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In Dresdens Großem Garten speichert eine neue Anlage CO₂ im Boden

Dreiteilige Collage: Oben erklären zwei Männer vor einer Maschine die Technik, unten links liegt eine Förderschnecke in Holzhackschnitzeln, unten rechts steht Harald Ley neben dem geöffneten Holzcontainer.
Technik der Pyrolyseanlage im Detail: Peter Illecker und Claudius Wecke am Brenner des Systems (oben), eine Schnecke fördert die getrockneten Hackschnitzel in den Kessel (unten l.), und Harald Ley präsentiert die autarke Containeranlage (unten r.). Fotos: CdH
Jedes Jahr fallen im Großen Garten tonnenweise Äste und gefällte Bäume an, bisher weitgehend ungenutzt. Eine neue Anlage macht daraus jetzt Pflanzenkohle, die den Boden verbessert und Kohlenstoff für Jahrhunderte bindet. Dresden ist damit bundesweit Vorreiter.

Dresden. Während im Großen Garten die Dahlien ein letztes Mal in kräftigem Rot, Gelb und Violett leuchten, entsteht nur ein paar Schritte weiter etwas, das die Blütenpracht der kommenden Jahrzehnte sichern soll. Seit dem 21. Oktober steht dort eine Anlage in Betrieb, mit der die Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen (SBG) bundesweit einen Anfang machen: Als erste Schlösserverwaltung Deutschlands verwandelt sie das eigene Restholz in Pflanzenkohle.

Was bei Baumpflege und Fällungen anfällt - allein in diesem Jahr dürften es bis zu 600 Bäume sein -, wird geschreddert, getrocknet und in einem thermochemischen Verfahren, der Pyrolyse, zu Kohle umgewandelt. Aus rund 80 Tonnen Biomasse entstehen so jährlich etwa 19 Tonnen Pflanzenkohle.

Ein geschlossener Kreislauf – und ein Gewinn fürs Klima

Für die Gärtner schließt sich damit ein Kreislauf, der lange offen war. Bislang sei das anfallende Restholz über externe Firmen entsorgt oder kompostiert worden, erklärte Claudius Wecke, Leiter des Bereichs Gärten der SBG. Dabei sei CO₂ frei geworden und der Anlage organische Substanz entzogen worden. Künftig bleibt das Material im Garten.

Collage: Links mischen Claudius Wecke und Christian Striefler Holzhackschnitzel mit schwarzer Pflanzenkohle an einem Tisch. Rechts stehen Peter Illecker und Claudius Wecke vor dem geöffneten Container der Pyrolyseanlage.
Wertvolles Schwarzes Gold aus Parkabfällen: Claudius Wecke (l.) und Christian Striefler demonstrieren die Mischung von Pflanzenkohle mit Kompost. Im Bild rechts erklären Peter Illecker und Claudius Wecke die Funktionsweise der neuen Pyrolyseanlage im Großen Garten. Fotos: CdH

Der Klima-Effekt ist der Kern der Sache: Während verrottendes oder verbranntes Holz seinen Kohlenstoff wieder als CO₂ freisetzt, bleibt er in der Pflanzenkohle gebunden - und zwar nicht für Jahre, sondern für Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Als Vorbild dient die „Terra preta”, die schon präkolumbische Kulturen im Amazonasgebiet zur Bodenverbesserung nutzten.

Eine Oberfläche so groß wie ein Fußballfeld

Was Pflanzenkohle so wertvoll macht, ist ihre Struktur. Unter dem Mikroskop zeigt sich ein Geflecht winziger Poren - eine einzige Handvoll bringt es auf die Oberfläche eines ganzen Fußballfelds. Darin speichert die Kohle Wasser und Nährstoffe und gibt sie nach und nach an die Pflanzen ab. Gerade bei immer selteneren, dafür heftigeren Regenfällen soll sie helfen, das Wasser im Boden zu halten.

Zweiteilige Collage: Links sind Holzhackschnitzel in der Pyrolyseanlage zu sehen. Rechts gestikuliert Claudius Wecke erklärend vor der Trocknungsanlage.
So wird das Holz vorbereitet: Blick in die Pyrolyseanlage (l.), während Gartenleiter Claudius Wecke vor der Trocknungsanlage für die Holzhackschnitzel erklärt, wie die Reststoffe aus 18 historischen Gärten für das thermochemische Verfahren getrocknet werden (r.). Fotos: CdH

Pur ausgebracht würde die Kohle dem Boden allerdings zunächst Wasser und Nährstoffe entziehen; deshalb wird sie erst rund einen Monat mit Komposterde „aufgeladen”, wie Wecke erläutert: „Dafür wird die Pflanzenkohle zuerst mit Komposterde gemischt.”

