Ein Getränk, das entspannt, die Sinne verändert und den Körper beruhigt – und trotzdem in großen Runden getrunken wird, um Streit zu schlichten oder Götter anzurufen. Kava, gewonnen aus der Wurzel der Pflanze Piper methysticum, ist im Pazifik seit Jahrhunderten mehr als nur ein rituelles Getränk. Es ist Ritual, Politik und Gemeinschaft in einem Becher. Und es stand im Mittelpunkt einer Studie des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.
Die Frage dahinter ist grundlegend: Haben bewusstseinsverändernde Substanzen, also Mittel, die den Geisteszustand beeinflussen, den Menschen dabei geholfen, große, organisierte Gesellschaften aufzubauen? Diese Idee nennt sich „Drunk Hypothesis“. Sie besagt, dass Rausch soziale Bindungen stärkt, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit erhöht und so den Aufstieg komplexer Gemeinschaften begünstigt.
Die Daten sprechen eine andere Sprache
Das Forschungsteam analysierte Daten aus 83 Gesellschaften, deren Sprachen zur austronesischen Sprachfamilie gehören. Sie verglichen, wo Kava getrunken wurde, mit dem jeweiligen Grad an politischer Zentralisierung und sozialer Schichtung, also damit, wie stark Macht und Status in einer Gesellschaft organisiert waren. Mithilfe eines Stammbaums verwandter Sprachen simulierten die Forschenden, wie sich Kava-Konsum und gesellschaftliche Strukturen im Laufe der Zeit gemeinsam entwickelt haben könnten. Die Modelle fanden jedoch keine Hinweise darauf, dass Kava-Trinken und gesellschaftliche Komplexität gemeinsam entstanden oder sich gegenseitig verstärkt haben. "Folglich war das Kava-Trinken kein wesentlicher Faktor für den Anstieg kultureller Komplexität in Ozeanien“, sagt Russell Gray, leitender Autor der Studie.
Die Studie gehört zu einem Forschungsfeld, das kulturelle Entwicklungen mit Methoden untersucht, die ursprünglich aus der Evolutionsbiologie stammen. Forschende vergleichen dabei Gesellschaften anhand sprachlicher Verwandtschaften, historischer Daten und kultureller Merkmale. Ziel ist es, besser zu verstehen, wie sich soziale Strukturen, Rituale oder politische Systeme über lange Zeiträume entwickelt haben und welche Faktoren dabei tatsächlich eine Rolle gespielt haben könnten.
Die Ergebnisse der Leipziger Studie deuten darauf hin, dass bewusstseinsverändernde Substanzen nicht automatisch zur Entstehung komplexer Gesellschaften beitragen. Offenbar spielte Kava trotz seiner wichtigen kulturellen Rolle keine entscheidende Rolle beim Aufbau politischer Hierarchien in Ozeanien.