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2.200 Einsätze in Dresdens Neustadt: Doch jetzt droht den Kiezlichtern das Aus

Eva Jähnigen, André Barth, Polizist Jürgen Kunath in Uniform und Alessandro Finke auf einem roten Kiezlichter-Lastenrad mit geöffnetem Kasten (v.l.n.r.). Sie lächeln vor einem Gebäude in der Dresdner Neustadt in die Kamera.
Erfolgreiche Saison: Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen, Stadtbezirksamtsleiter André Barth, Polizeihauptkommissar Jürgen Kunath und Koordinator Alessandro Finke (v.l.) am Kiezlichter-Lastenrad. Rund 2.200 Gespräche wurden 2026 im Viertel geführt. Foto: CdH
14 Notarzt-Einsätze und Hunderte Schlichtungen: Wie das Konflikt-Team die Polizei entlastet und warum Bürgermeisterin Jähnigen für die Rettung kämpft.

Dresden. Mit einem Grillfest vor der Scheune endete am Freitag die reguläre Saison der Kiezlichter. Bis Ende November sind die Teams aber noch mit reduzierter Besetzung unterwegs: von Sonntag bis Donnerstag, jeweils zwischen 21 und 1 Uhr. Ob sie auch 2027 durch die Neustadt gehen, bleibt offen.

Für 2026 standen noch 180.000 Euro zur Verfügung. Damit das Angebot in der Neustadt weiterlaufen kann, wären im kommenden Jahr rund 170.000 Euro nötig. Im Haushaltsentwurf für 2027 und 2028 ist dieser Grundbetrag bislang jedoch nicht eingeplant. So ist schon der Fortbestand des bestehenden Projekts ungewiss, noch bevor über eine Ausweitung auf weitere Stadtteile entschieden werden kann.

Die Bilanz des sechsten Projektjahres fällt dabei umfangreich aus. Bis zum vergangenen Wochenende führten die Kiezlichter nach Angaben der Stadt rund 2.200 Gespräche mit Einzelpersonen und Gruppen - fast doppelt so viele wie 2025. 233 Kontakte betrafen Musikboxen, 64 öffentliches Urinieren und 200 Müll. In 53 Fällen unterstützte das Team Menschen konkret, zum Beispiel durch Begleitung oder Aufklärung. Außerdem alarmierten die Kiezlichter den Rettungsdienst 14-mal.

In erster Linie waren die Teams an bekannten Treffpunkten wie der Schiefen Ecke (auch Assi-Eck genannt), dem Martin-Luther-Platz und der Seifhennersdorfer Straße zu sehen. Nach Einschätzung der Stadt gingen an mehreren dieser Orte Beschwerden über Lärm und Verschmutzung zurück. Auch der Gemeindliche Vollzugsdienst (GVD) registrierte weniger Beschwerden beziehungsweise Verstöße am Rosengarten und unter der Albertbrücke. Am Martin-Luther-Platz nahmen die Lärmbeschwerden dagegen zu. Größere Gruppen junger Menschen im Alaunpark stellten das Team vor besondere Herausforderungen.

Gespräche statt zusätzlicher Einsätze

Die Kiezlichter sollen ansprechbar sein, Konflikte früh erkennen und Menschen in schwierigen Situationen unterstützen. Sie sind aber weder Polizei noch Ordnungsamt und können deren Aufgaben nicht übernehmen. Stattdessen setzen sie auf einen anderen Ansatz: Sie sprechen Menschen an und versuchen, Streit zu entschärfen, bevor daraus ein größerer Konflikt wird oder ein Einsatz nötig ist.

Projektkoordinator Alessandro Finke verweist auf mögliche gesellschaftliche Folgekosten, die sich durch diese Arbeit vermeiden lassen. „Man habe „eine Menge an gesellschaftlichen Folgekosten gespart“, sagt er. Eine belastbare Kosten-Nutzen-Rechnung gibt es dafür allerdings nicht. Gleichzeitig argumentiert auch die SPD-Fraktion im Stadtrat, dass frühzeitige Gespräche teurere Einsätze von Polizei und Ordnungsamt verhindern könnten.

Polizei sieht positive Entwicklung

Auch die Polizei zieht eine positive Bilanz der Freiluftsaison. Die gute Entwicklung habe sich fortgesetzt, sagte ein Vertreter der Polizei beim Saisonabschluss. Es sei gelungen, viele Probleme für Anwohner und Menschen zu entschärfen, die in der Neustadt feiern oder sich dort treffen. Dazu habe auch die Zusammenarbeit mit den Kiezlichtern beigetragen. Polizei und Gemeindlicher Vollzugsdienst würden ihre Kontrollen an den bekannten Schwerpunkten fortsetzen und mit den anderen Akteuren vor Ort zusammenarbeiten.

