Dresden leuchtet: Der Spazierclub zieht heute durch die Altstadt
Im Sommer noch bei Tageslicht, heute mit Laterne: Teilnehmende des Dresdner Spazierclubs vor der Frauenkirche (Foto: Spazierclub Dresden, Konrad Höferth)
Von:
Juliane
Lichter an gegen Einsamkeit
Treffpunkt ist heute, Freitag, 2. Oktober, um 18:30 Uhr auf dem Theaterplatz. Mitgebracht werden darf alles, was leuchtet, von der Laterne über Lichterketten und Stirnlampen bis zum Knicklicht. Wer nichts Passendes zu Hause hat, kann trotzdem mitkommen. Vor Ort gibt es Laternen und anderes Lichtzubehör für einen kleinen Obolus.
Die drei schönsten Laternen des Abends werden prämiert, auf die Gewinnerinnen und Gewinner warten Preise vom Spazierclub. Zum Auftakt verteilt das Dresdner Café „Crazy Shake in Cake“ kostenlose Milchshakes, auch in veganer Variante. Unterwegs gibt es zudem einen Getränkestopp mit Wasser und Limonaden von Oppacher Mineralquellen. Außerdem verkauft der Club Pullover. Das Design stammt von der Illustratorin Alevara, über die Farbe hat die Community mitabgestimmt.
Willkommen ist ausdrücklich jede und jeder, ob groß oder klein, allein oder mit der ganzen Familie. Für Laternenkinder passt der Termin gut, weil am Samstag niemand früh in Schule oder Kita muss.
Willkommen ist ausdrücklich jede und jeder, ob groß oder klein, allein oder mit der ganzen Familie. Für Laternenkinder passt der Termin gut, weil am Samstag niemand früh in Schule oder Kita muss.

Spazieren ist das neue Ausgehen
Der Spazierclub Dresden ist kein Einzelfall. Deutschlandweit boomt das Format: Menschen gehen gemeinsam vor die Tür, um in großer Runde draußen unterwegs zu sein und neue Leute kennenzulernen. Wo der Trend seinen Anfang nahm, ist umstritten. Als wahrscheinlichster Ausgangspunkt gilt Berlin. Dort rief der Hip-Hop-Videoproduzent Allan Anders im Frühjahr 2026 per TikTok zum ersten „Spazierclub“ auf. Vorbild waren die Running Clubs - lockere Laufgruppen, die sich zum gemeinsamen Joggen treffen und danach oft noch auf einen Kaffee zusammensitzen. Anders war das Laufen allerdings zu anstrengend. Zur zweiten Ausgabe am Pfingstsonntag meldeten sich über WhatsApp rund 1.700 Menschen an, mehrere hundert gingen tatsächlich mit. Seitdem verbreitet sich die Idee über Leipzig und Dresden bis in die Schweiz.
Hinter dem Erfolg steckt ein ernstes Thema. Nach den jüngsten Zahlen ist gut jede neunte erwachsene Person in Deutschland stark von Einsamkeit belastet. Vor der Pandemie lag der Anteil noch deutlich niedriger. Am stärksten betroffen sind die 18- bis 29-Jährigen, also ausgerechnet die Generation, die als besonders vernetzt gilt.
Genau darin liegt der Reiz der Clubs. Sie verlangen weder Mitgliedschaft noch Hobby noch Sportlichkeit. Gesprächsstoff liefert die Strecke ganz nebenbei, und wer lieber schweigt, läuft einfach mit. Für viele ist das der Einstieg, um nach einem Umzug, einer Trennung oder zu vielen Abenden allein wieder Anschluss zu finden.
Von der Elbe zum Gurkiball-Weltrekord
Hinter dem Dresdner Ableger steht Konrad Höferth, ein 24-jähriger Video- und Fotograf. Die Idee brachte er aus Berlin und Leipzig mit, wo er die Organisatoren persönlich kennengelernt hatte. Als er sie auf Instagram vorstellte, war die Resonanz enorm: Noch bevor ein Termin feststand, meldeten sich Hunderte Interessierte, und die WhatsApp-Gruppe wuchs in kurzer Zeit auf mehrere hundert Mitglieder. Einen kommerziellen Hintergrund hat das Projekt nicht. Höferth möchte nach eigener Aussage selbst neue Leute kennenlernen und eine Alternative zur digitalen Welt schaffen.
Beim Auftakt am im Juli 2026 kamen rund 200 Menschen an der Frauenkirche zusammen. Zwei Stunden lang schlenderten sie mit Getränken in der Hand an der Elbe entlang. Mitte August führte die zweite Runde von der Gläsernen Manufaktur durch den Großen Garten. Diesmal waren rund 300 Teilnehmende dabei, es gab Zuckerwatte, kühle Getränke und Tanzangebote. Höhepunkt war ein Weltrekordversuch: Nach Angaben des Clubs spielten alle 300 gleichzeitig Gurkiball.

Anfang September startete die dritte Ausgabe am Heinz-Steyer-Stadion. Neben dem Spaziergang standen Padel und Volleyball am Ostra Beach sowie kostenfreie Kurse in Bachata, Hip-Hop und Salsa auf dem Programm. Für Verpflegung sorgten Hafer-Snacks und Açaí-Bowls für die ersten 80 Gäste, wie immer ohne Anmeldung und kostenlos. Der heutige Lichterlauf ist damit die vierte Ausgabe und zugleich der erste Termin am Abend.
Von König Johann bis August dem Starken
Die heutige Route beginnt bei einem sächsischen Herrscher und endet bei einem anderen. Vom König-Johann-Denkmal auf dem Theaterplatz geht es vorbei an der Semperoper zum Zwinger. Weiter führt der Weg über die Augustusstraße am Fürstenzug entlang zur Frauenkirche auf dem Neumarkt. Vom Elbufer aus überquert die Gruppe den Fluss in Richtung Neustadt. Ziel ist der Goldene Reiter am Neustädter Markt, wo August der Starke auf die leuchtende Gruppe wartet. Die gut drei Kilometer sind flach, barrierefrei und werden in gemütlichem Tempo zurückgelegt. Auch kleine Laternenträger schaffen das problemlos, und mit dem Kinderwagen ist die Strecke ebenfalls gut machbar. Die genaue Route gibt es hier.
Riesenrad statt Heimweg
Am Ziel muss der Abend noch nicht enden. Rund um den Goldenen Reiter beginnt heute das traditionelle Familienfest, das bis Sonntag dauert. Wer beim Lichterlauf mitgelaufen ist, bekommt vom Spazierclub ein Bändchen und erhält damit einen Euro Rabatt auf dem Fest.
Zu spät? Einfach nachkommen
Wer es um 18:30 Uhr nicht zum Theaterplatz schafft, verpasst trotzdem nichts. In der WhatsApp-Gruppe des Spazierclubs teilen die Organisatoren während des Laufs ihren Live-Standort. So lässt sich die leuchtende Truppe auch unterwegs noch einholen. Über die Gruppe und einen eigenen Ankündigungskanal verbreitet der Club außerdem alle künftigen Termine. Die Links stehen auf der Website des Spazierclubs Dresden.