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43,8 Prozent für die AfD: Leipzig und Dresden demonstrieren am Wochenende

Brandmauer Demonstration in Dresden (Archivbild)
Demonstration in Dresden - Brandmauer (Archivbild)
Von: Lukas Breuer
Sachsen-Anhalt hat der AfD das beste Landtagswahlergebnis ihrer Geschichte beschert - bei Rekordbeteiligung. Das ist ein Schock, aber kein Schicksal: In Sachsen lagen zuletzt keine 30.000 Stimmen zwischen Platz eins und Platz zwei. Am Samstag in Leipzig und am Sonntag in Dresden fängt die Arbeit an dieser Zahl an.

Kurz und knapp: AfD 43,8 Prozent, CDU halbiert, Rekordwahlbeteiligung. In Sachsen war der Abstand zwischen CDU und AfD 2024 dagegen hauchdünn – hier ist noch alles offen. Die Kampagne zeitzumhandeln.org sammelt seit Sonntagabend Demos in ganz Deutschland. In Sachsen: Leipzig am Samstag, Dresden am Sonntag - dazu PRÜF am Samstag und Görlitz am Montag. Alle Termine stehen unten, alle Quellen ganz am Ende.

Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

43,8 Prozent. Das ist nicht nur das beste Ergebnis, das die AfD je bei einer Landtagswahl geholt hat. Es ist der höchste Wert, den überhaupt irgendeine Partei in Sachsen-Anhalt seit 1990 bekommen hat.

Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze: 17,2 Prozent. Halbiert. Zweiter Platz. SPD 9,3, Grüne 8,9, Linke 8,6. Das BSW rutscht mit 5,3 rein, die FDP mit 2,6 raus.

Und jetzt die Zahl, die richtig reinhaut: 77,8 Prozent Wahlbeteiligung. Rekord.

Das war also keine Wahl, die von Couchpotatoes entschieden wurde. Es sind mehr Menschen wählen gegangen als je zuvor in diesem Bundesland - und fast jeder Zweite von ihnen hat eine Partei gewählt, deren Landesverband der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch führt.

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Für die absolute Mehrheit hat es zwar nicht gereicht. Ulrich Siegmund verhandelt trotzdem so, als hätte er sie: Wir werden auch keine Spielchen mitspielen, keine Tolerierungen oder Minderheitsregierung, sagte er am Wahlabend. Den Vorschlag des BSW, einen parteiübergreifenden Ministerpräsidenten zu suchen, wischte er als Gewurschtel beiseite. Sein Plan B, falls sich niemand findet: Neuwahlen. Also nochmal wählen lassen, bis das Ergebnis passt.

Man muss das kurz sacken lassen. Die stärkste Kraft eines Bundeslandes droht mit Neuwahlen, weil sie nicht bereit ist, sich in einer Koalition auch nur einen Millimeter zu bewegen.

Was das für Sachsen bedeutet - und was nicht

Jetzt der Teil, den ich nicht schönreden werde. Die letzte INSA-Umfrage für Sachsen sieht die AfD bei 42 Prozent, die CDU bei 21. Wer gehofft hat, Magdeburg bleibe ein Ausreißer, kann sich das sparen. Die Zahlen sind hier nicht besser. Sie sind praktisch dieselben.

Und trotzdem ist der Satz „bei uns kommt das dann eben auch so“ falsch. Aus zwei Gründen.

Erstens: In Sachsen-Anhalt ist das Schlimmste nicht eingetreten - und das war kein Glück. Weil die Umfragen die AfD bei rund 40 Prozent sahen und mehrere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde klebten, war eine absolute Mehrheit der Mandate durchaus denkbar. Alleinregierung. Kampagnen haben deshalb wochenlang für taktisches Wählen geworben, damit SPD und Grüne sicher in den Landtag kommen. Ergebnis: Die Grünen landeten mit 8,9 Prozent weit über ihren Umfragewerten, SPD und Linke zogen ebenfalls ein - und die AfD hat trotz Rekordergebnis keine absolute Mehrheit. Menschen haben das organisiert. Nicht der Zufall.

