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Kava-Studie aus Leipzig: Kann Rausch Gesellschaften formen?

Ein Schluck Gemeinschaft: Kava aus der Kokosnussschale ist im Pazifik seit Jahrhunderten mehr als ein Getränk – es ist Ritual und Zeichen von Respekt.
Kava wird traditionell aus Kokosnussbechern getrunken – das Getränk aus der Wurzel der Pflanze Piper methysticum gehört in vielen pazifischen Kulturen zum sozialen Leben dazu. © Tihomir Rangelov
Von: Wissensland
Ein berühmtes pazifisches Getränk, strenge Zeremonien und eine große Frage: Hat Rausch geholfen, menschliche Gesellschaften zu formen? Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben das untersucht – und kamen zu einem überraschenden Ergebnis.

Ein Getränk, das entspannt, die Sinne verändert und den Körper beruhigt – und trotzdem in großen Runden getrunken wird, um Streit zu schlichten oder Götter anzurufen. Kava, gewonnen aus der Wurzel der Pflanze Piper methysticum, ist im Pazifik seit Jahrhunderten mehr als nur ein rituelles Getränk. Es ist Ritual, Politik und Gemeinschaft in einem Becher. Und es stand im Mittelpunkt einer Studie des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Die Frage dahinter ist grundlegend: Haben bewusstseinsverändernde Substanzen, also Mittel, die den Geisteszustand beeinflussen, den Menschen dabei geholfen, große, organisierte Gesellschaften aufzubauen? Diese Idee nennt sich „Drunk Hypothesis“. Sie besagt, dass Rausch soziale Bindungen stärkt, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit erhöht und so den Aufstieg komplexer Gemeinschaften begünstigt.

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Wo kein Alkohol war, gab es Kava

Bislang drehte sich diese Theorie vor allem um Alkohol. Doch in Ozeanien, den Inselregionen des Pazifiks, war Alkohol vor der europäischen Kolonisierung weitgehend unbekannt. Stattdessen tranken viele Gesellschaften dort Kava. "Nachdem wir kürzlich zeigen konnten, dass Alkoholkonsum tatsächlich einen positiven Effekt auf die Zunahme politischer Komplexität im globalen Maßstab haben könnte, war es ein logischer Schritt, auch andere bewusstseinsverändernde Substanzen zu untersuchen",  sagt Václav Hrnčíř vom Max-Planck-Institut in Leipzig, der die Studie leitete. §Die Region Ozeanien ist dafür ein guter Modellfall, weil Alkohol dort bis zum europäischen Kontakt unbekannt war."

Kava spielt in vielen ozeanischen Kulturen eine bedeutende Rolle. In Fidschi etwa wird es getrunken, um mit Ahnengeistern zu kommunizieren, Gäste zu begrüßen oder Konflikte zu lösen. Strenge Regeln legen fest, wer wo sitzt und wer als Erstes trinken darf, abhängig vom sozialen Rang. Wer an den Zeremonien teilnimmt und viel Kava konsumiert, kann dadurch Ansehen innerhalb der Gemeinschaft gewinnen.

Die Daten sprechen eine andere Sprache

Das Forschungsteam analysierte Daten aus 83 Gesellschaften, deren Sprachen zur austronesischen Sprachfamilie gehören. Sie verglichen, wo Kava getrunken wurde, mit dem jeweiligen Grad an politischer Zentralisierung und sozialer Schichtung, also damit, wie stark Macht und Status in einer Gesellschaft organisiert waren. Mithilfe eines Stammbaums verwandter Sprachen simulierten die Forschenden, wie sich Kava-Konsum und gesellschaftliche Strukturen im Laufe der Zeit gemeinsam entwickelt haben könnten. Die Modelle fanden jedoch keine Hinweise darauf, dass Kava-Trinken und gesellschaftliche Komplexität gemeinsam entstanden oder sich gegenseitig verstärkt haben. "Folglich war das Kava-Trinken kein wesentlicher Faktor für den Anstieg kultureller Komplexität in Ozeanien“, sagt Russell Gray, leitender Autor der Studie.

Die Studie gehört zu einem Forschungsfeld, das kulturelle Entwicklungen mit Methoden untersucht, die ursprünglich aus der Evolutionsbiologie stammen. Forschende vergleichen dabei Gesellschaften anhand sprachlicher Verwandtschaften, historischer Daten und kultureller Merkmale. Ziel ist es, besser zu verstehen, wie sich soziale Strukturen, Rituale oder politische Systeme über lange Zeiträume entwickelt haben und welche Faktoren dabei tatsächlich eine Rolle gespielt haben könnten.

Die Ergebnisse der Leipziger Studie deuten darauf hin, dass bewusstseinsverändernde Substanzen nicht automatisch zur Entstehung komplexer Gesellschaften beitragen. Offenbar spielte Kava trotz seiner wichtigen kulturellen Rolle keine entscheidende Rolle beim Aufbau politischer Hierarchien in Ozeanien.

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