Vier Menschen, zwei Einsatzorte, viele Handgriffe
Stapelweise Kisten voller Lebensmittel werden ausgepackt, geprüft und sortiert. Was nicht mehr weitergegeben werden kann, kommt zur Seite, der Rest wird wieder eingeräumt. Dazwischen ein Spruch, ein Lachen, eine kurze Absprache, wer was übernimmt. In der Tafel des Netz-Werk e.V. in Mittweida geht es an diesem Tag herzlich zu, aber auch ziemlich organisiert. Die Frauen und Männer arbeiten Hand in Hand, jeder Handgriff sitzt. Wer eine Weile dabei ist, merkt schnell: Hier wird nicht nur gearbeitet, hier kennt man sich.
Am 21. September war das Team von ehrensache.jetzt, der Ehrenamtsplattform der Bürgerstiftung Dresden, selbst mittendrin. Normalerweise bringt das vierköpfige Team Menschen, die sich engagieren möchten, mit gemeinnützigen Organisationen, Vereinen und Initiativen zusammen, die Freiwillige für ihre Projekte suchen. An diesem Tag wechselten die vier die Seiten: Statt Engagement zu vermitteln, legten sie selbst los und teilten sich auf.
Einmal die Seiten wechseln
Ein Teil des Teams half bei der Tafel, zwei Mitarbeitende gingen ins Sozialkaufhaus MöbelWert. Dort wurden Schränke und Regale gereinigt, Kleidung auf Bügel gehängt und sortiert, Schuhe eingeräumt und Vorhänge für die Ausstellung aufgehängt. Bei der Tafel hieß es vor allem: auspacken, prüfen, sortieren und tragen. Die Lebensmittel wurden kontrolliert, nicht mehr verwendbare Waren aussortiert und die übrigen Kisten für die Ausgabe vorbereitet. Vieles davon geschieht im Hintergrund, bevor Lebensmittel ausgegeben, Kleidung verkauft oder Möbel präsentiert werden können.
Dass solche Unterstützung für das Netz-Werk mehr bedeutet als einen zusätzlichen Arbeitseinsatz für einen Tag, betont Maxi Lippmann, Tafelkoordinatorin für die Tafeln Mittweida, Döbeln und Freiberg. Sie habe sich sehr gefreut, die Mitarbeitenden der Bürgerstiftung Dresden begrüßen zu dürfen, die tatkräftig in der MöbelWert-Filiale und bei der Tafel unterstützt und dabei einen Einblick in die tägliche Arbeit bekommen hätten.
„Solche Begegnungen und praktische Unterstützung sind für uns besonders wertvoll. Die Arbeit der Tafeln ist heute wichtiger denn je. An unseren drei Standorten in Mittweida, Döbeln und Freiberg sind inzwischen rund 7.000 Menschen als Kundinnen und Kunden gemeldet, die auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Umso schöner ist es, wenn Menschen und Organisationen Interesse an unserer Arbeit zeigen, sich vor Ort einbringen und uns ein Stück weit unterstützen. Wir bedanken uns herzlich für den Besuch, die tatkräftige Hilfe und den offenen Austausch.“
Dass Unterstützung gebraucht wird, zeigt sich beim Netz-Werk auch über diesen Tag hinaus. In der Tafel werden beispielsweise Fahrerinnen und Fahrer gesucht, die Lebensmittel abholen und transportieren können. Wer sich einbringt, unterstützt die tägliche Arbeit vor Ort – und mit mehr Menschen, die mit anpacken, könnten weitere Angebote entstehen und noch mehr Menschen erreicht werden
Mehr als Tafel und Sozialkaufhaus
Wer durch das große Haus des Netz-Werk e.V. geht, bekommt schnell einen Eindruck davon, wie unterschiedlich die Angebote sind. In der Nähwerkstatt werden Reparaturen und Auftragsarbeiten übernommen. Die Fahrradwerkstatt kümmert sich um defekte Räder, in der Möbelwerkstatt werden gebrauchte Möbel aufgearbeitet – von der Reparatur bis zur neuen Polsterung von Stühlen und Sofas. Anschließend kommen die Stücke in der MöbelWert-Filiale wieder zum Verkauf. Unter dem Motto „Schlau kauft aufgemöbelt“ können dort alle nach gebrauchten Möbeln und anderen Dingen stöbern. Für Menschen, die bestimmte Sozialleistungen beziehen, gibt es auf ausgewählte Warensortimente zudem 10 Prozent Nachlass.

Doch das Netz-Werk bietet noch weit mehr. Der Verein arbeitet seit 1993 mit Menschen, die arbeitslos sind oder Unterstützung beim Einstieg ins Arbeitsleben benötigen. Beratung, Beschäftigung und Qualifizierung gehören als soziale Unterstützungsangebote für Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen ebenso dazu wie verschiedene Dienstleistungen, etwa Renovierungs- und Reinigungsarbeiten sowie Entrümpelungen. Bei Haushaltsauflösungen wird zugleich geschaut, welche gut erhaltenen Möbel und Gegenstände weiterverwendet werden können. So wird nicht nur Platz geschaffen, sondern möglichst viel weitergegeben und wiederverwendet.
Auch im Alltag ist das Netz-Werk für Menschen da. Familienpaten begleiten Eltern und Kinder entsprechend ihrer jeweiligen Bedürfnisse und unterstützen dort, wo es im Familienalltag gerade schwierig wird. Bei der Alltagsbegleitung für Senioren geht es vor allem um etwas, das im Alltag leicht fehlt: Zeit. Gemeinsam einkaufen, spazieren gehen oder einen Termin begleiten – manchmal sind es gerade solche kleinen Dinge, die den Alltag leichter machen und dafür sorgen, dass Menschen möglichst lange in ihrem eigenen zu Hause bleiben können. Nach Angaben des Vereins profitieren jährlich mehrere tausend Menschen von den verschiedenen Angeboten. Hinter dieser Zahl stehen ganz unterschiedliche Geschichten, Bedürfnisse und Begegnungen.
Wo sonst andere helfen, packen sie selbst mit an
Der Arbeitseinsatz knüpfte an die Woche des bürgerschaftlichen Engagements an, die in diesem Jahr unter dem Motto „Miteinander Zukunft gestalten“ stand. Bundesweit machen dabei Vereine, Initiativen, Organisationen und engagierte Menschen sichtbar, wie vielfältig freiwilliges Engagement ist und was es vor Ort bewegt. In Mittweida wurde daraus ganz praktische Hilfe.
Für das Team von ehrensache.jetzt war der Arbeitseinsatz deshalb vor allem ein Perspektivwechsel. Die Aufgaben, die sonst auf der Plattform vermittelt werden, lagen an diesem Tag direkt vor ihnen. Nichts davon ist spektakulär – aber ohne diese vielen Tätigkeiten würde vieles im Alltag des Netz-Werk e.V. nicht funktionieren. Damit Hilfe ankommt, braucht es Menschen, die Zeit investieren und mit anpacken.
Die Lebensmittelkisten sind sortiert, die Regale sauber, die Schuhe eingeräumt und die Kleiderbügel gefüllt. Ein Arbeitstag ist vorbei. Die vier vom ehrensache.jetzt-Team machen sich wieder auf den Weg – mit vielen Eindrücken und einem ganz konkreten Gefühl dafür, was freiwilliges Engagement im Alltag bewirken kann.