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Tödlicher Straßenbahnunfall in Dresden: Wie sicher ist die Haltestelle Reichenbachstraße?

Nahaufnahme des gelb-grauen Haltestellenschildes Reichenbachstraße der DVB mit einer digitalen Anzeige. Im Hintergrund sind Wohngebäude und grüne Bäume an der Fritz-Löffler-Straße unter wolkenverhangenem Himmel zu sehen.
Brennpunkt Reichenbachstraße: Nach zwei schweren Personenunfällen innerhalb weniger Monate steht die DVB-Straßenbahnhaltestelle auf der Fritz-Löffler-Straße vor einem wichtigen Ortstermin mit der Aufsichtsbehörde. Foto: Thomas Wolf
Von: Cornelius de Haas
Die Haltestelle Reichenbachstraße in der Dresdner Südvorstadt beschäftigt die Ermittler: Vier schwere Personenunfälle verzeichneten die Verkehrsbetriebe (DVB) hier in den letzten fünf Jahren. Während die Polizei nach dem jüngsten tödlichen Unfall wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, prüfen die Behörden nun Sofortmaßnahmen.

Dresden. Innerhalb von gut einem halben Jahr sind an der Straßenbahn-Haltestelle Reichenbachstraße auf der Fritz-Löffler-Straße in der Südvorstadt zwei Menschen schwer zu Schaden gekommen - ein 53-jähriger Mann tödlich, ein 13-jähriges Mädchen schwer verletzt. Die Polizei ermittelt in beiden Fällen, hält sich zur Ursache aber bedeckt. An diesem Mittwoch soll ein Ortstermin mit der Aufsichtsbehörde klären, ob an der Station etwas getan werden muss.

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Tödlicher Unfall am 26. Juni: Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung

Am Freitag, 26. Juni 2026, wurde gegen 15.30 Uhr ein 53-jähriger Fußgänger von einer Straßenbahn der Linie 3 erfasst und noch am Unfallort tödlich verletzt. Nach den ersten Angaben der Polizei war der Mann aus Richtung Studentenwerk bei Rot über die Gleise gegangen, als die Bahn in die Haltestelle einfuhr. Für die Rettungsarbeiten mussten die Straßenbahn angehoben und ein Teil des Bahnsteig-Geländers entfernt werden.

Blick auf den gepflasterten Gleisüberweg für Fußgänger an der Haltestelle Reichenbachstraße. Im Hintergrund sind Absperrgitter am Bahnsteig, eine Litfaßsäule sowie eine Ampel am Straßenrand erkennbar.
An dieser Stelle an der Haltestelle Reichenbachstraße kam im Juni ein Fußgänger ums Leben. Ein Vor-Ort-Termin soll nun klären, ob die Sicherheitsmaßnahmen ausreichen. Foto: Thomas Wolf

Zu diesem Unfall führt die Polizei ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung (§ 222 StGB); gegen wen es sich richtet, teilte sie nicht mit. Die Ermittlungen dauern an - zur Ursache, zu einer möglichen Ablenkung des Mannes und auch zur Frage, ob er tatsächlich bei Rot querte, äußert sich die Polizei im laufenden Verfahren ausdrücklich nicht.

13-Jährige eingeklemmt: Dezember-Verfahren liegt bei der Staatsanwaltschaft

Bereits am 15. Dezember 2025 war gegen 7.38 Uhr an derselben Haltestelle ein 13-jähriges Mädchen zwischen Bahn und Bahnsteig eingeklemmt und schwer verletzt worden. Die genauen Umstände waren zunächst unklar; auch in diesem Fall musste die Bahn angehoben werden, um das Kind zu befreien.

Das polizeiliche Ermittlungsverfahren - wegen fahrlässiger Körperverletzung (§ 229 StGB) - ist inzwischen abgeschlossen und an die Staatsanwaltschaft übergeben worden. Zur festgestellten Ursache macht die Polizei keine Angaben; die Entscheidung über das weitere Vorgehen liegt nun bei der Staatsanwaltschaft.

Vier Unfälle in fünf Jahren: Was die DVB zur Haltestelle sagt

Auf Anfrage hat die Dresdner Verkehrsbetriebe AG (DVB) mitgeteilt, dass es an der Haltestelle in den vergangenen fünf Jahren vier Personenunfälle gegeben habe: je einen 2022 und 2026 sowie zwei im Jahr 2025. In den Jahren 2020, 2021 und 2023 sei es dort zu keinem Personenunfall gekommen. Allen Fällen ist demnach gemein, dass sie sich bei der Einfahrt in den stadteinwärtigen Bahnsteig ereigneten und eine Person seitlich in die Bahn lief.

