Carolabrücke Dresden: Bau-Expertin kritisiert Stadtratsentscheidung scharf
Dresden/Stuttgart. Dafür, dass sie die Dresdner über die neue Carolabrücke mitentscheiden ließ, erntet die Stadt viel Lob. Ausgerechnet dieses Lob hält die Architekturpublizistin Ursula Baus für einen Irrtum. Der Stadtrat habe sich hinter der Stimmung der Bürger versteckt und das klare Urteil der Fachleute übergangen, schreibt sie in einem Beitrag für das Architekturmagazin marlowes, dessen Mitherausgeberin sie ist.
Fachjury und Begleitgremium hatten den Entwurf von Leonhardt, Andrä und Partner mit Knight Architects auf Platz eins gesetzt. Der Stadtrat entschied sich am 3. September dennoch für den Entwurf von FHECOR und TSSB, der im Online-Votum vorn gelegen hatte. Für Baus ist das kein Beleg für gelungene Beteiligung, sondern dafür, dass Fachwissen verdrängt wurde. Die Publizistin war Redakteurin der Fachzeitschrift „db – deutsche bauzeitung" und verteidigt in ihren Texten regelmäßig den Vorrang des Fachwissens gegenüber Bürgervoten.
Kritik am Bürgervotum carolaVOTE
Baus hält das Online-Votum carolaVOTE für keine belastbare Grundlage. Daran beteiligten sich rund 26.000 Menschen, etwa viereinhalb Prozent der gut 571.000 Einwohner Dresdens. Für den späteren Siegerentwurf stimmten damit weniger als zwei Prozent aller Dresdner. Von einer Mehrheit der Bürger zu sprechen, sei quantitativ wie qualitativ fragwürdig, argumentiert Baus.
Der Fehler liege im Verfahren selbst. Die Bürgerbeteiligung habe erst nach dem Wettbewerb begonnen, dessen Vorgaben da längst feststanden. Damit werde die Arbeit der Planungsbüros entwertet. Laien könnten den Unterschied zwischen Ersatzneubau und Planfeststellungsverfahren oder die Kostenangaben nicht beurteilen, das sei auch nicht ihre Aufgabe. Bürger müssten vor der Ausschreibung eingebunden werden, nicht danach.
Vorwurf: Politik schiebt Verantwortung ab
Den Kern ihrer Kritik richtet Baus an die Ratsmehrheit. Diese argumentiere aus parteipolitischem Kalkül und wolle die Verantwortung für eine fachliche Entscheidung nicht tragen, sondern auf die Bürger abwälzen. Werde die Brücke später teurer oder gar nicht fertig, könnten sich die Politiker darauf berufen, die Dresdner hätten so entschieden. Gewählte Vertreter seien aber dafür da, selbst zu entscheiden und für die Folgen einzustehen.