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Busse streichen, um Babys zu retten? Sachsens bizarrer ÖPNV-Kompromiss

Eine gelbe Straßenbahn der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) auf der Linie 4 Richtung Radebeul West fährt bei blauem Himmel über eine Brücke in Dresden, im Hintergrund ist die Dreikönigskirche zu sehen.
Drohender Kahlschlag im Nahverkehr: Während in Dresden bereits seit April 2025 erste Kürzungen im Fahrplan gelten, warnt der Fahrgastverband PRO BAHN vor einer weiteren sachsenweiten Ausdünnung des Netzes. Symbolfoto: pixabay/eagle77
Von: Cornelius de Haas
Ein Landkreis opfert den Busverkehr für eine Geburtsklinik, Chemnitz kürzt die Nachtlinien und Dresden droht die nächste drastische Sparwelle. Der Fahrgastverband ProBahn schlägt Alarm: Dem sächsischen Nahverkehr droht ein beispielloser struktureller Kahlschlag.

Dresden. Zwei Städte, ein Landkreis - und überall dasselbe Ergebnis: Der öffentliche Nahverkehr wird gekürzt. In Chemnitz hat der Stadtrat gerade beschlossen, den Takt auszudünnen und das Nachtnetz früher enden zu lassen. Im Landkreis Bautzen rettet das ÖPNV-Budget die Geburtshilfe - auf Kosten der Fahrgäste an Wochenenden und in den Ferien. Und in Dresden laufen die Sparmaßnahmen bereits, während die nächste Runde wegen der städtischen Haushaltskrise schon in Sichtweite ist. Der Fahrgastverband PRO BAHN Mitteldeutschland warnt in einer aktuellen Stellungnahme vor einem strukturellen Kahlschlag im sächsischen ÖPNV.

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Landkreis Bautzen: ÖPNV finanziert Geburtsklinik

Am Sonntag, dem 31. Mai 2026, beschloss der Kreistag Bautzen in einer Sondersitzung, der St. Johannes Krankenhaus GmbH in Kamenz einen Betriebskostenzuschuss von bis zu 500.000 Euro zu gewähren - um die für denselben Tag angekündigte Schließung der Geburtshilfe abzuwenden. Die Unterstützung gilt längstens bis Ende 2026. Gegenfinanziert werden soll sie durch Kürzungen im Wochenend- und Ferienverkehr des Landkreis-ÖPNV ab dem 1. Juli - nach Angaben des Fahrgastverbands insgesamt etwa ein Viertel des betroffenen Angebots.

Der Freistaat hatte sich zuvor geweigert einzugreifen: Aus dem Sozialministerium hieß es, die Versorgungssicherheit im Landkreis sei auch ohne Kamenz als gesichert anzusehen, eine Anordnung zum Erhalt der Klinik sei daher nicht möglich. Der Kreistag zog daraufhin selbst die Notbremse - und schoss dabei quer durch zwei Bereiche der kommunalen Daseinsvorsorge.

„Gesundheitsversorgung und Mobilität dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden - beides ist gleichwertig notwendig für lebenswerte Regionen", erklärte Moritz Filter, Ostsachsen-Sprecher des Fahrgastverbands PRO BAHN, zur Entscheidung des Kreistages. Gerade im ländlichen Raum sei verlässlicher Nahverkehr entscheidend für Arbeitswege und die Erreichbarkeit von Versorgungseinrichtungen.

Chemnitz: Nachtbus endet früher, Linie 73 fällt weg

In der Stadt Chemnitz hat der Stadtrat kurz zuvor ein Sparpaket für die Chemnitzer Verkehrs-AG (CVAG) beschlossen, das zum Fahrplanwechsel im Dezember 2026 in Kraft tritt. Die Maßnahmen sollen jährlich bis zu 2,9 Millionen Euro einsparen, die wegen stark gestiegener Kosten für Personal, Energie und Fahrzeuge fehlen. Konkret: Das Nachtnetz startet künftig bereits ab 22:45 Uhr - eine Stunde früher als bisher. Die Buslinie 73 zwischen TU-Campus und Altchemnitz wird ohne Ersatz eingestellt, einzelne Takte in Schwachlastzeiten werden ausgedünnt. Das Kernnetz im Berufsverkehr bleibt laut Stadtverwaltung erhalten.