Zweitens: Hier wird es eng, nicht eindeutig. Landtagswahl 2024, das amtliche Endergebnis: CDU 749.114 Stimmen, AfD 719.279 Stimmen. Macht 29.835 Stimmen Unterschied - 1,3 Prozentpunkte. Wer in Sachsen stärkste Kraft wird, entscheidet eine Menschenmenge, die in ein mittleres Stadion passt. Dazu kamen 285.000 Menschen, die 2019 noch zu Hause geblieben waren und 2024 wieder wählen gingen. Umfragen sind keine Wahltage.

Was hier aber ohnehin gerade wichtiger ist: Die nächste Landtagswahl in Sachsen ist erst 2029. Die Entscheidungen der nächsten Monate fallen deshalb gar nicht an der Urne.

Sie fallen dort, wo eine Partei bei 40 Prozent längst mitregiert, auch ohne Regierungsamt: in Ausschüssen, Stadträten, Verwaltungen. Bei der Frage, welcher Verein noch Geld bekommt und welcher nicht. Bei der Frage, ob ein verurteilter Neonazi in Chemnitz einfach so in den Stadtrat nachrückt und alle so tun, als sei das Verwaltungsroutine. 

Genau diese Entscheidungen fallen in den nächsten Wochen. Und sie hängen daran, wie viele Leute erkennbar dagegen stehen.

„Zeit zum Handeln“: Was hinter der Kampagne steckt

Noch in der Wahlnacht ging eine Website online: zeitzumhandeln.org.

Das ist kein Verein, keine Partei, kein Dachverband. Es ist eine Sammelstelle. Wer eine Demo anmeldet, trägt sie ein. Wer mitgehen will, sucht nach seiner Stadt. Dazu gibt es Vorlagen für alle, die zum ersten Mal selbst etwas anmelden - und genau das ist der Punkt: Die Hürde soll so niedrig sein, dass sie niemanden mehr abschreckt.

Zwei Tage später stehen dort Aktionen von Halle über Neubrandenburg und Bielefeld bis ins baden-württembergische Balingen. Eine davon heißt schlicht „Die Wahl in Sachsen-Anhalt: Von Trauer über Wut zu Widerstand“. Das beschreibt die Stimmungslage ganz gut.

Die fünf Forderungen des Bündnisses

  1. Solidarität mit denen vor Ort. Die Initiativen in Sachsen-Anhalt machen diese Arbeit seit Jahren. Meistens allein. Ab jetzt hoffentlich nicht mehr.
  2. Die Brandmauer muss stehen. Keine Kooperation, auf keiner Ebene. Dieser Punkt wird ab sofort getestet, und zwar hart: Wenn Mehrheiten ohne die stärkste Kraft rechnerisch schwierig werden, kommen die Stimmen, die von „Pragmatismus“ reden.
  3. Ein Verbotsverfahren prüfen lassen. Und hier bin ich ehrlich, damit uns niemand einen Strick draus dreht: Auf Bundesebene ist die Lage juristisch offen. Der Verfassungsschutz hat die Gesamtpartei im Mai 2025 hochgestuft, das Verwaltungsgericht Köln hat das im Februar 2026 vorläufig gestoppt und die AfD wieder als Verdachtsfall eingeordnet. Das Gericht sah einen starken Verdacht, aber noch kein geschlossenes Gesamtbild. Die Hauptsache läuft noch. Auf Landesebene sieht es anders aus: Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen - überall gesichert rechtsextrem.
  4. Demokratieförderung ausbauen statt kürzen. Der langweiligste Punkt der Liste. Und vermutlich der wichtigste. Fast jede Struktur, die vor Ort etwas gegen Rechtsextremismus ausrichtet, hängt an befristeten Fördertöpfen. Wer da kürzt, spart sich die Feuerwehr, um Geld für die Brandbekämpfung zu haben.
  5. Menschen organisieren. Eine Demo ist ein Anfang, kein Ergebnis. Wer am Sonntag nach Hause geht und danach nichts tut, hat einen netten Nachmittag gehabt. Mehr nicht.

