterschrieben die Spitzen aller Fraktionen, von AfD über CDU und Gemeinsam für Großenhain bis SPD/Die Linke, ein gemeinsames Positionspapier und schickten es an den Ministerpräsidenten. Darin warnen sie laut Stadtverwaltung vor einer Entwicklung, die nicht mehr zum ländlichen Charakter der Region passe. Die Großenhainer Pflege sei durch geringe „Raumwiderstände“ überproportional betroffen. Gefordert wird unter anderem, den Wert von Landschaft, Landwirtschaft und Tourismus stärker zu beachten und die Windkraftflächen fair über die ganze Planungsregion zu verteilen. Die Energiewende unterstütze die Stadt grundsätzlich, heißt es zugleich. Schon heute decke lokal erzeugter Ökostrom 84,5 Prozent des Strombedarfs im Stadtgebiet.
Beim Artenschutz entzündete sich der Streit an den Unterlagen für den Teil A. Im ausgelegten Artenschutzgutachten waren ganze Seiten geschwärzt, wie die Sächsische Zeitung berichtete. „Das finde ich nicht in Ordnung“, sagte der Großenhainer Stadtrat Jens Haupt (AfD) aus Strauch der Zeitung. Der Landkreis begründete die Schwärzungen mit dem Schutz von Brutplätzen der Greifvögel Mäusebussard, Schwarzmilan, Rotmilan und Seeadler. „Das Schutzbedürfnis überwiegt vorliegend das Interesse an vollständig lückenlosen Angaben“, so Kreissprecherin Anja Schmiedgen-Pietsch. Auch der Entwurf des neuen Regionalplans sieht für die Fläche ein mittleres Konfliktpotenzial, vor allem beim Artenschutz und wegen der weithin sichtbaren Lage.
Am schärfsten formuliert die AfD-Fraktion ihre Kritik. Nach der Sitzung im August warf sie der Ratsmehrheit vor, kein Eilverfahren beantragt zu haben, und zählte auf, worum es ihr geht: die Einwohner der betroffenen Ortsteile, die Landschaft, „Kiebitze, Rotmilane und Mäusebussarde“, ein angrenzendes Wasserschutzgebiet und vor allem den Wert der Immobilien, der mit den Windrädern fallen könnte. Ihr Fazit: „Der Widerspruch läuft weiter – als zahnloser Tiger.“ Wie groß die neuen Anlagen sind, hatte der Großenhainer Horst Wesemann mit einem maßstabsgetreuen Riesenmodell eines Windrads auf dem Hauptmarkt gezeigt. Die Windräder von Großenhain Nord werden ja 261 Meter hoch.
Bis zu 0,3 Cent je Kilowattstunde für die Stadt
Bleibt die Frage, was die Stadt von den Windrädern hat. Gemeinden im Umkreis von 2,5 Kilometern werden am Erlös beteiligt. „Sie erhalten für jede erzeugte Kilowattstunde Strom bis zu 0,3 Cent“, schreibt SachsenEnergie auf Anfrage von Meißen News. Die Hälfte des Geldes muss in den unmittelbar betroffenen Ortsteilen eingesetzt werden. Weil 95,7 Prozent der Fläche in diesem Umkreis auf Großenhainer Gebiet liegen und 4,3 Prozent in Röderaue, bekommen beide Kommunen etwas. Das Unternehmen geht von elf Anlagen mit je 7,2 Megawatt und zusammen 193 Gigawattstunden Strom im Jahr aus. „Dann würde die Stadt Großenhain jährlich ca. 552.000 Euro erhalten, Röderaue ca. 25.000 Euro“, so das U nternehmen. „Wie hoch die Zahlungen tatsächlich ausfallen, richtet sich nach dem jährlichen Ertrag des Windparks.“
Wofür das Geld ausgegeben wird, ist noch offen. Eine Online-Beteiligung der Stadt im Sommer hat laut Geschäftsbereich Bau gerade einmal „insgesamt sechs Rückmeldungen erbracht“. Sie fließen nun in die Überarbeitung des Strategiepapiers Ertragsbeteiligung ein, das voraussichtlich im Dezember in den Stadtrat kommt. Über die Verwendung der Gelder soll danach jeweils projektbezogen entschieden werden, zusammen mit den Verträgen zu den einzelnen Windparks.
Auch Anwohner sollen direkt profitieren können. Voraussetzung sei eine Vereinbarung zwischen Kommune und Betreiber, schreibt SachsenEnergie. Welches Modell es wird, steht noch nicht fest. Das „entscheidet sich nach Vorliegen der Genehmigung und hängt unter anderem von der Wirtschaftlichkeit des Projekts ab“. Als Beispiel nennt das Unternehmen den Windpark Reinsdorf/Mülsen im Landkreis Zwickau. Dort investierten 117 Menschen aus dem Umfeld per Crowdfunding und erhalten zehn Jahre lang Zinsen. Zur Pacht für die Flächeneigentümer sagt SachsenEnergie nur, sie orientiere sich an den üblichen Marktbedingungen.
Baubeginn im kommenden Jahr
Gebaut werden soll bald. „Es ist unser Ziel, im kommenden Jahr mit den Arbeiten zu beginnen und die Anlagen zwei Jahre später in Betrieb zu nehmen“, schreibt der kommunale Versorger. Das hänge aber unter anderem von den nötigen Genehmigungen und der Verfügbarkeit von Spezialfirmen und Bauteilen ab. Zuerst würden die Standorte und die Stellflächen für die Großkräne hergerichtet. Auf die Kritik aus Stadtrat und Bevölkerung antwortet das Unternehmen mit dem Verweis auf das Genehmigungsverfahren nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz. „Eine Genehmigung wird nur erteilt, wenn sämtliche Anforderungen erfüllt sind.“ Jeder Bescheid enthalte zudem Auflagen, etwa Heckenpflanzungen oder zeitweise Abschaltungen der Anlagen.
Auch das Landratsamt Meißen hat Meißen News Fragen beantworten sollen, unter anderem zur Zahl der Einwendungen und zum Stand des Widerspruchs. Eine Antwort ist für die kommende Woche angekündigt.
Genehmigungen und Bekanntmachungen zu Windkraftanlagen im Landkreis veröffentlicht das Landratsamt Meißen unter kreis-meissen.de. Wie Großenhain über die Windpark-Gelder mitreden lässt, hat Meißen News hier beschrieben.