Jürgen Kunath vom Polizeirevier Dresden-Nord verweist zudem auf den Rückgang der Raubstraftaten gegenüber 2025. Dieser sei vor allem auf intensivierte täterorientierte Maßnahmen und eine an die jeweilige Lage angepasste Polizeipräsenz zurückzuführen. An 17 Tagen unterstützten Kräfte der Bereitschaftspolizei die Einsätze. Kunath kündigt an: „Wir werden die Entwicklung weiterhin aufmerksam beobachten, unsere Maßnahmen fortlaufend bewerten und dort nachsteuern, wo es erforderlich ist. Unser Ziel bleibt eine lebendige Äußere Neustadt, in der sich Anwohner, Gewerbetreibende und Gäste sicher bewegen können“.

Die Polizei macht die Zusammenarbeit mit den Kiezlichtern damit auch für die Entschärfung von Problemen im Viertel mitverantwortlich. Den Rückgang der Raubstraftaten führt Kunath dagegen vor allem auf polizeiliche Ermittlungen und Einsatzmaßnahmen zurück.

Kiezlichter-Koordinator Alessandro Finke (links) steht gemeinsam mit zwei weiteren Teammitgliedern in roter Projektkleidung auf einem gepflasterten Platz im Freien. Im Hintergrund ist ein Veranstaltungsplakat in der Dresdner Neustadt zu sehen.
Prävention im Viertel: Koordinator Alessandro Finke (l.) zog mit Mitgliedern seines Kiezlichter-Teams eine positive Bilanz für 2026. Mit rund 2.200 Gesprächen verdoppelten die Streitschlichter ihre Kontakte zu Feiernden und Anwohnern im Kiez. Foto: CdH

Prävention kann die Arbeit von Polizei und Ordnungsamt ergänzen, ersetzt aber keine städtischen Aufgaben. Die Stadt bleibt dafür zuständig, öffentliche Plätze zu gestalten und instand zu halten, Müll zu beseitigen und sanitäre Angebote bereitzustellen. Die Kiezlichter können auf Probleme aufmerksam machen und Konflikte vor Ort entschärfen. Fehlen Toiletten oder ist die Aufenthaltsqualität unzureichend, können sie das nicht ausgleichen.

SPD und Grüne wollen Kiezlichter auch am Postplatz

Am Postplatz gibt es Beschwerden über Lärm, Müll, Pöbeleien und Konflikte zwischen unterschiedlichen Gruppen. Die Grünen wollen deshalb ab dem 1. März 2027 auch dort Kiezlichter einsetzen. Voraussetzung ist, dass das Projekt in der Neustadt fortgeführt wird. Für den zusätzlichen Standort veranschlagt die Fraktion jährlich 30.000 Euro. Außerdem fordert sie einen Bericht über Verbesserungen im öffentlichen Raum bis Ende März 2027 und eine öffentliche Toilette bis Ende August.

Auch die SPD setzt sich für den Erhalt der Kiezlichter ein und spricht sich für eine Ausweitung auf die Altstadt aus. Zusätzlich schlägt sie einen Altstadtkümmerer nach dem Vorbild der Neustadt vor. „Die Kiezlichter sind aus der Neustadt nicht mehr wegzudenken. Sie verhindern Konflikte, helfen Menschen in Not und sorgen dafür, dass unser Viertel lebenswert bleibt und sich das Sicherheitsgefühl erhöht“, sagt SPD-Stadträtin Julia Hartl.

Sophie Koch verweist auf den Schutz vor sexualisierter Gewalt: „115 registrierte Sexualdelikte in einem Jahr wie in 2025 zeigen, dass wir beim Schutz vor sexualisierter Gewalt nicht nachlassen dürfen. Gerade im Nachtleben sind beispielsweise auch K.-o.-Tropfen eine reale Gefahr. Die Kiezlichter sind ansprechbar, helfen Betroffenen und bieten Schutz. Diese Awareness-Arbeit ist wichtig, damit sich gerade Frauen und junge Menschen sicher durch die Neustadt bewegen können.” Die Zahl stammt aus der Stellungnahme der SPD.

Auch die CDU unterstützt eine Fortsetzung. „Der Forderung nach dem Erhalt der Kiezlichter schließen wir uns klar an“, sagt der Neustädter Stadtrat Johannes Schwenk. Die jährlich benötigten 170.000 Euro müssten im städtischen Haushalt gelöst werden. Die Teams hätten sich bewährt und könnten Konflikte häufig auffangen, bevor die Polizei gebraucht werde. Eine Ausweitung auf den Postplatz will die CDU ebenfalls prüfen.

Ob die Stadt die 170.000 Euro für die Neustadt bereitstellt, ist bislang offen. Erst wenn der Fortbestand des bisherigen Angebots gesichert ist, könnte über die zusätzlichen 30.000 Euro für den Postplatz entschieden werden. Die politische Unterstützung für die Kiezlichter ist damit breiter als die bisherige finanzielle Absicherung.