Die fliegende Frau: Der spannende Sport Parkour wird auch in Leipzig praktiziert und angeboten
Eine Reportage von Tilo Gerlach
Johanna, die seit neun Monaten Mitglied des Vereins ist, hatte bereits mit zwölf Jahren Gefallen an dem Sport gefunden, YouTube-Videos geschaut und Parkour-Bücher gewälzt. Sie erinnert sich: „Einmal hatte ich das Buch richtig ambitioniert mit in die Schule gebracht. Und mein Sportlehrer hat mich nur angeguckt und gesagt: ‚Nee, das mach ich nicht.‘ Dann ist das im Sande verlaufen.“
Jahre später erfuhr sie, dass ein Freund aus ihrer Ausbildungsklasse bei Twio‑X trainiert und fand so den Weg zu ihrem ersten Parkour-Training am Ringcafé: „Ja, darauf hatte ich mich richtig gefreut. Mein Kumpel wollte eigentlich mitkommen, aber dann war er nicht da. So hab‘ ich zu den anderen einfach Hallo gesagt und mitgemacht. Zum Aufwärmen sollten wir über die Stangen balancieren. Meine erste Reaktion war ‚Nee – das schaffe ich niemals‘. Aber dann hab‘ ich das ganze Training lang versucht, auf dieser Stange hocken zu bleiben und auf dem Geländer aufzustehen. Ich hab’s dann zum Schluss auch einigermaßen hinbekommen. Am Ende wusste ich wenigstens einigermaßen, wie ich das für mich üben kann. Die ganze Woche danach hatte ich dann krass Muskelkater in den Beinen. Und bis heute hab‘ ich nach jedem Training das Gefühl, ich bin mies unsportlich. Aber es macht so Spaß!“ Dabei ist die angehende Notfallsanitäterin alles andere als unsportlich.
„Ich finde die Community supercool, alle sind voll nett und sympathisch.“
„Nach dem Sturz dachte ich kurz ‚Mist, jetzt ist alles vorbei.‘“
Weniger erfreulich war Johannas erstes Hallentraining: „Ich bin falsch aufgekommen und richtig böse umgeknickt. Da dachte ich kurz ‚Mist, jetzt ist alles vorbei. Wenn ich mir jetzt mein Sprunggelenk gebrochen hab oder irgendwas gerissen ist, dann kann ich das mit meiner Ausbildung auch vergessen.‘“ Als angehende Rettungssanitäterin kann sich Johanna viele Kranktage nicht leisten. „Ich saß stundenlang in der Notaufnahme und hatte die schlimmsten Befürchtungen. Als sie mir sagten, dass mein Fuß nicht gebrochen ist, war ich erleichtert. Ich bekam eine Schiene dran und nach sechs Wochen war alles wieder schick. Ich hab‘ sogar einen Wanderurlaub in Bayern gemacht, vier Wochen nach meinem Unfall. In meinen Wanderschuh hat die Schiene reingepasst.“
„Parkour stärkt dein Selbstvertrauen oder gibt es dir zurück.“
Neben Körperbeherrschung, Technik und Kraft sind es vor allem die mentalen Hürden, die es zu überwinden gilt: „Die Überwindung bleibt krass, denn so ein Sprung sieht einfach aus und wenn ich das jetzt auf dem Boden mache, von Linie zu Linie, dann schaff ich das easy. Aber wenn ich dann irgendwo wirklich über einen Abstand springen muss, von Geländer zu Geländer oder Mauer zu Mauer, und dann steh ich da und denke ‚Das ist gerade nicht drin.‘ Das ist einfach Kopfsache.“
* Bouldern: Klettern ohne Sicherungsseil auf geringer Höhe – die Absicherung erfolgt durch weiche Matten auf dem Boden
Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
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