35 Prozent mehr Wohnungslose: Warum CDU-MdB Markus Reichel in Dresden Alarm schlägt
Dresden. Zwei schlechte Monate reichen. Ein Wohnungsverlust, dazu eine Krankheit oder eine Trennung, und wer kein soziales Netz hat, steht auf der Straße. So beschrieben zwei Sozialarbeiter am Dienstag am Wiener Platz, wie Menschen in Dresden ihre Wohnung verlieren. Eingeladen hatte der Bundestagsabgeordnete Markus Reichel (CDU), der mit Stadtbezirksamtsleiter André Barth und Fachleuten des Suchtzentrums und der Heilsarmee über die wachsende Wohnungslosigkeit sprach.
Um rund 35 Prozent stieg die Zahl der in städtischen Einrichtungen untergebrachten Wohnungslosen zwischen 2022 und 2025, wie die Stadtverwaltung vergangene Woche mitteilte. Der Anstieg läuft dem sächsischen Trend entgegen, landesweit sinken die Zahlen. Als obdachlos, also ganz ohne feste Unterkunft, erfasste die Stadt zum 30. Juni 433 Menschen. Die tatsächliche Zahl liege höher, sagten beide Sozialarbeiter, weil viele Betroffene in keiner Statistik auftauchten.
Wer in Dresden was für obdachlose Menschen leistet
Alexander Beuschel arbeitet bei SAfE, der Straßensozialarbeit für Erwachsene. Das Projekt betreut vor allem Menschen mit einer Suchterkrankung in Altstadt, Neustadt, anteilig Friedrichstadt sowie in Gorbitz und Prohlis. Peter Henker gehört zur Heilsarmee, die sich um die Grundversorgung kümmert, von Essen über Kleidung bis zu Schlafsäcken. In ihrem Tagestreff gebe die Heilsarmee täglich 150 bis 175 Mahlzeiten aus, so Henker. Menschen ohne Krankenversicherung könnten in eine medizinische Sprechstunde kommen. Sie reiche für den Andrang nicht aus, jede Woche müssten Leute abgewiesen werden.
Das Hilfesystem sei gut aufgestellt für alle, die ein einzelnes Problem hätten, erklärte Beuschel. Damit meinte er Menschen mit nur einer Notlage. Wer allein die Wohnung verliere, gehe zum Sozialamt. Wer suchtkrank sei, finde eine Suchtberatung, bei einer psychischen Erkrankung helfe der sozialpsychiatrische Dienst. Schwierig werde es, sobald sich diese Lagen verbänden. Wohnungsverlust, Sucht und eine psychische Erkrankung zusammen seien für die spezialisierten Stellen oft zu komplex, solche Menschen fielen durch das Raster. In genau solche Mehrfachbelastungen gerieten die meisten, bevor sie auf der Straße landeten.
Bürokratie und volle Wohnheime in Dresden
Hinzu kämen bürokratische Hürden. Wer keine Papiere, keine Meldeadresse oder keine Kontoauszüge der vergangenen drei Monate vorlegen könne, warte oft wochenlang auf Geld, berichtete Beuschel. Er schilderte einen Fall aus dem eigenen Kollegenkreis. Ein Sozialpädagoge habe zeitgleich seinen Job und wegen Eigenbedarf seine Wohnung verloren, die Partnerin schwanger. 29 Wohnungen habe das Paar besichtigt, erst die 30. habe geklappt. Mit stabilem Umfeld und dem Wissen, wie die Wege liefen, sei das gelungen. Vielen anderen fehle beides.
Die Übergangswohnheime seien voll, das Sozialamt könne kaum jemanden unterbringen, sagte Henker. Auch die Verweildauer habe sich verlängert. Früher hätten Menschen dort ein bis zwei Jahre gelebt, inzwischen teils fünf Jahre und länger, mitunter bis zum Tod. Ältere mit Pflegebedarf fänden kaum einen Platz, weil sich die Finanzierung eines Heimplatzes nur schwer klären lasse.
Was die Helfer von der Bundespolitik erwarten
Als wirksamsten Ansatz nannten beide das Prinzip Housing First. Betroffene bekämen dabei zuerst eine eigene Wohnung, die Betreuung folge danach. Von Reichel und dem Bund wünsche er sich vor allem mehr bezahlbaren Wohnraum und eine verlässliche Finanzierung der Projekte, sagte Beuschel. Alle zwei Jahre bangten diese um ihr Geld. Er kritisierte zudem die Stimmung im Land. Auf Menschen in Armut werde herabgeschaut, manche würden auf der Straße sogar bespuckt. Daran könne auch die Bundespolitik mitarbeiten. Offen fragte er, wie weit die Regierung mit dem Aktionsplan sei, der Wohnungslosigkeit bis 2030 beenden wolle.
Henker wünschte sich planbare Bedingungen. Sein Team arbeite im Tandem, falle jemand aus, gerate die Arbeit sofort unter Druck. Wichtig sei, dass die verschiedenen Stellen besser zusammenarbeiteten, statt nebeneinanderher. Reichel griff das auf. Der Wohnungsbau sei Aufgabe des Bundes, mehr günstige Wohnungen könnten einen Teil der Fälle auffangen. Die Zusammenarbeit über die einzelnen Zuständigkeiten hinweg wolle er stärken, und den Großstädten mit ihren besonderen Problemen solle der Bund die Finanzierung erleichtern.