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„Musikalisch tätig sein werde ich, bis ich den Löffel abgebe“

Foto: Lächelnder Mann mit längerem grauen Haar und grüner Basecap im Profil. Vor ihm hängt ein Mikrofon, linke Hand am Hals.
HC Schmidt aus Meißen. Foto: Karla Kotsch
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
HC Schmidt – ein Urgestein der ostdeutschen Kunst- und Musikszene kehrt zurück.

Ein Porträt von Ostara Jasmin Hennig

Meißen. Es gibt Künstler, die Bühnen füllen. Und es gibt Künstler, die Bühnen beleben. Hans Christian Schmidt, den alle nur HC Schmidt nennen, gehört zur zweiten Sorte: ein Schaffender, für den die Kunst keine Karriere ist, sondern Lebensnotwendigkeit.

Seit einigen Jahren lebt der gebürtige Dresdner in Meißen. Der Umzug war kein großer Plan, sondern ein Bauchgefühl: Die Dresdner Neustadt, wo er seit seinem achtzehnten Lebensjahr gelebt hatte, wurde ihm irgendwann zu laut. „Der Trubel nervte“, sagt er. Über das Internet fanden er und seine Partnerin das Grundstück und blieben. Jeden Tag gibt es im Garten und am Haus etwas zu tun. HC Schmidt genießt dieses Idyll und das tägliche Werkeln, auch wenn die Knochen oft nicht mehr so wollen wie der Geist.

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Über 50 Jahre auf den Brettern - bald sind es 60

Schmidt wurde 1952 in Dresden geboren. Sein Weg zur Musik war alles andere als geradlinig: Er verkaufte Metallwaren in einem Nylonkittel, reparierte Modelleisenbahnen, arbeitete als Hausmeister und war dann plötzlich Sänger. Es war Bernd Aust, der an seine Tür klopfte und fragte, ob er nicht Sänger bei electra sein wolle. Schmidt sagte ja. Und studierte extern an der Musikhochschule Dresden: Klavier, Sprecherziehung, Schauspiel, Stimmphysiologie—alles selbst finanziert.

Was folgte, waren Jahrzehnte auf der Bühne: bei Bands wie Generator, electra, Zwei Wege und Gualaceo, als Sänger, Sprecher, Schauspieler und Musiker. Jemand, der sich nie auf ein Genre reduzieren ließ. „Jede Band war bei mir von der Stilistik her völlig anders“, sagt er. „Ob klassischer Rock, Jazz, Balladen—was früher Artrock hieß.“ In seiner Hochphase zwischen 2015 und 2020 liefen zeitgleich 13 verschiedene Programme: musikalische Lesungen, szenische Lesungen, Ausstellungseröffnungen mit Saxophonisten und Geigern, Schauspielauftritte, Hörbücher, Studioarbeit. Er spielte Schlagzeug, Keyboards, Gitarre und sang in einer Band auf Spanisch. Auf die Frage, was ihn antreibt, antwortet er: „Die Vielseitigkeit hat mein künstlerisches Schaffen immer wieder aufgepeitscht. Immer wieder was Neues tun.“

Tom Waits, Villo, Bukowski - und Meißen

In späteren Jahren entwickelte Schmidt ein unverwechselbares Programm: szenisch-musikalische Lesungen, in denen er Tom Waits singt und Charles Bukowski lies, Texte von François Villon deklamiert und Leonard Cohen interpretiert. Es ist eine Welt aus Sinn und Suff, aus Schönheit am Rande des Abgrundes.

Das Literaturfest Meißen spielte dabei eine besondere Rolle. Hier entdeckte Schmidt einst Bukowski für sich—und war überwältigt von der Seelenverwandtschaft zwischen dem rau-unangepassten US-Poeten und dem melancholischen Songwriter Tom Waits. Das Festival wurde zu einer regelmäßigen Wirkungsstätte und zu einer Bühne, auf der Literatur und Musik zu etwas verschmelzen, das größer ist als beides.

Über fünfzig Jahre zieht HC Schmidt seinen Karren über knarrende Bühnendielen, beladen mit allem, was das Leben schwer und schön macht. Eine Ausdauer, die vielleicht aus Ehrgeiz kommt, und bestimmt aus dem schlichten Unvermögen, etwas anderes zu sein. Bald sind es sechzig Jahre.

