Till Neumeister ist Weinbauleiter im Staatsweingut Schloss Wackerbarth und damit verantwortlich für jene 90 Hektar Rebfläche, auf denen die Grundlage für rund 600.000 Flaschen pro Jahr entsteht – etwa 350.000 Flaschen Stillwein und 250.000 Flaschen Sekt in klassischer Flaschengärung. Schon im November vergangenen Jahres haben wir – kurz nach der Lese – diese Podcast-Folge aufgezeichnet, in der wir zwei Sekte und zwei Stillweine probieren, die alles vier das Zeug haben, zu überraschen. Denn nach wie vor verbinden noch immer viele Weinkenner Wackerbarth-Produkte nicht mit Spitzensekten oder Spitzenweinen in Verbindung. Aber wahrscheinlich haben die weder einen Bussard-Sekt noch einen Protze-Riesling probiert…
Dass Wein im Weinberg entsteht, ist eine oft bemühte Formel. Eine schöne Formulierung für punktgenaues Arbeiten: Besonders bei Sektgrundweinen entscheidet der Lesezeitpunkt über Stil und Qualität. Die Trauben werden früher geerntet als für Stillweine, um eine präzise, reife Säure und moderate Mostgewichte zu sichern. In warmen Jahren kann das bereits Ende August beginnen; 2018 war ein Extremfall mit sehr früher Blüte und entsprechend vorgezogener Lese. Spätburgunder aus den warmen Radebeuler Lagen bildet dann oft den Auftakt – unter anderem für Spitzensekte wie den Bussard oder den Blanc de Noir.
Wie starten mit einem – wortwörtlich – ausgezeichneten Sekt: 1836 heißt er, was ein praktischer Name ist: da weiß man, wann es losging mit den Schaumweinen in Sachsen, nämlich vor 190 Jahren. Der 1836 wurde im vergangenen Sommer von Meininger als bester trockener Sekt Deutschlands ausgezeichnet. Das ist Ehre für das Staatsweingut, aber auch toll für Verbraucher, denn mit 17 € im Shop des Weinguts ist diese Cuvée eigentlich ein Basissekt. Die „Cuvée Tradition“ besteht maßgeblich aus Riesling, ergänzt durch einen (je nach Jahrgang durchaus erheblichen) Anteil Weißburgunder sowie einen kleinen Schuss Scheurebe.
Auf die Logistik kommt es an
Gerade beim Sekt ist Logistik Teil der Qualitätsphilosophie. Trauben müssen kühl und schnell verarbeitet werden. Wackerbarth arbeitet mit speziellen Lesewagen nach dem Vorbild der Champagne; gelesen wird in den frühen Morgenstunden oder nachts. Kühlfahrzeuge stehen in den Weinbergen bereit. Trockeneis kommt nicht zum Einsatz – stattdessen setzt man auf Organisation und Tempo. Für Spitzenmaterial wird teilweise nur zwei Stunden am Tag gelesen, über mehrere Tage hinweg. Lieber 25 Personen konzentriert für kurze Zeit als eine kleine Mannschaft über mehrere Tage. Ziel ist eine nahezu punktgenaue Ernte hinsichtlich Säure und pH-Werts. Beim Sekt liegt der ideale pH-Wert niedriger als beim Stillwein; entscheidend ist vor allem, dass die Säure physiologisch reif ist. Unreife Säure schmeckt grün, gemüsig – ein Stil, den Neumeister kategorisch ausschließt.
Im Keller setzt sich die Akribie fort. Die gesetzlichen Mindestanforderungen – neun Monate Hefelager – spielen im Qualitätssegment keine Rolle. Als Mitglied im Verband traditioneller Sektmacher verpflichtet sich Wackerbarth zu deutlich längeren Reifezeiten. Zwei bis drei Jahre auf der Hefe sind bei vielen Sekten üblich, einzelne Chargen reifen länger. Ziel ist ein klassischer Stil mit feiner Perlage und Brioche-Noten. Die einfacheren Sekte im Transvasierverfahren werden extern produziert; die klassische Flaschengärung bleibt Kernkompetenz im Haus, wo Christiane Spieler die Sektproduktion verantwortet und die Önologie in den Händen von Jürgen Aumüller liegt – beide seit Jahren prägende Figuren im Betrieb. Die Sektbranche, betont Neumeister, sei überschaubar; man kenne sich, Austausch finde auf Augenhöhe statt.
Historisch steht Wackerbarth in einer besonderen Position. Das Gut gilt als eine der ältesten Sektmanufakturen Deutschlands und ist – mit ihren Vorgängern – die älteste in Sachsen. Bereits 1836 investierten drei Radebeuler Weinbergsbesitzer 100.000 Taler in die Gründung einer Sektmanufaktur. Ihr Kellermeister, Johann Joseph Mouzon, kam aus Reims und brachte das Know-how der Champagne mit. Aus dieser Tradition ging der „Bussard“ hervor, heute das Spitzenprodukt des Hauses. Seit 1972 ist die Marke in Wackerbarth integriert.
