Ein Kommentar von Silvia Naumann
Künstliche Intelligenz schreibt Texte in Sekunden. Sie fasst Sitzungen zusammen, wertet Daten aus, übersetzt Pressemitteilungen und produziert Nachrichten zu Kosten, von denen Lokalredaktionen nur träumen können. Für Verlage klingt das wie eine Erlösung. Für den Lokaljournalismus könnte es der Anfang vom Ende sein. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, ob KI den Lokaljournalismus verändert. Das tut sie längst. Die entscheidende Frage ist: Werden wir zulassen, dass Maschinen Menschen im Lokalen ersetzen – oder nutzen wir KI, um genau das zu bewahren, was sie nicht kann?
Die Versuchung ist groß. Lokalredaktionen arbeiten am Limit, Budgets schrumpfen, Stellen werden abgebaut. Wenn eine KI aus Ratsinformationssystemen, Polizeiberichten und Veranstaltungskalendern automatisch Texte erzeugt, liegt der Gedanke nahe: Warum noch Reporterinnen und Reporter bezahlen? Warum noch jemanden hinschicken, wenn ein Algorithmus alles „weiß“? Doch wer so denkt, verkennt, was Lokaljournalismus leistet. Er verwechselt Information mit Öffentlichkeit.
Eine automatisch generierte Meldung kann sagen, dass im Gemeinderat gestritten wurde. Sie kann aber nicht erklären, warum. Sie kennt keine Vorgeschichten, keine verletzten Eitelkeiten, keine jahrelangen Konfliktlinien. Sie weiß nicht, welche Entscheidung im Ort als Affront empfunden wird – und welche als Befreiung. Genau das aber ist der Kern lokaler Berichterstattung.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de
