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Winziger, blinder Fisch in Brunnen entdeckt

Kein Schädeldach, keine funktionierenden Augen: Der winzige Fisch Gitchak nakana hat sich perfekt ans Leben im Dunkeln angepasst. Entdeckt wurde er zufällig in einem Brunnen in Nordostindien.
Nur 20 Millimeter lang und fast durchsichtig: Gitchak nakana lebt tief unter der Erde in wasserführenden Gesteinsschichten. Dresdner Forscher haben die neue Art jetzt erstmals wissenschaftlich beschrieben. © Senckenberg/Britz
Von: Wissensland
Ein winziger Fisch ohne Augen und ohne Schädeldach, entdeckt in einem Brunnen in Nordostindien: Forschende der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden haben eine neue Art beschrieben, die tief unter der Erde lebt. Der Fund öffnet ein Fenster in eine Welt, die Wissenschaftler kaum erreichen können.

In Nordostindien trägt eine Doktorandin Wasser aus einem selbst gegrabenen Brunnen. Als sie den Eimer herauszieht, schwimmt darin ein winziger, blasser Fisch. Nur 20 Millimeter lang, durchsichtig, mit stark verkümmerten Augen. Und wie sich später zeigt: ohne knöchernes Schädeldach. Ein Lebewesen, das die Wissenschaft noch nicht kannte.

Dr. Ralf Britz von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden war 2024 auf Forschungsreise in der Region, als ihm der Fisch gezeigt wurde. "Ich war mir direkt sicher, dass es sich hier um einen ganz besonderen Fund handelt", sagt er. Gemeinsam mit seiner Dresdner Kollegin Dr. Amanda Pinion und der indischen Forscherin Velentina Kangjam hat er den Fisch nun wissenschaftlich beschrieben. Die neue Art heißt Gitchak nakana und gehört zu den Schmerlen, einer Gruppe kleiner Süßwasserfische.

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Wo kaum ein Licht hinfällt

Die neue Art lebt in einem Grundwasserleiter, also in einer wasserführenden Gesteinsschicht tief unter der Erde. Diese Lebensräume sind für Forschende kaum erreichbar. Brunnen sind oft die einzige Verbindung dorthin. "Von den weltweit über 37.000 bekannten Fischarten haben nur etwa ein Prozent den unterirdischen Lebensraum erobert", erklärt Britz. "Von diesen wiederum leben weniger als zehn Prozent in Grundwasserleitern. Diese Fische werden extrem selten entdeckt – wenn, geschieht dies meist zufällig."

Gitchak nakana zeigt typische Merkmale eines Lebens im Dunkeln. Er besitzt stark verkümmerte Augen, eine blasse, fast transparente Haut und besonders ausgeprägte andere Sinnesleistungen. Doch ein Detail überrascht selbst Experten. Das Tier besitzt kein knöchernes Schädeldach. Das Gehirn wird nach oben nur durch Haut geschützt. "Ein bislang einzigartiges Merkmal unter den bekannten Schmerlen", sagt der Dresdner Experte. Mit Micro-CT-Aufnahmen, einer hochauflösenden Röntgentechnik, konnte das Team das Skelett des Fischs genau untersuchen.

Ein Meilenstein für die Forschung

"Die winzige, blinde Schmerle ist so einzigartig, dass sie nicht nur eine neue Art, sondern sogar eine neue Gattung repräsentiert", ergänzt Britz. Indien liegt weltweit auf Platz vier bei der Vielfalt unterirdischer Fischarten. Bislang kannte man solche Tiere vor allem aus dem Nordosten und dem Südwesten des Landes. Gitchak nakana ist nun der erste bekannte Grundwasserfisch aus der Region Assam.

Die Entdeckung deutet darauf hin, dass in den Grundwasserleitern dieser Region möglicherweise noch viele weitere unbekannte Arten leben. "Die Entdeckung liefert den Hinweis, dass diese Region über eine hoch spezialisierte unterirdische Fauna verfügt, die es nun zu erforschen gilt."

Originalpublikation:
Publikation: Britz, R., Marak, W.K., Velentina, K. et al. A miniature, subterranean, blind cobitid loach, Gitchak nakana, new genus and species, is the first groundwater-dwelling fish from Northeast India. Sci Rep 16, 7746 (2026).


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