Bundesverdienstorden für Angelina Burdyk aus der Oberlausitz
Angelina, was bedeutet die Verleihung des Verdienstordens für dich?
Es war tatsächlich eine riesengroße Überraschung. Man wird gesehen. Das Land sagt auf einmal Danke. Als ich mit meinen Eltern und Großeltern nach Deutschland kam, hatte ich noch nichts für das Land gemacht. Ich war noch jung. Aber uns wurde alles gegeben; das hat mich schon immer berührt. Und heute bin ich nur einer von vielen, die im Ehrenamt sind. Natürlich, die Adventgemeinde, zu der ich gehöre, war ein großes Glück, ich habe hier gleich eine Familie bekommen.
Du hast 2015 in Bischofswerda den Verein Mosaika e.V. mit gegründet. Wie habt ihr euch dort engagiert?
Der Verein ist von Aussiedlern gegründet worden und ist offen für alle. Unsere ersten Projekte haben sich an Flüchtlinge gerichtet. Wir haben einfach angefangen zu arbeiten, es ist explodiert. Syrer, Afghanen, Libanesen. Das war meine erste Erfahrung. Die Leute bekommen mit dem Engagement plötzlich eine Identität.
Wie hast du diese Zeit erlebt?
Im Jahr 2015 wurde eine Erstaufnahme in der Stadt eingerichtet. Unangekündigt. Es gab eine Art Aufruhr. Aber viele halfen auch mit. Die Arbeiterwohlfahrt hat uns gefragt, wie sie uns unterstützen kann. Wir haben im Einkaufzenstrum einen großen Raum bekommen. Alles war neu. Ein Deutschlehrer aus dem Gymnasium hat sich bereit erklärt, Sprachkurse zu geben. Dann kamen kreative Angebote für Kinder dazu: Basteln, Malen, Tanzen, Modellieren.
Sieben Jahre später hast du die Leitung des Mosaika e.V. abgegeben und den Verein „Neue Nachbarn“ gegründet. Was war die Idee dahinter?
Eigentlich wollte ich eine Pause machen. Wieder in der Familie sein. Aber Anfang 2022, nach dem Beginn des Krieges, kamen die Ukrainer. Da war der Name schon in mir: Neue Nachbarn. Die Migranten sollten ihre Kompetenzen mit den Einheimischen teilen. Dafür haben wir 2023 als Projekt ein Selbsthilfezentrum gegründet, unter dem Dach des Vereins.
Hat das geklappt mit dem Teilen der Kompetenzen?
So richtig Kompetenzen teilen, das passiert erst jetzt. Wir haben eine Musiklehrerin aus Kiew, sie erteilt hier Klavierunterrricht. Eine Näherin macht eine Änderungsschneiderei. Natürlich kommen viele Ukrainer in die Schneiderei. Aber auch Deutsche. Sie kommen und fragen: Wo ist diese Änderungsschneiderei? Wir machen Kunstprojekte, und sind auf den Festen in der Oberlausitz vertreten.
Was bewegt die Geflüchteten aus der Ukraine zurzeit am meisten?
Sie suchen eine Verwendung für sich, eine Gesellschaft, Verdienstmöglichkeiten. Ein junger Mann, er ist 22 oder 23 Jahre alt, kam. Zu Hause in der Ukraine hatte er Haushaltsgeräte repariert. Und er fragte: Wo kann man hier kaputte Geräte reparieren? Und wir sagen: Lass uns das im Rahmen des Vereins anbieten. Wir haben auch so etwas wie einen Hausmeisterdienst, für alleinstehende Frauen aus der Ukraine.
Das heißt, die Menschen wollen sich hier, in Deutschland, einbringen. Ist der Krieg für sie sehr fern – oder doch doch ganz nah?
Viele wollen über den Krieg reden. Aber es ist schwierig, weil es ist nicht so klar und eindeutig ist. Natürlich hat Russland angegriffen. Aber es gibt auch Ungerechtigkeiten auf der ukrainischen Seite. Korruption ist ein großes Thema. Ein junger Mann kam mit seiner Frau zu uns. Er war beim Militär als Drohnenführer. Aber er hat damit aufgehört. Er hat sich gefragt: Für wen kämpfe ich eigentlich?
Angelina, wie geht es für dich persönlich weiter?
Ich habe Verantwortung für ein Bistro. Wir haben es 2024 gegründet. Dort sind Leute, Beschäftigte, die brauchen ihren Lohn. Wir bieten ostgeuropäische Küche an. Manchmal denke ich, wir kochen das gleiche wie die Deutschen. Aber dann kommen die Deutschen und kosten und sagen: Oh, das schmeckt ganz anders! Zum Beispiel Schakschuka, das sind pochierte Eier in Tomatensoße. Wir kochen viel vegetarisch und vegan. Eigentlich sind die Vegetarier aus der Umgebung alle bei uns (lacht). Und viele, auch ältere Menschen freuen sich, dass wir kein Schweinefleisch anbieten.
Was gibt dir Kraft für dein Engagement?
Als Christin spüre ich eine Grundsicherheit. So ein Gefühl: Wir schaffen das, am Ende wird alles gut. Das ist von Gott. Oft muss ich nicht viel machen. Ich muss nur stillstehen und gucken: Was ist zu tun? Meine Familie gibt mir auch viel Kraft, auch mein Mann Viktor. Vor meiner Abreise aus Kasachstan hat mir Gott einen Bibelvers gezeigt: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe weggeführt, und betet für sie zu dem HERRN, denn wenn´s ihr wohlgeht, so geht´s auch euch wohl.“ (Jeremia 27:7). Seitdem begleitet mich dieser Satz.
Transparenzhinweis: Der Interviewer und die Interviewte gehören zur Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, Gemeinde Dresden-Adventhaus. Deshalb haben sie das Gespräch in der Du-Form geführt.