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Die Gewinnerin des ersten Tancho-Awards: Vom improvisierten Auftritt zur professionellen Künstlerin

Ein Messestand voller Bücher, Karten und anderer Merchandise-Artikel. Hinter dem Stand steht die Künstlerin LIAN. Oben hängt ein Schild: "Gewinner des Tancho Award der Leipziger Buchmesse".
Die Manga-Künstlerin LIAN an ihrem Stand auf der Leipziger Buchmesse 2026. Foto: S. Horn
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Zwischen Cosplay-Kostümen, langen Besucherschlangen und kreativen Ständen wurde auf der diesjährigen Manga Comic Con im Rahmen der Leipziger Buchmesse ein neuer Preis verliehen, der das Potenzial hat, die deutschsprachige Manga-Szene nachhaltig zu verändern: der Tancho-Award. Als eine der ersten beiden Gewinnerinnen geht die Künstlerin LIAN hervor – und steht stellvertretend für eine Szene, die lange unterschätzt wurde.

Ein Bericht von Sabrina Horn

Manga – ursprünglich aus Japan stammende Comics mit eigenem Erzählstil und visueller Sprache – gehören seit Jahren zu den wachstumsstärksten Segmenten des Buchmarktes im deutschsprachigen Raum. Dennoch stehen heimische Künstler im Schatten internationaler Produktionen.

Die Manga Comic Con, Teil der Leipziger Buchmesse, ist einer der wichtigsten Treffpunkte dieser Szene. Hier präsentieren sich neben großen Verlagen vor allem unabhängige Künstler. Ein zentrales Element sind sogenannte „Artist Alleys“. Das sind Ausstellungsflächen, auf denen unabhängige Künstler – oft ohne Verlag – ihre eigenen Werke präsentieren und verkaufen. Für viele ist das der Einstieg in eine kreative Karriere.

Der Tancho-Award: Mehr als nur „schön gezeichnet“

Mit dem Tancho-Award wurde 2026 erstmals eine Auszeichnung geschaffen, die gezielt deutschsprachige Mangaka (Manga-Künstler) fördert. Teilnahmeberechtigt waren Werke aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die 2025 erschienen sind und sich stilistisch an der Manga-Tradition orientieren. Was den Preis besonders macht: Die Jury bewertet nicht nur die Zeichentechnik. Entscheidend sind auch Erzählstruktur, Figurenentwicklung, Bildkomposition (Paneling), Lesefluss und thematische Tiefe. Damit setzt der Award ein klares Signal: Manga ist längst mehr als ein Nischenhobby – es ist eine ernstzunehmende Kunstform.

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Die Manga-Szene im deutschsprachigen Raum wächst seit Jahren – wirtschaftlich wie kreativ. Dennoch fehlt es oft an Sichtbarkeit und Anerkennung. Gerade im Selfpublishing – also dem eigenständigen Veröffentlichen ohne Verlag – fehlen bislang etablierte Auszeichnungen. Während Verlagsproduktionen häufiger Aufmerksamkeit erhalten, bleibt ein großer Teil der Szene unter dem Radar. Der Tancho-Award könnte das ändern. Mit Preisgeld, öffentlicher Bühne und klaren Qualitätskriterien setzt er ein Signal: Manga aus dem deutschsprachigen Raum ist mehr als Fanprojekt – es ist professionelle Erzählkunst.

Der ungewöhnliche Weg der ersten Preisträgerin

Völlig unerwartet kam der Gewinn des ersten Tancho-Awards für Lisa Santrau, die in der Szene unter ihrem Künstlernamen LIAN bekannt ist. Die 40jährige gebürtige Solingerin hatte angenommen, dass die Peisverleihung „eher eine kleine Sache“ würde. Doch bereits im Vorfeld deuteten Hinweise auf eine größere Dimension hin – Einladungen, organisatorische Abläufe, schließlich die große Bühne: „Als wir dann in diese Halle mit der großen Bühne kamen und ich die Fernsehkameras des MDR sah - da hab ich gedacht: ‘Oh, das ist doch ein bisschen größer, als ich mir das vorgestellt hatte.’“ Entscheidend war für sie jedoch nicht die Größe der Veranstaltung, sondern die inhaltliche Tiefe der Auszeichnung.

LIANS Weg in die Branche begann, wie bei vielen, mit Begeisterung für Anime. Besonders prägend: Sailor Moon. „Ich fand es toll und hab es auf Video aufgenommen und anschließend versucht, es vom Fernseher abzupausen – hat nicht geklappt, weil der Bildschirm flimmerte – und dann war ich irgendwie so frustriert, dass ich es selbst erlernen wollte.“

Aus ersten Zeichenversuchen entwickelte sich der Wunsch, eigene Geschichten zu erzählen. Über die Plattform Animexx fand sie Anschluss an eine wachsende Community und begann, sogenannte Dōjinshi zu veröffentlichen – einzelne Kapitel selbst produzierter Manga. Der Einstieg in die Öffentlichkeit kam eher zufällig: „Ich glaube, die allererste, die existierte, war eine Situation in einem Gymnasium vor zehn, fünfzehn Jahren. Wir saßen alle an einem Tisch und haben Skizzen gemacht und wussten aber auch nicht so richtig, warum wir da sind. Wir wurden nur gefragt: ,Hey, ihr könnt doch zeichnen, wollt ihr euch mal hinsetzen und so ein bisschen für etwas Programm auf der Messe sorgen?‘ Diese Messe war die DoKomi, die größte Manga- und Comic-Convention Deutschlands.“

Was als improvisierter Messeauftritt begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer professionellen Tätigkeit. Heute arbeitet LIAN hauptberuflich als Künstlerin. Seit 2020 lebt sie vollständig von ihrer Arbeit – ein Schritt, den in der Szene längst nicht alle schaffen.

Für LIAN ist der Tancho-Preis nicht nur eine persönliche Anerkennung, sondern auch ein Hoffnungsschimmer für die gesamte Szene: „Ich hoffe, dass es sich für die Nächsten, die ihre Arbeiten einreichen, richtig lohnen kann. Wie ich gehört habe, gibt es Pläne für eine weitere Aufwertung des Preises.“ Die Botschaft ist klar: Talent allein reicht nicht – Sichtbarkeit entscheidet. Mit dem Tancho-Award bekommt die Szene nun genau das, was ihr lange gefehlt hat: eine Bühne, die sie ernst nimmt.


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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