Bauliche oder betriebliche Besonderheiten sehen die DVB an dem Standort nicht: Bahnsteiggeometrie, Sichtbeziehungen, Gleisquerungen samt Signalisierung und Annäherungsgeschwindigkeit seien identisch zu anderen Haltestellen im Netz. DVB-Sprecher Falk Lösch verweist allgemein darauf, dass eine vorhandene Signalisierung häufig missachtet werde - mitunter, während Betroffene Ohrhörer trügen.

Kopfhörer, rote Ampel? Diese Fragen lässt die Polizei offen

Ob die beiden Verunglückten tatsächlich abgelenkt waren - etwa durch Kopfhörer, In-Ear-Geräte oder ein Mobiltelefon -, ist offen: Auf entsprechende Fragen verwies die Polizei auf die laufenden beziehungsweise abgegebenen Verfahren und traf keine Aussage. Die allgemeine Erklärung der DVB lässt sich damit für die konkreten Fälle nicht belegen.

Gleiches gilt für die Signalisierung: Zwar hatte die Polizei unmittelbar nach dem tödlichen Unfall von einem Queren bei Rot gesprochen, im förmlichen Auskunftsverfahren bestätigt sie diesen Punkt nun aber nicht mehr. Bis die Verfahren abgeschlossen sind, bleibt die Ursache beider Unfälle offiziell ungeklärt.

Sicherheit der Haltestelle: Ortstermin mit der Aufsichtsbehörde

Bauliche Änderungen, zusätzliche Warnhinweise oder eine reduzierte Geschwindigkeit im Haltestellenbereich sind nach Angaben der DVB derzeit nicht geplant. Allerdings steht an diesem Mittwoch ein Ortstermin mit dem Beauftragten der technischen Aufsichtsbehörde des Freistaats für den Bahnverkehr an - jener Stelle, die für Straßenbahnen Prüfungen vornehmen und Sicherheitsmaßnahmen anordnen kann. „Vielleicht gibt es dann eine andere Entscheidung", räumt Lösch ein.

Offen ist auch, ob die Haltestelle offiziell als Unfallhäufungsstelle gilt. Die Polizei verweist dazu auf die Unfallkommission der Stadt Dresden; die DVB steht mit dieser nach eigenen Angaben derzeit nicht im Austausch.  Auf Anfrage hat die Stadt inzwischen geantwortet - und legt erstmals konkrete Zahlen vor.

16 Unfälle mit Personenschaden: Was die Zahlen der Stadt zeigen

Nach Auskunft der Stadt registrierte die Polizei zwischen dem 1. Januar 2021 und dem 30. Juni 2026 an dieser Stelle 16 Unfälle mit Personenschaden über alle Verkehrsarten hinweg - drei davon unter Beteiligung einer Straßenbahn. Mit der Zählung der DVB, die von vier Personenunfällen an der Haltestelle in fünf Jahren spricht, lassen sich diese Zahlen nicht eins zu eins vergleichen: Die Stadt bezieht sich auf polizeilich registrierte Unfälle mit Personenschaden am gesamten Knoten, die DVB auf Personenunfälle an der Haltestelle.

Neu ist die Kreuzung im Unfallgeschehen ohnehin nicht. Bereits 2020 hatte die Stadt hier reagiert - mit einer geänderten Radverkehrsführung stadteinwärts sowie angepasster Markierung und Beschilderung. Diese Maßnahmen erfolgten aufgrund der polizeilich gemeldeten und analysierten Unfalllage, zielten aber auf Abbiegekonflikte zwischen Autos und Radfahrern im Fahrbahnbereich - und nicht auf den Gleisbereich der Straßenbahn.

Unfallkommission nimmt die Straßenbahn in den Blick

Das ändert sich nun. Unter dem Aspekt der Straßenbahn-Beteiligung rückt die Kreuzung Fritz-Löffler-Straße/Reichenbachstraße nach den beiden jüngsten Fällen in den Fokus der Unfallkommission. 

Konkrete Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Straßenbahnverkehr könnten allerdings erst entwickelt, geplant und umgesetzt werden, wenn belastbare Informationen zur Unfalllage vorlägen und von der Unfallkommission analysiert seien, so die Stadt. Bei Änderungen an Verkehrsregelung, Signalsteuerung oder der Gestaltung von Haltestellen und Querungsstellen stimme man sich zudem stets mit der DVB ab.

Dieser Artikel wird aktualisiert, sobald Ergebnisse des Ortstermins vorliegen.

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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