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Die fliegende Frau: Der spannende Sport Parkour wird auch in Leipzig praktiziert und angeboten

Foto: Person während eines Sprungs in der Luft, vor einem leicht bewölkten Himmel im Hintergrund, unter ihr Treppenstufen
Johanna fliegt… Foto: Tilo Gerlach
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Johanna wippt vor und zurück, balanciert, um sich auf der Stange zu halten. Sie ist fokussiert auf den Sprung, auf das Ziel – eine runde Metallstange. Am Boden hat sie die Distanz mit Leichtigkeit überwunden. Aber jetzt, in einem Meter Höhe? Zweifel kommen auf. Die 20-jährige ist beim Training des Leipziger Sportvereins Twio‑X. Mindestens einmal in der Woche trifft sie sich mit den anderen Aktiven und klettert auf Mauern, überwindet Geländer oder springt über Treppen. Parkour heißt die Sportart, die in den späten 1980ern in Frankreich entwickelt wurde und sich seit zwei Jahrzehnten auch in deutschen Großstädten wachsender Beliebtheit erfreut – auch bei weiblichen Aktiven. Dabei geht es nicht nur darum, wie man möglichst effizient Hindernisse, sondern auch körperliche und mentale Grenzen überwindet.

Ein Beitrag von Tilo Gerlach

Johanna, die seit neun Monaten Mitglied des Vereins ist, hatte bereits mit zwölf Jahren Gefallen an dem Sport gefunden, YouTube-Videos geschaut und Parkour-Bücher gewälzt. Sie erinnert sich: „Einmal hatte ich das Buch richtig ambitioniert mit in die Schule gebracht. Und mein Sportlehrer hat mich nur angeguckt und gesagt: ‚Nee, das mach ich nicht.‘ Dann ist das im Sande verlaufen.“
Jahre später erfuhr sie, dass ein Freund aus ihrer Ausbildungsklasse bei Twio‑X trainiert und fand so den Weg zu ihrem ersten Parkour-Training am Ringcafé: „Ja, darauf hatte ich mich richtig gefreut. Mein Kumpel wollte eigentlich mitkommen, aber dann war er nicht da. So hab‘ ich zu den anderen einfach Hallo gesagt und mitgemacht. Zum Aufwärmen sollten wir über die Stangen balancieren. Meine erste Reaktion war ‚Nee – das schaffe ich niemals‘. Aber dann hab‘ ich das ganze Training lang versucht, auf dieser Stange hocken zu bleiben und auf dem Geländer aufzustehen. Ich hab’s dann zum Schluss auch einigermaßen hinbekommen. Am Ende wusste ich wenigstens einigermaßen, wie ich das für mich üben kann. Die ganze Woche danach hatte ich dann krass Muskelkater in den Beinen. Und bis heute hab‘ ich nach jedem Training das Gefühl, ich bin mies unsportlich. Aber es macht so Spaß!“ Dabei ist die angehende Notfallsanitäterin alles andere als unsportlich.

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„Ich finde die Community supercool, alle sind voll nett und sympathisch.“
Neben Parkour geht Johanna ab und an noch joggen, bouldern* oder düst mit dem Rad um die Leipziger Seen. Doch Parkour hat für Johanna einen ganz besonderen Reiz: „Ich finde das einfach supercool, denn es ist immer irgendwie anders und neu. Du musst nicht an festen Tagen zum Training gehen, weil du sonst deine Mannschaft im Stich lässt oder sowas. Und du kannst ja immer neue Herausforderungen suchen – andere Hindernisse finden und immer anders kombinieren. Das macht es so spannend und ist nicht so eintönig.“
Doch für Johanna ist nicht nur das Training selbst entscheidend, sondern auch die Menschen, mit denen sie trainiert: „Ich finde auch die Community supercool, alle sind voll nett und sympathisch und es macht einfach Spaß. Und deswegen bin ich ja auch da – um mich mit den anderen zu treffen und gemeinsam zu verbessern.“ Besonders toll findet es Johanna, wenn jemand dabei ist, der es schon besser kann, den anderen Tipps gibt und Kniffe beibringt. „Dann stehe ich daneben und denke mir so ‚Wenn ich groß bin, kann ich das auch.‘“ Johanna lacht. „Auch nach dem Training sind wir cool miteinander: Ich war zum Beispiel einmal bei einem Social Friday** dabei. Da saßen wir auf der Sachsenbrücke und haben Spiele gespielt. Das war witzig.“
„Nach dem Sturz dachte ich kurz ‚Mist, jetzt ist alles vorbei.‘“

