Jedes Jahr landen Millionen Tonnen Plastik im Meer. Wir kennen die Bilder von toten Vögeln und in Plastikmüll verstrickten Schildkröten. Doch was passiert mit den winzigen Partikeln, die wir nicht sehen? Forschende aus Leipzig und Kiel haben wichtige neue Einblicke gewonnen. Die sind so überraschend wie beunruhigend.
Billionen von Plastikteilchen treiben in den Weltmeeren. Viele sammeln sich in riesigen Meereswirbeln, sogenannten Garbage Patches. Dort hat sich etwas Unerwartetes entwickelt: ein eigenes Ökosystem. Wissenschaftler nennen es Plastisphäre. Bakterien, Pilze, Algen und Viren leben dicht gedrängt auf winzigen Plastikflächen.
Kein Grund zur Entwarnung
Ist das also eine Erfolgsgeschichte der Natur? "Das ist für die Ozeane kein gutes Zeichen, weil nur ihr ursprünglicher Zustand als gesund gilt – und jede Abweichung davon als Verschlechterung", sagt Lips. Die Mikroben können auf dem Plastik sogar vergleichsweise viel Biomasse bilden und so nährstoffreiche Mini-Lebensräume im sonst nährstoffarmen Ozean schaffen. Das Plastik schafft neue Lebensräume, aber es verschwindet dadurch nicht.
Die Studie reiht sich in eine wachsende Zahl internationaler Forschungsarbeiten zur Plastisphäre ein. Während Wissenschaftler lange vor allem untersucht haben, welche Mikroorganismen auf Plastik leben, rückt nun stärker in den Fokus, wie diese Lebensgemeinschaften funktionieren. Die neuen Ergebnisse zeigen, dass die Mikroben auf Plastik nicht zufällig dort vorkommen, sondern gezielt an diesen Lebensraum angepasst sind. "Da die Mikroben Plastik vor allem als Lebensraum nutzen, ist nicht zu erwarten, dass sie es beseitigen", ergänzt GEOMAR-Mikrobiologe Dr. Erik Borchert. Die Studie, erschienen in Environmental Pollution, macht klar: Nur weniger Plastik kann das Problem lösen.
Originalpublikation:
Stefan Lips, Mechthild Schmitt-Jansen, Erik Borchert: Metagenomic analyses of the plastisphere reveals a common functional potential across oceans. Environmental Pollution, 395, 127830 (2026).