Linie 8 in Dresden: Warum die neue Bahn nicht vor den Chipwerken hält
Dresden. Der Dresden. Der Dresdner Norden ist längst ein Zentrum der Chipindustrie: Bei GlobalFoundries und Bosch arbeiten schon jetzt Tausende, und mit ESMC entsteht gerade die nächste große Fabrik. Mit den Fabriken wächst auch der Verkehr. Die Stadt will deshalb die Straßenbahnlinie 8 aus Hellerau bis in das Industriegebiet verlängern. Nur ausgerechnet an den großen Werken soll die Bahn nach den aktuellen Plänen nicht halten.
Über diese verkürzte Strecke bis zur Knappsdorfer Straße entscheidet der Stadtrat am Donnerstag, dem 26. November; die Vorlage stammt von Oberbürgermeister Dirk Hilbert. Endstation wäre dann rund 650 Meter vor dem ESMC-Werk. Und die CDU-Fraktion will die Pläne noch ganz stoppen.
Die Endhaltestelle soll an der Knappsdorfer Straße liegen, mitten im Gewerbegebiet Airportpark. Von der Ludwig-Kossuth-Straße in Rähnitz führt die geplante Trasse über den Vorerlenweg und die Rähnitzer Allee zur Wilschdorfer Landstraße und von dort über eine Schleife zurück, wie die Vorplanung vorsieht. Neue Haltestellen sind an der Rähnitzer Allee und an der Knappsdorfer Straße geplant, dazu eine mögliche Station An den Ellerwiesen. GlobalFoundries wird gar nicht angefahren, soll aber über einen Umstieg zu den Buslinien 78 und 80 erreichbar bleiben. Die alte Wendeschleife in Hellerau, rund 15.000 Quadratmeter groß, wird zurückgebaut; dort könnten später Wohnungen entstehen.
Warum die Bahn nicht direkt zu den Werken fährt
Die Variante, die den Werken am meisten gebracht hätte, ist vom Tisch. Sie wäre über den Robert-Bosch-Ring gefahren und hätte Bosch, ESMC und GlobalFoundries direkt angebunden. Doch die unmittelbaren Anlieger der Strecke hätten nicht zugestimmt, heißt es in der Vorlage, vor allem aus Sorge um mögliche Erweiterungen ihrer Fabriken. Welche Werke das waren, nennt die Stadt nicht. Dahinter stehen hochempfindliche Produktionsprozesse. Ein Gutachten im Auftrag der Stadt kam zu dem Ergebnis, dass die Straßenbahn ohne Schutzmaßnahmen die Grenzwerte für Erschütterungen und Magnetfelder an allen Werken um das 2,3- bis 5,5-Fache überschreiten würde. Mit baulichen Maßnahmen ließe sich das auffangen, teilte die Stadt auf Anfrage von Die Sachsen News mit. Entlang der Wilschdorfer Landstraße reicht das aber nicht: Dort wären die Grenzwerte bei Jenoptik und beim Fraunhofer-Institut auch mit Technik nicht zu halten.
Am neuen Endpunkt an der Knappsdorfer Straße sieht das Gutachten dagegen keine Probleme mit Erschütterungen. Nur bei Jenoptik gibt es elektromagnetische Einflüsse, die sich ausgleichen lassen; das Unternehmen stimmte der Weiterplanung zu. So steht es in der Vorlage. Ein Zurück zur Werksanbindung schließt die Stadt inzwischen aus. Es würde die Planung um mindestens zwei Jahre verzögern, dazu käme ein weiterer Durchlauf durch die Gremien, erklärte sie dieser Redaktion. Eine Bahn gegen den Willen der Unternehmen durchzusetzen, passe nicht zu ihrem Selbstverständnis als Wirtschaftsstandort.
54 Millionen Euro und 85 Prozent Förderung
Rund 54 Millionen Euro soll die verkürzte Strecke kosten, geht aus der Vorlage hervor. Den Löwenanteil tragen Fördermittel von bis zu 85 Prozent. Bei Stadt und Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB) bleiben etwa 16,2 Millionen Euro. Für die nächste Stufe, die Entwurfs- und Genehmigungsplanung, wären davon rund 2,5 Millionen Euro nötig. Zum Vergleich: Die lange Variante bis GlobalFoundries hätte mehr als das Doppelte gekostet, rund 116 Millionen Euro bei einem Eigenanteil von etwa 37 Millionen Euro. Diese Zahlen nannte die Stadt auf Anfrage dieser Redaktion.
