Er rettet das, was sonst in Vergessenheit gerät
„Jede Mühle ist einzigartig.“ Diesen Satz sagt Thomas Kunz schon früh im Gespräch. Und eigentlich beschreibt er damit nicht nur die Mühlen, sondern auch sein Ehrenamt. Während andere in historischen Bauwerken vor allem alte Technik sehen, spricht der ehrenamtliche Geschäftsführer des Sächsischen Mühlenvereins von Menschen, Handwerk und Geschichten. Für ihn erzählt jede Mühle, gleich welcher Art, ein eigenes Kapitel sächsischer Historie.
Mal ist es die ausgeklügelte Technik, mal die Lage an einem Bach oder eine Müllerfamilie, die ein Gebäude über Generationen geprägt hat. „Natürlich spielt auch ein bisschen Mühlenromantik mit“, sagt er schmunzelnd.
Diese Begeisterung endet nicht mit Feierabend. Selbst im Urlaub werden Mühlen besichtigt. Dass seine Frau diese Leidenschaft teilt, macht vieles leichter. Was für andere nur ein weiteres Fotomotiv ist, gehört für die beiden ganz selbstverständlich zum Reisen und Erleben dazu.
Von der Exkursion zum Lebensprojekt
Dabei war es anfangs eher ein Zufall, der ihn auf diesen Weg brachte. Während seines Bauingenieurstudiums an der TU Dresden schloss er sich dem Arbeitskreis Technische Denkmale des früheren Kulturbundes der DDR an. Gemeinsam mit Technikhistoriker Prof. Otfried Wagenbreth besuchte die Gruppe historische Mühlen. Aus reinem Interesse an alter Technik entwickelte sich eine Leidenschaft, die bis heute anhält.
„Plötzlich schaut man nicht mehr nur auf ein Gebäude“, erzählt Kunz sinngemäß. „Man entdeckt die Menschen dahinter, die Technik und die Geschichte eines ganzen Ortes.“
Diese Faszination ließ ihn nicht mehr los. Gemeinsam mit seiner heutigen Ehefrau kaufte er die denkmalgeschützte Lehmannmühle in Klipphausen. Was viele wohl für ein gewagtes Projekt gehalten hätten, wurde zu ihrem gemeinsamen Lebenswerk. Die Mühle wurde mit viel Eigenleistung liebevoll saniert und ist heute Sitz des Sächsischen Mühlenvereins. Als sich dieser 1990 gründete, gehörte Kunz zu den 15 Gründungsmitgliedern. Inzwischen engagieren sich rund 160 Mitglieder im Verein.
Fachwissen wird gelebte Denkmalpflege
Das Ehrenamt von Thomas Kunz besteht aus weit mehr als Schreibtischarbeit. Regelmäßig erreichen ihn Anfragen von Mühlenbesitzern aus ganz Sachsen. Gemeinsam mit dem Verein berät er bei denkmalgerechten Sanierungen, vermittelt Architekten, Handwerker oder Historiker, informiert über Fördermöglichkeiten und unterstützt bei Förderanträgen. Gleichzeitig sammelt der Verein historische Unterlagen, dokumentiert ehemalige Mühlenstandorte und bewahrt dieses Wissen über die vielfältige Mühlentechnik – von Wasser- und Windmühlen bis hin zu Dampf- und Motormühlen – für kommende Generationen.
Ohne Ehrenamt würde vieles verschwinden
Über die eigene Leistung spricht Thomas Kunz nur nebensächlich. Viel lieber richtet er den Blick auf die vielen Ehrenamtlichen, die sich überall in Sachsen für den Erhalt der Mühlen einsetzen.
"Deren Engagement kann man gar nicht genug wertschätzen. Ohne Ehrenamt gäbe es den Mühlenverein gar nicht und viele historische Gebäude wären ohne diese freiwilligen Helfer längst verloren", sagt er.
Ehrenamtliche sichern Inventar, recherchieren die Geschichte ihrer Orte, organisieren Veranstaltungen oder investieren unzählige Arbeitsstunden in die Restaurierung historischer Gebäude. Selbst wenn eine Mühle nicht mehr erhalten werden kann, bleibt durch ihre Arbeit zumindest ihre Geschichte bewahrt.
Doch nicht nur die Bauwerke profitieren davon. Viele Vereinsmitglieder erwerben Wissen für ihre eigenen Mühlen, entdecken die Geschichte ihrer Region aus einer neuen Perspektive und tauschen Erfahrungen miteinander aus. So entsteht aus einzelnen Projekten ein Netzwerk von Menschen, die dieselbe Leidenschaft verbindet.
Lehmannmühle in Klipphausen 2025 | Foto: Thomas Kunz
Das Mühlenerbe in gute Hände geben
Wie viele Vereine beschäftigt auch den Sächsischen Mühlenverein die Zukunftsfrage. Neue Mitglieder zu gewinnen und Verantwortung an die nächste Generation weiterzugeben, gehört zu den größten Aufgaben der kommenden Jahre.
Deshalb setzt der Verein auf persönliche Begegnungen. Beim jährlichen Deutschen Mühlentag, bei zahlreichen Veranstaltungen oder Schulprojekten wie "Vom Korn zum Brot" erleben Kinder und Erwachsene vor Ort, wie spannend historische Technik sein kann. Auch das vereinseigene Ausmalbuch oder die jährlich erscheinenden "Sächsischen Mühlennachrichten" sollen Neugier an diesem besonderen Kulturerbe wecken.
Wer sich engagieren möchte, dem macht Thomas Kunz keine unrealistischen Versprechungen. Ehrenamt bedeute Verantwortung, vor allem aber Gemeinschaft. Entscheidend sei, offen über Aufgaben und Erwartungen zu sprechen. Ehrenamt dürfe Freude machen und Menschen zusammenbringen – nicht überfordern. Nur so könne das Engagement langfristig bestehen bleiben.
Es sind die Menschen, die Mühlen lebendig halten
Fragt man Thomas Kunz nach seinem größten Erfolg, nennt er keine Auszeichnung oder einzelne Projekte. Stattdessen spricht er von den vielen Mühlen im Erzgebirge, im Dresdner Umland oder in der Lausitz, die heute noch erhalten sind. Er freut sich, wenn der Verein dazu beitragen kann, dass die Anliegen von Mühlenbesitzern Gehör finden und historische Bauwerke eine Zukunft haben.
Seine eigene Geschichte zeigt, wohin ehrenamtliches Engagement führen kann. Aus einigen Exkursionen während des Studiums wurde eine Aufgabe, die Thomas Kunz nun schon seit 40 Jahren begleitet und nichts daran klingt nach Pflicht.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis seines Engagements: Wer Thomas Kunz begegnet, trifft keinen Menschen, der alte Mühlen bewahren muss - sondern jemanden, der sich jedes Mal aufs Neue darüber freut, wenn sich in Sachsen ein Mühlstein weiterdreht.