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Hexenbrennen 2026: Warum wir eine Frauenpuppe verbrennen und den Igel gleich mit

Großes Lagerfeuer bei Nacht, hell lodernde Flammen eines brennenden Holzstapels beim Hexenbrennen zur Walpurgisnacht, im Vordergrund unscharf mehrere Personen als Silhouetten gegen das Feuer.
Hexenbrennen in der Oberlausitz: In der Nacht zum 1. Mai lodern in vielen Orten Sachsens die Feuer – ein Brauch mit langer Geschichte und kurzen Fragen. / KI generiert mit FLUXX
Von: Lukas Breuer
Hexenbrennen in der Oberlausitz: Tradition, Dosenbier und eine brennende Frauenpuppe – während das EU-Parlament gerade erst für „Nur Ja heißt Ja" gestimmt hat. Ein Blick auf das, was wir da eigentlich feiern.

Es ist wieder so weit. Heute Nacht. In der Oberlausitz - und inzwischen eigentlich überall, wo Holzpaletten und Dosenbier zusammenfinden - wird zelebriert, was man hierzulande stolz „Tradition" nennt: das Hexenbrennen. Man errichtet einen meterhohen Holzstapel, zündet ihn an, und feiert damit – nun ja – offiziell die Vertreibung des Winters. Inoffiziell feiert man vor allem das Ableben der eigenen Leber.

Auf dem Stapel thront dabei eine Puppe. In Frauengestalt, versteht sich. Sie wird mit Inbrunst dem Flammentod übergeben, während ringsum applaudiert wird. Dass zwischen 40.000 und 60.000 Menschen – zu etwa 80 Prozent Frauen – als angebliche Hexen verfolgt, gefoltert und verbrannt wurden, verleiht der Szenerie eine gewisse historische Würze. Dass Feministinnen seit den 1970er-Jahren die Walpurgisnacht mit dem Slogan „Wir erobern uns die Nacht zurück" (Take Back The Night) als Tag gegen Gewalt an Frauen begehen, interessiert in diesem Kontext naturgemäß wenig. Die Frau brennt, der Mann zapft nach. Läuft.

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Apropos Frauen und Europa: Vorgestern, also zwei Tage bevor hier die Puppen brennen, hat das EU-Parlament mit 447 zu 160 Stimmen beschlossen, dass Sex ohne ausdrückliche Zustimmung EU-weit als Vergewaltigung gelten soll. „Nur Ja heißt Ja." Ein erster Versuch 2024 war noch am Veto mehrerer Länder gescheitert – Deutschland voran, damals auf Betreiben des FDP-Justizministers. Der Beschluss ist übrigens nicht bindend. Die EU-Kommission darf sich das noch überlegen. Man ist ja nicht unbedingt in Eile, wenn es um Frauen geht.

In der Zwischenzeit: Puppe aufstellen, anzünden, anfeuern. Tradition.

Was ebenfalls niemanden zu stören scheint: der Igel, der sich seit Wochen gemütlich im Innern des Holzhaufens eingerichtet hat. Und der Siebenschläfer. Und die Amselfamilie im dritten Stock. Dabei weiß man in diesem Land durchaus, wie man Tiere rettet, wenn man es wirklich will: Ganz Deutschland schaut seit Wochen gerührt dabei zu, wie Buckelwal Timmy auf einem Lastkahn durch die Ostsee geschleppt wird – Millionäre involviert, GPS-Sender extra aus den USA eingeflogen. Dem Igel hätte ein kurzer Blick in den Holzstapel gereicht.

Natürlich ist das alles lieb gemeint. Gemeinschaft, Brauchtum, Lagerfeuerromantik. Und ja, es gibt Stockbrot. Das rettet bekanntlich alles.

In diesem Sinne: Allen Hexenbrennenden, Feuerwachenden, unfreiwillig knuspernden Kleintieren und Dosenbier-Traditionspflegenden wünsche ich eine feurige Nacht, trockene Socken und am nächsten Morgen ein gnädiges Erwachen. Timmy drückt die Flosse.

Lukas Breuer
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Lukas Breuer

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