Eine zusätzliche Bahn braucht die DVB für den Betrieb, pro Tag rechnet die Stadt mit 900 bis 1.200 mehr Fahrgästen. Rund 0,9 Millionen Euro kostet der Betrieb zusätzlich im Jahr. Wie viel die Kürzung verkehrlich ausmacht, rechnete die DVB dieser Redaktion vor: Die lange Strecke bis GlobalFoundries hätte täglich etwa 1.360 zusätzliche Fahrten mit Bus und Bahn gebracht und rund 9.400 Autokilometer gespart. Die verkürzte kommt noch auf etwa 1.000 Fahrten und 6.100 Kilometer. Im Klimacheck der Stadt schneidet das Projekt mit der besten Note ab.
Später Baubeginn, Kritik vom VCD
Schnell wird es trotzdem nicht gehen. „Ein Baubeginn ist in diesem Jahrzehnt nicht mehr zu erwarten“, sagte Verkehrsbürgermeister Stephan Kühn. Die Chipwerke sind da längst weiter: ESMC wird gerade gebaut, die anderen Fabriken fahren ihre Produktion schon hoch. Bevor der Stadtrat entscheidet, berät am Mittwoch, dem 4. November, der zuständige Bau- und Verkehrsausschuss; der Stadtbezirksbeirat Klotzsche hatte die Pläne schon Anfang Oktober auf dem Tisch.
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hält die Kürzung für einen Fehler. Die Verlängerung sei die einzige realistische Möglichkeit, im Dresdner Norden mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen, erklärte Fabian Schmiedt von der Ortsgruppe in einer Mitteilung; Busse steckten im selben Stau wie die Autos und kämen in den Stoßzeiten an ihre Grenzen. Die Bedenken der Firmen hält der VCD für lösbar. „Wenn es technische Lösungen gibt, dann sollte gegenüber der Öffentlichkeit und der Belegschaft gut begründet werden, warum die beste Route nicht möglich ist“, sagt VCD-Elektroingenieur Lucas Meißner. Der Verein fordert eine Absichtserklärung: Die Stadt solle die Kosten übernehmen, die Werke im Gegenzug die beste Trasse ermöglichen.
CDU fordert Busse statt Straßenbahn
Die CDU-Fraktion will die Straßenbahnpläne dagegen vorerst ganz stoppen. In einem Änderungsantrag vom 1. November fordert sie, erst einmal ein gutes Busangebot aufzubauen, das die Beschäftigten an Straßenbahn, S-Bahn und Regionalbahn anbindet, bis ESMC in Betrieb geht. Bei der angespannten Kassenlage müsse sich die Linie 8 klar rechnen, argumentiert die Fraktion. Weil die kurze Strecke ohnehin nicht bis an die Werkstore reiche, brauche es dort weiter Busse, und der Vorteil der Bahn schrumpfe. Die Trasse für eine spätere Verlängerung bis GlobalFoundries solle frei bleiben, und die Unternehmen sollten sich an den Kosten beteiligen.
Die Werke selbst geben sich gesprächsbereit. Gegenüber Die Sachsen News begrüßt GlobalFoundries eine direkte Straßenbahnanbindung; sie wäre ein zusätzliches Angebot für die rund 3.000 Beschäftigten. Derzeit investiere das Unternehmen rund 1,1 Milliarden Euro in den Ausbau und wolle bis Ende 2028 mehr produzieren; einen Stichtag für die Entscheidung über die Bahn nenne es nicht. Bosch bezeichnet die Verlängerung gegenüber dieser Redaktion als Beitrag zur besseren Erreichbarkeit, dringt aber auch auf schnelle Verbesserungen beim Bus. Die Ablehnung der direkten Trasse bestätigte damit keines der Werke, das antwortete. Eine Anfrage an ESMC, seit Ende Juni mit einer eigenen DVB-Straßenbahn im Stadtbild schon sehr präsent, blieb bislang unbeantwortet.