Es ist wieder so weit. Heute Nacht. In der Oberlausitz - und inzwischen eigentlich überall, wo Holzpaletten und Dosenbier zusammenfinden - wird zelebriert, was man hierzulande stolz „Tradition" nennt: das Hexenbrennen. Man errichtet einen meterhohen Holzstapel, zündet ihn an, und feiert damit – nun ja – offiziell die Vertreibung des Winters. Inoffiziell feiert man vor allem das Ableben der eigenen Leber.
Auf dem Stapel thront dabei eine Puppe. In Frauengestalt, versteht sich. Sie wird mit Inbrunst dem Flammentod übergeben, während ringsum applaudiert wird. Dass zwischen 40.000 und 60.000 Menschen – zu etwa 80 Prozent Frauen – als angebliche Hexen verfolgt, gefoltert und verbrannt wurden, verleiht der Szenerie eine gewisse historische Würze. Dass Feministinnen seit den 1970er-Jahren die Walpurgisnacht mit dem Slogan „Wir erobern uns die Nacht zurück" (Take Back The Night) als Tag gegen Gewalt an Frauen begehen, interessiert in diesem Kontext naturgemäß wenig. Die Frau brennt, der Mann zapft nach. Läuft.