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Ungarn zeigt: Konservativ geht auch ohne Feindbild – ein Modell für Sachsen?

Dorfbesuch
Ländlicher Raum Sachsen (Bild: Thomas Wolf)
Von: Thomas Wolf

Péter Magyar hat Viktor Orbán aus dem Amt gefegt. Nicht mit linken Parolen, nicht mit Großstadtaktivismus – sondern mit zwei Jahren Knochenarbeit in den kleinsten Dörfern des Landes. Wer in Sachsen politisch gestalten will, sollte genau hinschauen.

Was in der Nacht von Sonntag auf Montag in Budapest geschah, ist mehr als ein Regierungswechsel in einem mitteleuropäischen Land. Es ist eine Blaupause. Péter Magyar und seine Tisza-Partei haben Orbáns Fidesz nach 16 Jahren nicht nur besiegt – sie haben ihn mit einer voraussichtlichen Zweidrittelmehrheit regelrecht deklassiert. Bei einer Rekordbeteiligung von fast 78 Prozent. Das muss man erst einmal sacken lassen.

Doch der eigentliche Clou dieser Wahl liegt nicht im Ergebnis. Er liegt im Weg dorthin.

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Der Mann, der aufs Land ging

Magyar hat etwas getan, was in der politischen Landschaft Europas fast schon vergessen scheint: Er ist hingegangen. Nicht zu den Kameras in der Hauptstadt, nicht in die Talkshows, nicht auf die großen Bühnen – jedenfalls nicht zuerst. Seit mehr als zwei Jahren reiste er durch ganz Ungarn, besuchte Hunderte Ortschaften, stand auf Marktplätzen in Kleinstädten und auf Lastwagen-Ladeflächen in Dörfern, die seit Menschengedenken kein Spitzenpolitiker betreten hatte. Er machte Selfies, hörte zu, redete mit den Leuten über das, was sie wirklich umtreibt: das marode Gesundheitswesen, fehlende Infrastruktur, die steigenden Lebenshaltungskosten, Korruption.

Und genau damit brach er Orbáns wichtigste Mauer: die ländliche Hochburg. Auf dem Land, wo 88 der 106 Direktmandate vergeben werden, hatte Fidesz seine Machtbasis über Jahre mit Klientelpolitik und staatlichen Förderprogrammen zementiert. Magyar durchbrach diese Dominanz – nicht mit Geld, sondern mit Präsenz.

Das Land, das politisch brachliegt

Jetzt der Schwenk nach Sachsen. Und hier wird es unbequem.

In Sachsen leben rund die Hälfte der Menschen in Gemeinden unter 20.000 Einwohnern – im ländlichen Raum also, in den Dörfern des Erzgebirges, der Oberlausitz, des Vogtlands. Und genau dort, wo die Menschen am meisten das Gefühl haben, dass sich niemand für sie interessiert, genau dort wird politisch am wenigsten geackert. Das Wortspiel sei erlaubt, denn es trifft den Kern.

Die Grünen? Dreiviertel ihrer Mitglieder leben in Dresden und Leipzig. Die SPD? Kämpft seit Jahren um Relevanz jenseits der Großstädte. Die Linke? Im Sinkflug, selbst in ihren letzten Hochburgen. Und die CDU? Sie setzt unter Michael Kretschmer seit Jahren auf Bürgerdialoge im ganzen Bundesland. Kürzlich erst in Schkeuditz. Spricht mit den Menschen über Ideen und ihre Sorgen. Dennoch kann sich die CDU auf dem Land nicht mehr als stärkste Kraft durchsetzen. Das liegt auch daran, dass es Michael Kretschmer allein nicht richten kann, wenn die Strukturen vor Ort fehlen. In den Vereinen vor Ort keine CDU Leute mehr sitzen.

Das politische Vakuum auf dem sächsischen Land wird seit Jahren von rechts gefüllt. Die AfD erreichte bei der Landtagswahl 2024 gerade in ländlichen Regionen ihre stärksten Ergebnisse, gewann zahlreiche Direktmandate von der CDU. Freie Sachsen und andere rechtsextreme Kleinparteien betreiben in manchen Gemeinden eine Art parallele Öffentlichkeit. Nicht weil ihre Politik besser wäre - sondern weil sie da sind.

Konservativ ja, destruktiv nein

Und hier kommt die zweite, vielleicht wichtigere Lektion aus Ungarn.

