Warum Achim Mentzel in Dresden von Hausecken lächelt
Dresden. Es gibt Prominente, die mit ihrem Tod langsam aus dem Gedächtnis verschwinden. Und es gibt Achim Mentzel. Am 15. Juli wäre der Entertainer 80 Jahre alt geworden.
Zehn Jahre nach seinem Tod trägt im Cottbuser Ortsteil Gallinchen - seinem Zuhause - eine Straße seinen Namen. Und am Samstag wird er die Stadthalle Cottbus noch einmal füllen: Frank Schöbel singt, Andreas Holm und Petra Zieger treten auf, Linda Feller und Uwe Jensen führen durch das Programm. Der Titel der Hommage: „Ein Hoch auf Achim“.
Unter den Gästen sitzen fünf Männer aus Dresden. Sie nennen sich: Achim-Mentzel-Ultras.
Eine Legende lächelt von den Wänden der Stadt
In der Dresdner Neustadt ist Mentzel allgegenwärtig. Er klebt an Laternen, Verteilerkästen und Hausecken. Mal lächelt er zwischen Sahnetorten, geschniegelt im Sakko. Mal blickt er mit weit aufgerissenen Augen aus einem Kranz von vier Gewürzgurken. Immer um sein Gesicht derselbe Schriftzug: „Achim Mentzel Ultras“.
Hinter den Aufklebern steckt ein Streetart-Künstler, der sich Milchmann nennt und unter dem Namen „Death Bunny Army“ arbeitet. Seinen bürgerlichen Namen verrät er nicht, fotografieren lässt er sich nur mit Hasenmaske - oder einer Mentzel-Maske.

Achim Mentzel begleitet ihn seit Jahren. In seiner Sticker-Welt hängt der Entertainer neben Rex Gildo, Roland Kaiser oder David Hasselhoff - den der Künstler in Anlehnung an die Modemarke Camp David kurzerhand in „Kämmt David“ verwandelte. Erst der Ultras-Schriftzug machte aus dem Mentzel-Motiv vor rund einem Jahr eine Fangruppe. Ihr harter Kern: eine Handvoll Männer zwischen 40 und 60 Jahren.
Das Wort „Ultras“ ist dabei eher geliehen. Mit Fußball habe die Gruppe nichts zu tun, mit Dynamo schon gar nicht, sagt der Milchmann. Ganz überzeugt waren davon zunächst nicht alle Dynamo-Anhänger. Sie überklebten die Mentzel-Sticker mit denen der Ultras Dynamo. "Aber da kamen wir eben wieder und packten wieder einen Achim drüber", so der 50 Jahre alte Künstler, der seine Mentzel-Leidenschaft aus Überzeugung lebt. Mit Ironie habe das nicht viel zu tun. "Das ist ernst gemeint“, sagt er. „Sonst würde ich das Zeug ja nicht machen.“
Anfangs stand auf den Aufklebern noch „Achim Mentzel Ultras Dresden“. Dann nahmen Freunde einige Sticker mit nach Berlin. Einer landete am Potsdamer Platz - und die Rückmeldung kam prompt: Die Dinger seien ja ganz cool, aber mit Dresden könne sich dort niemand identifizieren. Seitdem fehlt das letzte Wort. In die freien Stellen zogen die Gurken.
Ein Autogramm in der Groovestation
Persönlich begegnete der Milchmann seinem Idol 2011 in der Dresdner Groovestation. Der Schlagzeuger der Noiserock-Band Dÿse, Jarii van Gohl, hatte dort die Talkreihe „Talkman“ gestartet. Erster Gast: Achim Mentzel. Der Milchmann brachte zwei Konzertposter mit, - am Ende war es Mentzel selbst, der um ein Autogramm bat.

Doch geblieben sind vor allem drei Sätze, die der Entertainer ihm mitgab: „Einfach machen. Und was passiert, passiert. Der Kohle nicht hinterherlaufen." Der Milchmann hält sich bis heute daran. Geld verdient er mit seinen Stickern nicht. Er geht arbeiten.
Die Beat-Legende hinter der Stimmungskanone
Die Sahnetorten auf den Aufklebern zitieren das Album „Meine Lieblingsworte heißen Sahnetorte“ von 2010 - aus der Zeit der singenden Spreewaldgurke. Doch der Mentzel, den die Ultras verehren, ist ein anderer.
1963 gründete er in Ost-Berlin das Diana Show Quartett und spielte die Beatmusik, die der Westen hörte. 1965 erhielt die Band nach einer Schlägerei unter den Gästen eines Konzerts ein DDR-weites Auftrittsverbot. 1973 nutzte Mentzel einen Auftritt in West-Berlin zur Flucht, lebte kurzzeitig im Saarland als Schweißer und kehrte wenige Monate später zurück. Die DDR verurteilte ihn zu zehn Monaten Haft auf Bewährung.
Musikalisch endet für den Milchmann die Geschichte an diesem Punkt. Alles danach sei für ihn „einfach nur noch Achim Mentzel“ - die Person.
Woran sich Mentzels Weggefährten erinnern
Achim Mentzel starb am 4. Januar 2016 im Alter von 69 Jahren in Cottbus an einem Herzinfarkt. Zehn Jahre später ringt Oliver Kalkofe noch immer um Fassung, wenn er von ihm spricht. Aus dem Satiriker, der einst „Achims Hitparade“ verspottete, wurde ein Freund. „Achim war ein echtes Vorbild“, sagte Kalkofe im Mai in der Sendung „Brisant“. Mentzel habe sein Publikum immer ernst genommen und sei für jeden ansprechbar gewesen. Von ihm habe er gelernt, dass Coolness nichts ist, was man behauptet, sondern eine Haltung.
Auch in der MDR-Dokumentation „Legenden“ erinnern sich Udo Lindenberg, Nina Hagen, Frank Zander und Wolfgang Lippert an einen warmherzigen Allrounder. Das Publikum kannte vor allem die Stimmungskanone.
Ein Hoch auf Achim
Am Samstag also Cottbus. Einlass 13 Uhr, Beginn 14 Uhr, Kaffeezeit. Fünf Männer, die nachts Stromkästen bekleben, sitzen im Saal und hören Schlager. Ernst gemeint, wie gesagt.

Kalkofe hat von Mentzel gelernt, dass Coolness eine Haltung ist. Der Milchmann hat von ihm gelernt, einfach zu machen und der Kohle nicht hinterherzulaufen. Im Grunde ist es derselbe Satz. Er stammt von einem Mann, den die einen für eine Ulknudel hielten und die anderen für einen Beatmusiker mit Auftrittsverbot - und den am Samstag beide feiern.