Demo in Leipzig am Samstag, 12. September

Zeit zum Handeln – Leipzig
Samstag, 12. September 2026, 12:00 Uhr
Marktplatz, Markt 1A, 04109 Leipzig

Alle Infos zur Demo in Leipzig

Demo in Dresden am Sonntag, 13. September

Zeit zum Handeln – Dresden
Sonntag, 13. September 2026, 13:00 Uhr
Theaterplatz, 01067 Dresden

In Dresden gibt es eine große Bühne, einen „Markt der Demokratie“ und interaktive Formate. Getragen wird das von Mission Lifeline, Seebrücke Dresden, PRÜF Sachsen, DGB, SPD, Grünen, Linken, Piraten, Jusos, Grüner Jugend, Psychologists for Future und Wir gestalten Dresden. Das Ziel der Veranstalter: eine der größten Kundgebungen, die Dresden seit der Wende gesehen hat.

Ob das klappt, hängt an genau einer Sache. An Dir. Und an den drei Leuten, die Du mitbringst.

Alle Infos zur Demo in Dresden

Weitere Demos in Sachsen: Dresden und Görlitz

Dresden: PRÜF Sachsen am Samstag, 12. September

Samstag, 12. September 2026, 14:00 Uhr, Theaterplatz Dresden.

PRÜF heißt „Prüfung Rettet Übrigens Freiheit“ und hat exakt eine Forderung: Alle Parteien, die der Verfassungsschutz als rechtsextremen Verdachtsfall oder als gesichert rechtsextrem einstuft, sollen vom Bundesverfassungsgericht geprüft werden. Das Bündnis steht dafür an jedem zweiten Samstag im Monat in allen Landeshauptstädten – so lange, bis der Bundesrat den Antrag stellt. Wer Samstag in Leipzig war, kann hier direkt weitermachen.

Alle Infos zur PRÜF-Demo in Dresden

Görlitz: „Gemeinsam für Demokratie!“ jeden Montag

Jeden Montag, 18:30 Uhr, Platz der Friedlichen Revolution, Görlitz. Nächster Termin: 14. September 2026.

Die Engagierten Bürger*innen Görlitz demonstrieren seit Monaten wöchentlich – und argumentieren angenehm unpathetisch. Ihr Punkt: Für eine Grenzstadt hätte AfD-Programmatik ganz konkrete Folgen. Weniger EU-Zusammenarbeit heißt weniger Fördergeld. Mehr Grenzkontrollen heißen ein mühsamerer Alltag mit Zgorzelec. Weniger Zuwanderung heißt mehr Fachkräftemangel – beim Arzt, im Handwerk, in der Pflege. Politik hat Folgen. Auch hier.

Alle Infos zur Montagsdemo in Görlitz

Quellen

Wahlergebnis und Aussagen von Ulrich Siegmund

  • ZDFheute: „Wahl in Sachsen-Anhalt: AfD liegt klar vor CDU“, 6.9.2026 – zdfheute.de (Ergebnisse aller Parteien, Zitat Siegmund zu Koalitionen, Aussagen zum BSW-Vorschlag und zu Neuwahlen)
  • Wikipedia: „Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026“ – de.wikipedia.org (Wahlbeteiligung 77,8 %, historische Einordnung, Einstufung des AfD-Landesverbands durch den Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt seit 2023)
  • Maßgeblich für die amtlichen Zahlen ist die Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt; die hier genannten Werte entsprechen dem am Wahlabend veröffentlichten Ergebnis.

Landtagswahl Sachsen 2024

  • Sächsischer Landtag, Wahlergebnisse und Sitzverteilung – landtag.sachsen.de (CDU 31,9 %, AfD 30,6 %, Wahlbeteiligung 74,4 %)
  • Konrad-Adenauer-Stiftung, Tabellenanhang zur Wahlanalyse Sachsen 2024 – kas.de (absolute Stimmen: CDU 749.114, AfD 719.279; Rückgang der Nichtwähler um 285.081)
  • Sächsische Landeszentrale für politische Bildung – slpb.de

Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz

Forderungen und Demo-Termine

  • zeitzumhandeln.org (fünf Forderungen im Wortlaut, bundesweite Terminübersicht, Termine Leipzig und Dresden)
  • DemokraTEAM: Chemnitz (Primärquelle: Chemnitz Nazifrei), PRÜF Sachsen (Primärquelle: pruef-demos.de/sachsen), Görlitz (Primärquelle: Engagierte Bürger*innen Görlitz)

Stand: 9. September 2026. Zeiten und Orte können sich kurzfristig ändern – vor dem Losgehen bitte nochmal auf den verlinkten Seiten nachsehen.

Lukas Breuer
Artikel von

Lukas Breuer

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