Die stille Zeit - und der wahre Grund

Dann wurde es ruhiger. Sein letzter Live-Auftritt war im Dezember 2024 bei einem Bukowski-und-Tom-Waits-Abend. Eine chronische Erkrankung zwingt ihn, leiser zu treten. „Da fällt mir alles etwas schwerer“, sagt er, ohne zu klagen. Die Studioarbeit lief weiter, regelmäßig entstanden neue Aufnahmen. Aber die Bühne fehlte. „Natürlich hat mir das gefehlt.“

Aufgehört hat er deshalb nicht. Und daran denkt er nicht. „Musikalisch tätig sein werde ich wohl so lange, bis ich den Löffel abgebe.“

Die Idee kam übern Gartenzaun

Zum Literaturfest Meißen 2026 steht HC Schmidt nun mit einem bunten Kinderlieder-Programm auf der Bühne. Ein reines Live-Konzert im klassischen Sinne sollte das Publikum an diesem Tag allerdings nicht erwarten: Das Kinderprogramm wird für die Kleinen und Junggebliebenen vom Band eingespielt. Das hautnahe, lebendige Highlight des Nachmittags findet dennoch live statt: Drei ganz besondere Duette wird HC Schmidt gemeinsam mit Liz auf der Bühne singen.

Die Idee dazu entstand auf eine denkbar unspektakuläre Weise. Seine Grundstücksnachbarin Gudrun Gaube, eine bekannte Porzellankünstlerin aus Meißen, beobachtete seit Längerem das musikalische Treiben bei Schmidt, die Proben, die Musik, die über den Zaun drang. Eines Tages kam sie rüber, frische Eier im Arm—Schmidt gibt ihr dafür Brötchen —, und brachte den Vorschlag auf. Schmidt griff ihn auf, sprach mit Liz, und die war sofort Feuer und Flamme. „Die Idee kam nicht von mir, die kam nicht von Liz—wir wären niemals darauf gekommen. Schuld ist meine Grundstücksnachbarin Gudrun Gaube.“

Die Beschäftigung mit der neuen Leichtigkeit sieht er als spannenden Ausflug ins Licht. Bei der Vorbereitung faszinierte ihn die Entdeckung, dass selbst ein sonst so rauer Poet wie Charles Bukowski gelegentlich zärtliche Texte über seine Tochter Marina schrieb – für HC Schmidt ein Beweis, dass hinter der dunkelsten Fassade immer Platz für das Sanfte bleibt. Auf der Bühne in Meißen geht es nächste Woche natürlich rein kindgerecht zu.

Ein Künstler, der sich neu erfindet

Was HC Schmidt auszeichnet, ist die Weigerung, in einer einzigen Rolle zu verharren. Neben dem düster-melancholischen Kosmos von Tom Waits und Charles Bukowski, für den ihn sein Publikum seit Jahren schätzt, schlägt er nun in Meißen eine ganz neue Richtung ein. Das Kinderprogramm und die exklusiven Live-Duette mit Liz zeigen eine weitere Facette eines Musikers, der sich das Staunen und die Neugier nicht nehmen lässt.

An Schmidts Seite steht Liz, eine junge Sängerin, mit der er bereits Duette für sein neues Balladenalbum eingespielt hat. Ein Zeichen dafür, dass er in der stillen Zeit keineswegs geschwiegen hat. „Sie hat eine sehr zarte Stimme. Aber auch eine sehr kraftvolle, vor allen Dingen, wenn sie das optisch unterstreicht“, sagt Schmidt. Das kenne er von sich selbst—Handbewegungen, Gesten, der Körper als Teil des Ausdrucks. Doch das allein erklärt nicht, warum Liz für ihn besonders ist. „Sie hat mir als Mensch, als musikalisches Talent, irgendwie meine Seele aufgebrochen und mir neue Lebenskraft gegeben.“ Welche Wege die beiden musikalisch vielleicht noch gehen werden, das lässt er offen.

Meißen hat ihn. Das Literaturfest hat ihn zurück. Auf die Frage, was er heute weiß, das er mit dreißig noch nicht wusste, antwortet HC Schmidt ohne Zögern: „Dass das Leben endlich ist. Und dass man schneller sterben kann, als man vielleicht denkt.“ Eine kurze Pause. Dann fügt er hinzu: „Und das Verrückteste: dass man sich als alter Kerl wie ich noch mal neu begeistern kann.“ Er sagt das mit seiner so typischen Stimme: tief geerdet, mit einem Timbre, das selbst den beiläufigsten Satz in etwas verwandelt, das bleibt.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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