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Beim ersten Versuch kenterte sie sofort - heute hält Anja Souček Dresdens Kinder-Kanusport zusammen

Nahaufnahme einer lächelnden Frau mit hochgebundenen Haaren im dunklen Sportshirt, die eine kleine, pinke Quietscheente an einer elastischen Schnur vor sich in der Hand hält. Der Hintergrund ist hell und unscharf.
Mit Humor zum Erfolg: Anja Souček zeigt eine „Kenter-Ente“ - ein Trostpreis für jene, die das Ziel wegen Kenterns nicht erreichen. Ihr eigener Einstieg beim KCD begann vor Jahren ähnlich turbulent mit einer Wasserlandung. Foto: privat
Von: Cornelius de Haas
Als Anja Souček das erste Mal in ein Rennboot stieg, kenterte sie sofort. Acht Jahre später trägt die 50-jährige Dresdnerin einen großen Teil des Kinder-Kanusports im Kanu Club Dresden - dem Verein, der den dreifachen Olympiasieger Tom Liebscher-Lucz hervorgebracht hat.

Dresden. Der Anfang war eine Bauchlandung - oder besser: eine Wasserlandung. „Einsteigen und gleich kentern, so war das", erinnert sich Anja Souček an ihren ersten Versuch im Kanu. Eigentlich war sie nur als Begleitung dabei, hatte ihre Söhne um 2016 zum Kanu Club Dresden (KCD) gebracht und am Steg zugeschaut. Doch dann packte sie der Ehrgeiz. Ein, zwei Jahre dauerte es, bis sie sich endlich im Erwachsenenboot vom Steg fortbewegen konnte; irgendwann kaufte sie sich ein gebrauchtes Rennboot. Als der Vorstand fragte, ob sie nicht ab und zu auf die Kinder schauen könne, rutschte sie hinein - „weil ich eine Sache entweder richtig mache oder gar nicht".

Heute ist die 51-Jährige aus diesem „ab und zu" nicht mehr wegzudenken. Hauptberuflich ist sie Projektingenieurin in einem kleinen Geotechnik-Büro, untersucht Baugrund, oft für die Deutsche Bahn, und ist dafür schon mal bis Lübeck oder Augsburg unterwegs. Rund 30 Stunden arbeitet sie bezahlt - und das Kanu füllt die Woche bis zur 40-Stunden-Marke. Auf etwa zehn Stunden schätzt sie ihren ehrenamtlichen Aufwand. „Ich schreibe es mir nie auf. Ich mache es eben gern." Ein Vater, dessen Sohn bei ihr trainiert, ist überzeugt, dass diese zehn Stunden noch zu niedrig gegriffen sind: Offiziell daure ein Training zwar zwei Stunden, im Sommer ziehe es sich aber regelmäßig länger - „und dann kommen An- und Abfahrt sowie Vor- und Nachbereitung noch obendrauf".

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Kanusport in Dresden: Sechs Stunden Betreuung, dann Regatta bis Sonntagabend

Im Sommer wird dreimal pro Woche trainiert - allein das sind sechs Stunden reine Kinderbetreuung, dazu kommt die Organisation drumherum. Geht es zur Regatta, läuft die Betreuung von Freitagnachmittag bis Sonntagabend, praktisch rund um die Uhr. Hinzu kommt das Trainingslager im Sommer, das sie plant und begleitet und das in der Regel mindestens eine Woche dauert. Soucek trainiert die Jüngsten, beim KCD heißt das Liga C, und versucht darauf zu achten, sich die Kräfte einzuteilen, „damit noch etwas Zeit für mich übrig bleibt".

Zwei Kinder in einem rot-weißen Kajak paddeln auf einem breiten Fluss, gefolgt von einer Frau in einem schwarzen Boot. Im Hintergrund erstreckt sich ein grüner Hang mit historischen Häusern unter leicht bewölktem blauen Himmel.
Ehrenamt auf der Elbe: Trainerin Anja Souček begleitet die jüngsten Nachwuchstalente des Kanu Clubs Dresden (KCD) beim Training auf dem Wasser. Der Breitensport im Kinderbereich lebt fast vollständig vom freiwilligen Engagement. Foto: CdH

Was so eine Regatta wirklich bedeutet, sieht von außen kaum jemand. Wochen vorher kommt die Ausschreibung des veranstaltenden Vereins. Erst wenn Anja sie bearbeitet hat, wird der Termin in die vereinseigene App gestellt und sie weist die Eltern darauf hin, dass nun angemeldet werden kann. Nach Anmeldeschluss stellt sie die Boote zusammen: Wer fährt im Einer, wer passt mit wem in Zweier oder Vierer, immer streng nach Altersgruppen. Anschließend der Hängerplan - wie bekommt man alle Boote auf den Anhänger? - plus Paddel, Arztkoffer, Regatta-Telefon, Leibchen und Nummernkoffer mit den Startbahn-Kärtchen. „Es sind viele Sachen, an die man denken muss." 

