Karpfen „Laura“ im Klärwerk: Der ungewöhnlichste Mitarbeiter im Rödertal
Von Peter Hilbert
Ottendorf-Okrilla. Abwassermeister Pedro Kämpfe steht am Ablauf eines Nachklärbeckens, nimmt eine Abwasserprobe. Das geschieht täglich. Schließlich muss das Abwasser aus der Kläranlage von Ottendorf-Okrilla sehr sauber in die Große Röder fließen. Nicht weit von ihm schwimmt ein Schuppenkarpfen, den er mittlerweile als tierischen Kollegen mit Flossen betrachtet. Er ist ein lebender Zeuge der hohen Abwasserqualität. Schließlich reagieren Karpfen als Frühwarnsystem sehr sensibel auf Veränderungen im gereinigten Abwasser.
Die Kläranlage: Stadtentwässerung betreibt hochmoderne Technik
„Ich leite die vollbiologische neue Kläranlage von Ottendorf-Okrilla Kläranlage von Anfang an“, sagt der 57-jährige Fachmann. 1994 war sie in Betrieb gegangen. Sie wurde bis 2007 schrittweise so ausgebaut, dass sie letztlich hochmodernen Anforderungen entspricht und das Abwasser von 26.400 Einwohnern entsorgen kann. Angeschlossen sind die Ortsteile der Gemeinde, der neue Industrie- und Gewerbepark Ottendorf-Okrilla sowie die Dresdner Stadtteile Marsdorf, Weixdorf und Langebrück.
Die Stadtentwässerung Dresden hat nach einer europaweiten Ausschreibung bereits 2008 die Betriebsführung für den Abwasserverband (AV) Rödertal übernommen. Am 1. April 2022 folgte ein weiterer Schritt. Erstmals in Deutschland wurde eine Interkommunale Zusammenarbeit (IKZ) im Abwasserbereich zwischen der Stadtentwässerung und der Gemeinde und damit auch mit dem Verband vereinbart.
Heute werden rund 1,2 Millionen Kubikmeter Abwasser jährlich gereinigt, erklärt Kämpffe. Der Abwassermeister kümmert sich mit zwei Mitarbeitern um den Betrieb der Kläranlage und das 8,5 Kilometer lange Kanalnetz, das nach der Wende ausgebaut wird
Die Überraschung: Karpfen taucht im Nachklärbecken auf
„Vor etwa zehn Jahren tauchte der Schuppenkarpfen an der Zahnschwelle dieses Nachklärbeckens auf“, erzählt Kämpffe. Dabei handelt es sich um ein ringförmiges Ablaufbauwerk am Beckenrand. „Das sichert, dass das gereinigte Abwasser gleichmäßig am gesamten Ring ablaufen kann“, erläutert der Meister. Der Karpfen sei wie aus dem Nichts aufgetaucht. Kämpffe beriet sich mit Vertretern des Anglerverbandes, die vor Ort waren. „Sie haben mir gesagt, dass Wildenten, die mitunter in diesem Becken schwimmen, Fischlaich am Fuß gehabt haben können“, blickt Kämpffe zurück. Die große Frage war jedoch, ob der Karpfen hier im Becken bleibt. Doch er blieb. Und Schuppenkarpfen können laut Expertenangaben bei guten Lebensbedingungen Jahrzehnte alt werden. Im Nachklärbecken können sich Karpfen von Algen und anderen organischen Partikeln ernähren.
Aber nicht nur der Fisch schwimmt munter weiter am Ablaufring des Nachklärbeckens. So kann der Abwassermeister fotografieren, wie sich ein Eisvogel auf die Kante des Zahnschwellenrings setzt und der Karpfen schwimmt. „Das Foto habe ich als Indikator für unser sehr sauberes Abwasser spaßeshalber an unser Betriebslabor und unsere Geschäftsführung geschickt“, berichtet Kämpffe schmunzelnd. „Seitdem sehe ich den Karpfen immer wieder. Beim Vor-Ort-Termin schwimmt sogar ein jüngerer Karpfen an seiner Seite in dem zahnförmigen Ablaufring.
Die augenzwinkernde Namenstaufe: Karpfen heißt jetzt Laura
„Ich vermute, dass sich Karpfen in diesem sehr gut gereinigten Abwasser wohlfühlen“, sagt der Kläranlagenchef. Im Winterhalbjahr schwimmt er bei kälterem Wetter im Becken unten, wo es wärmer ist, und fühlt sich im abgesetzten Schlamm wohl. Bei wärmerem Wetter und stärkerer Sonneneinstrahlung ist der Karpfen meistens an der Zahnschwelle zu sehen.
Der große Fisch hat bereits den Namen Laura. Den hatte ihm Gunda Röstel gegeben. Die Geschäftsführerin der Stadtentwässerung war 2022 in Ottendorf-Okrilla, als die Kläranlage zur Ausbildungsstätte für Abwasserfachkräfte wurde. Kämpffes Tochter Laura absolvierte damals noch eine Lehre als Fachkraft für Abwassertechnik. „Dort hatte meine Tochter eine Führung geleitet“, erzählt er. Die fand Abwasserchefin Röstel gut. Als sie den Karpfen sah, habe sie ihm kurzum den Namen Laura gegeben. Namensgeberin Kämpffe hat sich mittlerweile im Job bewährt. Anfang dieses Jahres konnte sie bereits ihre Meisterausbildung abschließen.
Das bayerische Beispiel: Karpfen als Absicherung der Gewässer
Dass Karpfen im Süden Deutschlands direkt als Indikatoren für gereinigtes Abwasser eingesetzt werden, hat Kämpffe aus der Fachpresse erfahren. Das geschieht im Abwasserverband Isar-Loisachgruppe, der sich östlich des Starnberger Sees südlich des Landkreises München bis zur österreichischen Grenze erstreckt. Der Sitz und die Kläranlage sind in der Stadt Wolfratshausen.
Jedes Jahr werden dort einjährige Karpfen vom Landesamt für Umwelt (LfU) in den Akkumulationsteich gesetzt, hat der Verband erläutert. Die Fische leben dann etwa fünf bis sieben Monate lang in dem ständig mit geklärtem Abwasser durchfluteten Teich. Sie sind aber auch eine Absicherung für die Kläranlage. Kommt es beispielweise zu einem Fischsterben in Isar oder Loisach, kann die Ursache nur außerhalb der Kläranlage liegen – wenn die Karpfen wohlauf sind. Weiter werden die Filets der Karpfen vom LfU auf etwaige Schadstoffe, wie beispielsweise Schwermetalle, untersucht.
„Ich kenne diese Gegend sehr gut“, sagt der Abwassermeister. Jedes Jahr fährt er mit seiner Familie mit dem Wohnwagen in den Urlaub zur Tiroler Seite der Zugspitze. „Aus der Loisach kann man unterhalb der Quelle sogar trinken“, weiß er aus Erfahrung. Kämpffe ist froh, dass sich Karpfen nicht nur im Wolfratshausener Akkumulationsteich, sondern auch im Nachklärbecken von Ottendorf-Okrilla weiter wohlfühlen. Er hofft, dass das so bleibt.