Magyar ist kein Linker. Er ist kein Liberaler im klassischen Sinne. Er kommt aus dem Fidesz-System, war selbst Teil der Orbán-Welt. Die Tisza-Partei wird als konservativ bis liberal-konservativ eingeordnet, sie hält an einer restriktiven Migrationspolitik fest, lehnt eine beschleunigte EU-Integration der Ukraine ab, setzt auf Familienpolitik und nationale Identität. All das sind Positionen, die man im sächsischen Kontext sofort wiedererkennt – es sind die Themen, die den Menschen in Dippoldiswalde, Annaberg-Buchholz oder Bautzen wichtig sind.

Der entscheidende Unterschied zu Orbán: Magyar hat seinen Wahlkampf nicht auf Feindbildern aufgebaut. Während Orbán in den letzten Wochen zunehmend verzweifelt versuchte, mit KI-generierten Schreckensvideos, Anti-Selenskyj-Kampagnen und absurden Kriegsszenarien Angst zu schüren, sprach Magyar über Krankenhäuser, in denen die Klimaanlage kaputt ist. Über Straßen, die seit Jahren nicht saniert wurden. Über Löhne, die nicht zum Leben reichen.

Die Ungarn haben nicht gegen konservative Politik gestimmt. Sie haben gegen eine Politik gestimmt, die nur noch aus Feindbildern, Angst und Selbstbereicherung bestand. Sie haben für eine konservative Politik gestimmt, die nach vorn schaut.

Was das für Sachsen bedeutet

Die politische Parallele ist frappierend. Auch in Sachsen gibt es eine breite Mehrheit, die konservative Werte teilt – Heimatverbundenheit, Sicherheit, Ordnung, Skepsis gegenüber zu schnellem Wandel. Das ist vollkommen legitim. Aber die AfD, die diese Stimmung am lautesten bedient, bietet nichts an außer Dagegen-Sein. Gegen die EU, gegen die Ampel (die es nicht mehr gibt), gegen Migranten, gegen den Westen, gegen alles. Eine konstruktive Vision für Sachsen? Fehlanzeige.

Magyar beweist: Man kann konservativ sein und trotzdem proeuropäisch. Man kann die Sorgen der Menschen ernst nehmen, ohne ihnen Feindbilder als Lösung zu verkaufen. Man kann auf dem Land Wahlkampf machen, ohne den Menschen nach dem Mund zu reden – wenn man ihnen dafür ehrlich zuhört.

Die Frage, die sich jede demokratische Partei in Sachsen stellen muss, ist simpel: Wann wart ihr das letzte Mal in einem Dorf im Erzgebirge? Nicht für einen Fototermin. Nicht für eine Wahlkampfveranstaltung drei Wochen vor der Wahl. Sondern einfach so. Um zuzuhören. Um zu verstehen, warum der letzte Arzt den Ort verlassen hat, warum der Bus nur noch zweimal am Tag fährt, warum die jungen Leute weggehen und nicht wiederkommen.

Magyar hat das zwei Jahre lang gemacht. Jeden Tag. In Hunderten Orten. Das Ergebnis: eine historische Zweidrittelmehrheit.

Der ländliche Raum wartet nicht

Die Lehre aus Budapest lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wer die Menschen auf dem Land will, muss zu den Menschen auf dem Land gehen. Nicht digital, nicht über Social Media, nicht mit Hochglanzbroschüren, sondern persönlich. Und dann muss man ihnen etwas anbieten, das über Angst und Feindbilder hinausgeht. Eine echte Perspektive. Investitionen in Gesundheitsversorgung, Mobilität, Breitband. Respekt für ihre Lebensweise, ohne sie als rückständig abzustempeln.

In Sachsen klafft im ländlichen Raum ein politisches Loch, das jedes Jahr größer wird. Die AfD füllt es mit Ressentiment. Die anderen Parteien starren zu oft nur auf die Großstädte. Wer sich fragt, warum 35 Prozent der Sachsen eine Partei wählen, die ihnen materiell nichts zu bieten hat – der findet die Antwort nicht in den Umfragen. Der findet sie auf den leeren Marktplätzen von Weißwasser, Marienberg oder Löbau.

Péter Magyar hat in Ungarn gezeigt, dass es anders geht. Dass man einen autoritären Populisten schlagen kann. Nicht von links, sondern von der Mitte-rechts. Mit Präsenz statt Propaganda. Mit Lösungen statt Feindbildern. Mit Respekt statt Zynismus.

Sachsen könnte von diesem Modell lernen. Die Frage ist nur, ob jemand bereit ist, sich die Schuhe schmutzig zu machen.

Thomas Wolf
Artikel von

Thomas Wolf

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