Ehrenamt in Sachsen: Der Breitensport lebt davon

Der Kanu Club Dresden ist über die Stadt hinaus bekannt - als Heimatverein des dreifachen Olympiasiegers Tom Liebscher-Lucz, der im vergangenen Jahr  zu Sachsens Sportler des Jahres 2024 gewählt wurde. Doch der Trainingsalltag der Kleinsten, das Festhalten am Steg, das Gefühl fürs Boot, lebt von Ehrenamtlichen wie Souček. „Gerade der Sport im Breiten- und Kinderbereich lebt zu 99 Prozent vom Ehrenamt", sagt sie.

Die Zahlen stützen das: In Sachsen engagieren sich rund 35 Prozent der über 14-Jährigen freiwillig - ein Anteil, der zuletzt sogar leicht gestiegen ist, während er bundesweit zurückging. Der Freistaat versucht gegenzusteuern, etwa mit dem bundesweit einmaligen Programm „Wir für Sachsen", über das 33.000 Ehrenamtliche monatlich 40 Euro Aufwandspauschale erhalten.

Kinderschutz im Verein: Ein Posten, den sie erst erfinden musste

Bei der Betreuung allein blieb es nicht. Eine Kinderschutzbeauftragte gab es im Verein bis etwa 2022 nicht - Anja Souček trug das Thema von sich aus an den Vorstand heran, führte den Posten ein und hat ihn seither inne. Der Verein zahlte ihr einen Lehrgang beim Landessportbund; inzwischen steht ein Kinderschutzkonzept: Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses der Übungsleiter, regelmäßige Schulungen, ein verbindlicher Ehrenkodex, eine Verankerung in der Vereinssatzung samt Konsequenzen bei Verstößen. Inzwischen steht sie damit nicht mehr allein da: Ein weiterer Vater aus dem Verein, von Beruf Jurist, unterstützt sie beim Kinderschutz.

Eine Gruppe von Kindern in roten Shirts und gelben Schwimmwesten mit der Aufschrift KCD steht im Kreis am sandigen Ufer eines Sees. Vor ihnen steht eine Frau im ärmellosen Shirt im hellen Gegenlicht der Sonne.
Starkes Teamgefüge: Die Nachwuchspaddler des Kanu Clubs Dresden (KCD) versammeln sich um Trainerin Anja Souček. Das Ehrenamt im Verein schafft für die Jugendlichen einen geschützten Raum zum gemeinsamen Zusammenwachsen. Foto: privat

Ihr Antrieb ist ein persönlicher. In ihrer Zeit als Aikido-Lehrerin erlebte sie einen Fall, von dem sie mittelbar betroffen war und der sie bis heute prägt. „So etwas möchte ich nie wieder erleben." Dass kein Sport davor gefeit ist, beobachtet sie weiter, auch in Dresden - über das vom Stadtsportbund organisierte „Netzwerk für Kinderschutz im Sport" tauschen sich die Beauftragten vierteljährlich aus. Zu konkreten Fällen will sie nichts sagen.

Der Lohn: Kinder, die zusammen Verstecken spielen

Warum sie das alles tut? Anja Souček muss nicht lange überlegen. „Das ist mein Lohn", sagt sie - und meint die Momente, in denen Acht- bis Fünfzehnjährige bei einer Regatta gemeinsam Verstecken spielen, in denen die Großen den Kleinen Mut machen: „Vor denen brauchst du keine Angst zu haben, von denen habe ich auch welche geschlagen, das schaffst du auch." Einen geschützten Raum will sie bieten, in dem Kinder außerhalb des Elternhauses zusammenwachsen. Den sozialen Wert des Sports kennt sie aus eigener Kindheit, als sie noch zu DDR-Zeiten ruderte und später ihr Sportabitur machte.

Einen Wunsch hat sie trotzdem: mehr Würdigung. Die Ehrenamtskarte mit ihren Vergünstigungen sei ein kleiner Anfang, sagt sie, aber es brauche mehr Bewusstsein dafür, was Ehrenamtliche leisten. Fährt sie ins Trainingslager, stellt ihr Arbeitgeber sie nicht frei - sie nimmt dafür Urlaub. Ums Geld gehe es ihr dabei nicht, darum gehe es den wenigsten Übungsleitern - viel bleibt ohnehin nicht: Zehn Euro gibt es beim KCD pro Trainingseinheit, egal wie lange sie dauert. An einem Regatta-Wochenende können samstags und sonntags je zwei Einheiten aufgeschrieben werden, davon werden aber 20 Euro wieder fürs Essen abgezogen. So gehen die Übungsleiter nach so einem Wochenende im Schnitt mit 20 Euro Plus nach Hause. Was aber helfen würde: „Ein, zwei zusätzliche Urlaubstage, die man für solche Sachen einsetzen kann - das würde ich mir wünschen", sagt Anja Souček.

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Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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