Der Bussard ist eine Cuvée aus Spätburgunder und Pinot blanc (Weißburgunder), ergänzt seit einigen Jahren durch Reserveweine – auch das hat sein Vorbild in der Champagne. Ein kleiner Anteil Grauburgunder in der Reservé erinnert an frühe Verschnitte. Die Mindesthefelagerzeit beträgt drei Jahre; einzelne Partien reifen deutlich länger. Der Bussard in unseren Gläsern lag 42 Monate auf der Hefe. Die Trauben stammen unter anderem aus der Radebeuler Lage Johannisberg, Parzelle Kynast, sowie aus der Monopollage Laubacher Thonberg in Diesbar-Seußlitz.
Neumeister sieht das sächsische Anbaugebiet prädestiniert für hochwertige Sekte: kontinentales Klima mit kühlen Nächten, differenzierte Böden – von Löss-Lehm bis zu vulkanischem Verwitterungsgestein – sowie historisch gesehen auch viel Erfahrung mit Schaumweinen. Gleichwohl sei die Qualität der Sekte außerhalb der Region (zu) wenig präsent. In der DDR-Zeit fehlte der internationale Austausch auf Spitzenniveau – und in der Nachwendezeit war die regionale Nachfrage stark genug, was einen offensiven Außenauftritt nicht nötig machte.
Stillweine von Alten Reben und aus der Protze
Ein Beispiel für die eigenständige Handschrift im Weinberg sind die „Alten Reben“ aus dem Goldenen Wagen. Die Terrassen wurden 1950 mit unterschiedlichen Sorten bepflanzt – u.a. Traminer, Riesling, Grauburgunder, Silvaner. Rechtlich darf das heute nicht als „Gemischter Satz“ bezeichnet werden; Bestandsschutz sichert jedoch die historische Anlage. Für Neumeister liegt die Herausforderung im Lesezeitpunkt: weniger analytische Daten als Erfahrung und Intuition entscheiden. Der Wein verändert sich im Glas dynamisch, zeigt salzige Mineralität ohne Schwere. Im Goldenen Wagen bewirtschaftet Wackerbarth ausschließlich Steil- und Terrassenlagen, insgesamt 4,8 Hektar innerhalb der 25 Hektar umfassenden Einzellage. Seit zehn Jahren arbeitet man herbizidfrei; Flora und Fauna haben sich sichtbar erholt. Pflanzenschutz mittels Drohnen befindet sich in der Erprobung. Der Erhalt der Kulturlandschaft ist Teil des Selbstverständnisses.
Zu den Parzellen, die Till Neumeister besonders schätzt, gehört die Protze, eine exponierte, windoffene Fläche mit rund 30 Jahre alten Reben. Die Erträge liegen extrem niedrig bei 10 bis 15 Hektolitern pro Hektar. Die Trauben werden in kleinen Kisten gelesen, schonend gepresst, der Most spontan vergoren und im Edelstahl ausgebaut. Das Ergebnis: ein Riesling mit klarer Struktur und hoher Konstanz, jährlich nahezu punktgenau um den 3. Oktober gelesen. Die Auflage liegt bei maximal 900 Flaschen.
Ob Sekt oder Stillwein – Neumeisters Ansatz bleibt derselbe: präzise Arbeit im Weinberg, engmaschige Kontrolle der Reifeparameter, kompromisslose Selektion. Auf die Frage nach Produktionsausweitungen reagiert er realistisch. Weder bei Wein noch bei Sekt könne man die Nachfrage vollständig bedienen. Platzkapazitäten, Jahrgangsschwankungen und der hohe Aufwand der klassischen Flaschengärung setzen natürliche Grenzen. Qualität definiert die Menge – nicht umgekehrt.
Podcast-Probe
- 1836 Hommage au Bussard
- Bussard Royal – Hommage Monsieur Mouzon, Réserve
- 2023 Alte Reben, Goldener Wagen
- 2023 Riesling Protze, Goldener Wagen
Einige Sprungmarken unseres Gesprächs
[00:00] Unser Gast kommt von Schloss Wackerbarth: Till Neumeister
[00:44] ploppt es oder zischt es? Im Glas: 1836 – ein „ausgezeichneter Sekt“
[03:19] Arbeitsbeginn!
[11:51] Wein entsteht im Weinberg (und dann kommt natürlich doch noch die Kellerarbeit). Aber was ist bei Trauben für Sekt besonders?
[25:17] wir kommen (jetzt schon!) zum Spitzenprodukt: Bussard
[45:45] bevor es weitergeht, nochmal Bussard!
[50:11] im Glas: Alte Reben aus dem Goldenen Wagen – aus der schlanken Magnum
[55:43] Goldener Wagen: Wackerbarth hat dort 4,8 ha
[1:00:01] Mastermind im Hintergrund: Janek Schumann (Podcast Folge 52 zu Gast)
[1:08:14] ins Glas fließt Wein von der Lieblingsparzelle von Matthias: Protze
Schloss Wackerbarth
Wackerbarthstraße 1
01445 Radebeul
Tel. +49 351 89550
[Aufgenommen am 20. November 2025]
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