Weniger erfreulich war Johannas erstes Hallentraining: „Ich bin falsch aufgekommen und richtig böse umgeknickt. Da dachte ich kurz ‚Mist, jetzt ist alles vorbei. Wenn ich mir jetzt mein Sprunggelenk gebrochen hab oder irgendwas gerissen ist, dann kann ich das mit meiner Ausbildung auch vergessen.‘“ Als angehende Rettungssanitäterin kann sich Johanna viele Kranktage nicht leisten. „Ich saß stundenlang in der Notaufnahme und hatte die schlimmsten Befürchtungen. Als sie mir sagten, dass mein Fuß nicht gebrochen ist, war ich erleichtert. Ich bekam eine Schiene dran und nach sechs Wochen war alles wieder schick. Ich hab‘ sogar einen Wanderurlaub in Bayern gemacht, vier Wochen nach meinem Unfall. In meinen Wanderschuh hat die Schiene reingepasst.“

Trotzdem hält Johanna Parkour nicht für gefährlich: „Du gehst ja jetzt nicht irgendwo hin und springst dann da einfach von Mauer zu Mauer oder so, sondern du übst das vorher unzählige Male. Und du hast immer jemanden dabei, der dich spotten, also dir das zeigen und dich unterstützen kann. So ist das voll fein und liegt immer im eigenen Ermessen. Es ist ja nicht wie zum Beispiel im Turnen, was so starre Regeln hat und was dann genauso ausgeführt werden muss. Sondern du hast viele Optionen. So funktioniert dies, so kann man das machen. Aber wenn es nicht geht oder wenn du dastehst und sagst, ‚Boah, es ist halt einfach gerade kopftechnisch nicht drin‘, dann ist es eben nicht drin. Und das ist voll entspannt. Ich finde, man kann da gut seinen Horizont ausloten. Und wenn man sich selbst im Griff hat oder ein gutes Körpergefühl hat, was man durch das Training entwickelt, finde ich das nicht sehr gefährlich. Das ist ja auch für viele andere Lebensbereiche nicht schlecht. Klar kann man sich auch immer irgendwie verletzen. Man kann immer umknicken oder das Hindernis falsch einschätzen. Aber da lernt man ja draus.“
„Parkour stärkt dein Selbstvertrauen oder gibt es dir zurück.“

Neben Körperbeherrschung, Technik und Kraft sind es vor allem die mentalen Hürden, die es zu überwinden gilt: „Die Überwindung bleibt krass, denn so ein Sprung sieht einfach aus und wenn ich das jetzt auf dem Boden mache, von Linie zu Linie, dann schaff ich das easy. Aber wenn ich dann irgendwo wirklich über einen Abstand springen muss, von Geländer zu Geländer oder Mauer zu Mauer, und dann steh ich da und denke ‚Das ist gerade nicht drin.‘ Das ist einfach Kopfsache.“

Jetzt steht sie wieder auf einer Stange, bereit zum Springen. Sie geht leicht in die Beuge, holt mit den Armen Schwung, stößt sich ab – und landet sicher. Erleichterung macht sich breit. Johanna lacht und setzt erneut zum Sprung an: „Gleich nochmal.“
Dass Parkour ein typisch „männlicher Sport“ sein soll, kann sie nicht bestätigen: „Da, wo ich trainiere, ist das Verhältnis von Männern und Frauen ziemlich ausgeglichen. Und da ist keiner, der irgendwie sexistisch ist oder so. Gar nicht. Die sind halt einfach alle cool miteinander. Also jeder ist willkommen, egal wie.“
Und so kann sie Mädchen und Frauen, die mit diesem Sport liebäugeln, nur raten: „Einfach machen, wenn du die Chance und Lust drauf hast. Parkour stärkt dein Selbstvertrauen oder gibt es dir zurück. Gerade, wenn vielleicht nicht so den Klischee-Rollen oder dem Erwartungsbild entsprichst. Weil es eine Nische ist, es nicht alle machen und vielleicht nicht mal kennen. Körpergefühl aufzubauen, mit sich selbst klarzukommen, sich selbst zu fordern, aber auch zu wissen: Das schafft mein Körper und das schafft er nicht. Es ist die Erfahrung ‚Mein Körper ist nice, so wie er ist und ich kann das und das einfach damit machen.‘“
Irgendwann wird die Stange für Johanna keine Hürde mehr sein. Dann wartet schon die nächste Herausforderung auf sie. Wer selbst neugierig geworden ist: Twio‑X bietet regelmäßige Trainings in Leipzig an – sowohl für Anfänger genauso wie für Fortgeschrittene.


* Bouldern: Klettern ohne Sicherungsseil auf geringer Höhe – die Absicherung erfolgt durch weiche Matten auf dem Boden
** Social Friday: zusätzliches Angebot des Vereins für Gruppenaktivitäten und geselliges Beisammensein, außerhalb des regulären Trainings


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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