Warum die Anlage ein technisches Unikat ist

Die Anlage ist eine Sonderanfertigung des österreichischen Herstellers Illecker Systems, auf die mehrere Patente angemeldet sind. Der Grund: Im denkmalgeschützten Garten gab es weder Strom- noch Medienanschluss, und die Anlage soll später an einen anderen Standort umziehen können.

Sie läuft deshalb vollständig autark – den nötigen Strom erzeugt sie über einen Stirling-Motor aus der eigenen Abwärme, dazu kommen Solarmodule und Batteriespeicher. Eine solche netzunabhängige, versetzbare Anlage habe es am Markt bislang nicht gegeben, so Ley: „Das ist hier wirklich eine Erstanlage.”

Vom Holzschnitzel bis zum Erdbeerkern

Hersteller Peter Illecker, dessen Unternehmen auf solche Anlagen spezialisiert ist, verweist darauf, dass sich das Verfahren längst nicht auf Holz beschränkt. Pyrolysieren lasse sich fast jede trockene Biomasse – Reisschalen, Getreidespelzen, Nussschalen. Ein früherer Kunde verkohle sogar die winzigen Kerne der Erdbeere, die bei der Lebensmittelproduktion stören. Im Großen Garten aber bleibt es bewusst beim eigenen Restholz.

340.000 Euro und ein zäher Weg durch die Genehmigung

Rund 340.000 Euro hat das Projekt gekostet, zu 90 Prozent finanziert aus Bundesmitteln im Rahmen des Projekts „Klimawandel in historischen Gärten”. Bis die Anlage stehen konnte, war allerdings Ausdauer nötig. SBG-Geschäftsführer Christian Striefler deutete an, dass die Genehmigung im denkmalgeschützten Bereich kein Selbstläufer war - Sorgen vor Emissionen und Lärm hätten das Verfahren lange aufgehalten.

Gesamtansicht der zwei dunklen Container-Einheiten im Großen Garten Dresden: Links befindet sich die Pyrolyseanlage, rechts der Trocknungscontainer für Holzhackschnitzel.
Bundesweit einmaliges Pionierprojekt: Die mobile und autarke Pyrolyseanlage der SBG verwandelt jährlich 80 Tonnen Restholz aus den sächsischen Schlossparks in rund 19 Tonnen CO₂-speichernde Pflanzenkohle. Foto: dpa/Katharina Kausche

Erst eine Messung des TÜV Rheinland brachte Klarheit: Die Anlage stoße weit weniger CO₂ aus als ein Pkw, der Staubausstoß sei zu vernachlässigen. Im September 2025 wurde die Baugenehmigung erteilt.

Was die Fachleute den Hobbygärtnern mitgeben

Eine Botschaft legten die Fachleute den Lesern ausdrücklich ans Herz: Pflanzenkohle ist nicht mit Grillkohle zu verwechseln. Es handle sich nicht um einen Brennstoff, betonte Claudius Wecke - wer die Reste aus dem Grill an seine Pflanzen gebe, richte eher Schaden an. Der Grund dafür, so Harald Ley: Herkömmliche Grill- oder Steinkohle besitze nicht die poröse Struktur und die Reinheit der pyrolysierten Pflanzenkohle und damit auch nicht deren Fähigkeit, Wasser und Nährstoffe zu binden.

Ähnlich ungewöhnlich: Die fertige Pflanzenkohle ist so rein, dass man sie sogar essen könnte – ähnlich der bekannten Kohletablette aus der Apotheke.

Wie es weitergeht

Noch läuft die Anlage nur einen Teil des Jahres, rund 17 Wochen, weil nicht mehr parkeigenes Holz zur Verfügung steht; die 19 Tonnen decken in etwa den Eigenbedarf der 18 Gärten und 440 Hektar Gartendenkmale der SBG. Ein Teil des Verfahrens bleibt bislang ungenutzt: die Wärme, die bei der Pyrolyse entsteht. Das soll sich mit dem Umzug der Anlage ändern.

Künftig soll sie neben dem geplanten Neubau der Gartenmeisterei nahe dem Palais stehen – dann lässt sich die Abwärme zum Heizen der Betriebsgebäude verwenden. So fällt am Ende aus dem alten Holz des Gartens nicht nur Pflanzenkohle für die Böden ab, sondern auch Heizwärme für die Gärtner. Dann erst ist der Kreislauf vollständig geschlossen.