PRO BAHN-Vorsitzender Markus Haubold kritisiert den Beschluss scharf. „Weniger Busse und längere Wartezeiten treiben Menschen zurück ins Auto", so Haubold. Dass ab 22:45 Uhr ganze Stadtteile vom Nahverkehr abgekoppelt würden, treffe vor allem Schichtarbeitende und junge Menschen ohne eigenes Auto. PRO BAHN verweist zudem darauf, dass im aktuellen Nahverkehrsplan zwei zusätzliche Nachtlinien vorgesehen seien, die bis heute nicht umgesetzt worden seien.

Dresden: Haushaltssperre und drohende nächste Runde

In der Landeshauptstadt hat der Sparkurs beim ÖPNV früher begonnen als anderswo. Seit April 2025 setzen die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) Kürzungen um, die der Stadtrat im Rahmen des Doppelhaushalts 2025/2026 beschlossen hatte: In Ferienzeiten fahren Busse und Bahnen seltener, Linien wurden verkürzt oder umgeleitet. Der 10-Minuten-Grundtakt bei den Straßenbahnen blieb erhalten - mitunter wegen des öffentlichen Drucks: Über 40.000 Dresdnerinnen und Dresdner unterzeichneten ein Bürgerbegehren gegen die ursprünglich geplanten Einschnitte.

Doch die Haushaltslage der Stadt hat sich seither weiter verschlechtert. Im September 2025 verhängte Dresden eine Haushaltssperre für 2026: Nur die Hälfte des geplanten Budgets wird freigegeben, nachdem bereits zum Jahresende 2025 ein Fehlbetrag von rund 64 Millionen Euro erwartet wurde. OB Dirk Hilbert sprach von einer „dramatischen Finanzlage", wie sie alle Kommunen deutschlandweit treffe. Zusätzlich streitet die Stadt mit dem Freistaat über die Finanzierung des Bildungstickets: Hilbert wirft der Landesregierung vor, Ausgleichszahlungen nicht an die gestiegenen Betriebskosten anzupassen. Bleibe diese Lücke bestehen, drohe dem DVB-Netz eine weitere Kürzung von rund zehn Prozent, warnen Stadt und DVB.

DVB-Vorstand Andreas Hemmersbach bringt dabei auf den Punkt, was auch PRO BAHN als zentrales Argument anführt: Ein ausgedünntes Netz verliert Fahrgäste - und damit genau die Einnahmen, die es zur Stabilisierung bräuchte. PRO BAHN-Referent Michael Koch formuliert es gleichlautend: Ein reduziertes Angebot verschärfe die finanziellen Probleme nur weiter, weil Fahrgäste verloren gingen.

Genau deshalb setzt die DVB parallel auf konsequente Einnahmesicherung: Am Mittwoch, dem 3. Juni, findet in Dresden eine weitere Sperrkontrolle statt, bei der Ticketprüfer gemeinsam mit der Polizei Schwarzfahrer stellen wollen.

Strukturproblem ohne Antwort des Freistaats

Was die beiden Städte und den Landkreis eint, ist ein Finanzierungsproblem, das Kommunen und Kreise seit Jahren benennen: Die pauschalen Ausgleichszahlungen des Freistaats für ÖPNV-Einnahmeausfälle - etwa durch das Deutschlandticket - entwickeln sich langsamer als die realen Betriebskosten für Energie, Personal und Material. Infrastrukturministerin Regina Kraushaar hatte zuletzt erklärt, der freie Gestaltungsspielraum ihres Ministeriums habe sich im aktuellen Haushalt halbiert. Eine konkrete Reaktion auf die jüngsten Kürzungsbeschlüsse war bis Redaktionsschluss nicht bekannt.

PRO BAHN fordert Bund, Land und Kommunen auf, die ÖPNV-Finanzierung langfristig zu sichern und Kürzungen zu stoppen. Haubold: „Guter Nahverkehr entscheidet heute maßgeblich darüber, ob Menschen in einer Region bleiben oder wegziehen. Wer hier spart, zahlt am Ende einen deutlich höheren Preis."

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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